Blick auf die drei reihenhausartigen Wohneinheiten mit Garten und Loggia im Innenhof des Umgebauten Gebäudekomplexes in der Urbanstraße Stuttgart. Foto: Dietmar Strauss/Plan Forward

So wurde aus seinem Verwaltungsgebäude in Stuttgart ein architektonisch feines Mehrfamilienhaus mit Wohnungen, Reihenhäusern und einem begrünten Innenhof.

Stuttgart - Mitten in der Stadt und doch im Grünen wohnen, das ist der Traum vieler Menschen – von Singles, Paaren wie Familien. Möglich geworden für sie alle ist dies in Stuttgart bei einem spektakulären Umbau in schönster Innenstadtlage.

 

Wo vorher niemand lebte, finden sich jetzt 19 Wohnungen, inklusive drei Townhouses, wie man heute zu Reihenhäuschen sagt. In die Oper und in die Einkaufsstraßen der Innenstadt sind es nur ein paar Minuten Fußweg.

Ein eher gesichtsloses Verwaltungsgebäude wurde bis auf den Rohbau zurückgebaut, saniert mit einer nachhaltigen Mineralwolldämmung, umgebaut und Aufstockungen in Holzskelett-Bauweise errichtet. Dafür gab es jüngst von der Architektenkammer Baden-Württemberg eine Auszeichnung für „Beispielhaftes Bauen“.

Umbauten sind ökologisch sinnvoll

„Ein Umbau statt Abriss und Neubau ist ökologisch sinnvoller und letztlich auch ökonomisch, denn bei einem Neubau hätte man das Gebäude aus baurechtlichen Gründen nicht mehr in derselben Kubatur bauen dürfen“, sagt der Architekt Thomas Wadl von dem Stuttgarter Architekturbüro Plan Forward: „Umbauen statt neubauen in den innenstadtnahen Lagen ist ein großes Thema für die Zukunft.“

Der wortspielerische Anglizismus „Urban Living Stuttgart“ für das Projekt geht in Ordnung, denn urban, städtisch, ist das Projekt ja und zudem liegt es in der gleichnamigen Urbanstraße, ganz der Nähe der von James Stirling entworfenen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Anspielungen an die benachbarten Häuser

Das Objekt besteht aus einem sechsgeschossigen Vorder-, einem Rück- und einem Mittelgebäude. Schon die Front mit hervorspringenden, farblich dezenten Fassadenteilen und bodentiefen Fenstern sieht smart aus.

„Durch eine spielerische Anordnung von Erkern erweitert sich der Wohnraum“, sagt der Architekt Thomas Wadl. „Gleichzeitig nehmen die Erker als gründerzeitliche Gliederungselemente einen Bezug zu historischen Gebäuden in der Nachbarschaft.“ Textiljalousien bieten Sicht- und Sonnenschutz, ermöglichen aber den Blick auf die Straße.

Balkons gehen vor allem nach hinten heraus, wie man sieht, wenn man durch den barrierefreien Hausflur auf den Innenhof geht. Hier beginnt das Staunen: da wo vorher ein asphaltierter Parkplatz war, ist nun ein kleiner Spielplatz. Samt Sitzflächen und viel Grün, Buschröschen und Schmetterlingssträuchern, die auch bei den Bienen äußerst beliebt sind.

Grünflächen statt Parkplätze

„Wir haben gesagt, das ist eine zu wertvolle Fläche für Parkplätze. Wir nutzen den Innenhof lieber für Gartengrün und Erholungsmöglichkeiten. Für Autos haben wir jetzt unterirdische Stellplätze und im Eingangsbereich eine abschließbare Box für Fahrräder“, sagt der Architekt Thomas Wadl. Unterkellert sind die Flächen überdies und die Dächer allesamt begrünt.

Der Blick schweift. Gerade aus ist das umgebaute Rückgebäude, mit Flachdach und Loggien. Man sieht nach links hinüber zu dem eingeschossigen Mittelteil (mit großer Terrasse), daran angrenzend das querstehende Nachbargebäude. Es ist ein älteres Flachdach-Mehrfamilienhaus mit schönen Balkonen aus der Nachkriegszeit. Wüsste man es nicht besser, könnte man alles als so geplantes Ensemble sehen.

„Um Wohnraummangel in den Städten und Rohstoffknappheit entgegenzuwirken, müssen kreative Wege gefunden werden – ein solcher ist die Umnutzung von vorhandenen Gebäuden“, sagt Marc Bosch, Geschäftsführer der Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH, die Bauherrin des Projekts ist. „Im Herzen Stuttgarts ist es uns gelungen, hochwertigen Wohnraum zu schaffen.“

Kleine Wohneinheiten sind gefragt

Klug war auch die Entscheidung der Bauherrin, dem Rat der Architekten zu folgen und das im Innenhof befindliche Rückgebäude in drei vertikale Stadthäuser (man könnte auch Reihenhäuser dazu sagen) zu verwandeln. Keines größer als 135 Quadratmeter, Platz genug also für Familien mit Kindern. Jedes hat ein Gärtchen nach vorne und nach hinten, außerdem jeweils eine Dachterrasse.

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Auch bei der Aufstockung des Vordergebäudes schuf man lieber zwei Einheiten (ein Penthouse mit Dachterrasse, eine kleine Maisonette-Wohnung) statt einer Luxusbude. „Die erste Wohnung, die verkauft wurde, war die 50-Quadratmeter-Dachwohnung“, sagt der Architekt. Aber auch die anderen Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen in der Größe bis 115 Quadratmetern tragen zur Belebung der Stadt bei.

„Mit dieser Umnutzung konnte damit ein Grundstein für eine weitere Entwicklung im Quartier gelegt werden“, sagt Marc Bosch. In der Tat: Auch beim Blick aufs benachbarte öffentliches Gebäude samt Hinterhof-Parkplatz-Betonwüstenei wünscht man diesem (und anderen) Gebäude und ähnlichen Gebäuden – und den dringend Wohnungen suchenden Städtern – auch so eine Chance auf ein zweites Leben in Schönheit.

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Umbauten

Darauf sollen Bauherren vor dem Umbau achten
Thomas Wadl, Architekt von Plan Forward, rät einer angehenden Bauherrenschaft, die ein älteres Projekt umbauen will: „Man sollte möglichst früh Architekten und bei Bedarf Fachplaner wie Tragwerksplaner oder Bauphysiker hinzuziehen, die die Substanz des Gebäudes prüfen. Sie können auch Ratschläge in Sachen Flächenoptimierungen und sinnvollen energetischen Sanierungen geben.“

Inspiration
Die Architektenkammer Baden-Württemberg (akbw.de) vergibt Preise für „Beispielhaftes Bauen“. Darunter ist auch das Projekt „Urban Living Stuttgart“ vom Architekturbüro Plan Forward (plan-forward.de). Dort und auf der Homepage zum „Hugo Häring Preis“ (hugo-häring-preis.de) des Bundes Deutscher Architekten finden sich auch ausgezeichnete Umwidmungen und Umbauten.

Förderung
Für Sanierung und Erweiterung von Wohnraum gibt es Unterstützung von der staatlichen Förderbank (kfw.de) und vom Bund (bafa.de). Mit Finanzhilfen in Höhe von 265 Millionen Euro fördert das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen des Landes Baden-Württemberg im Jahr 2021 über 361 städtebauliche Erneuerungsmaßnahmen.