Klare Kante: Das rote Haus in Illerbeuren. Foto: Soho Architektur/Soho

Das rote Haus in Illerbeuren gehört zu den „50 besten Einfamilienhäusern“ Deutschlands. Warum? Weil der Architekt Mut zur Farbe bewies. Weil die Bauherren keine Angst vor schrägen Ideen hatten. Und weil die Baukosten mit gut 300 000 Euro ein gutes Argument für den Rückzug aufs Land sind.

Stuttgart/Illerbeuren - Es kann schon mal vorkommen, dass man die Orientierung verliert. Dass man von München auf der A 96 in Richtung Bodensee fahrend im Unterallgäu abbiegt und sich auf der bayrischen Seite plötzlich – in Schweden wähnt. Etwa in den Romanen von Astrid Lindgren, wo in den typisch roten, von Wiesen und Bäumen umgebenen Holzhäusern eine unbeschwerte Kindheit zelebriert wird.

 

Renommierte Architekten-Jury

Auch in Illerbeuren steht ein rotes Holzhaus und weckt dieses heimelige Bullerbü-Gefühl. Das Gebäude ist von der Straße nicht zu übersehen. Doch es ist beileibe keine einfache Hütte, die Julia und Michael Staudinger mit ihren Kindern bewohnen, sondern ein viel beachtetes Architektenhaus, das zu den „50 besten Einfamilienhäusern“ im Jahr 2020 gehört, zumindest ist das die Meinung der renommierten Architekten-Jury des Callwey Verlags, die alljährlich die Auszeichnung vergibt. Entworfen hat den Bau Soho-Architekten, so nennt sich das Memminger Architekturbüro von Alexander Nägele.

Prägnantes Rot

Gekonnt spielt der Architekt dabei mit den örtlichen Gegebenheiten, er nimmt Bezug auf unmittelbar Vorhandenes und Anleihen aus der näheren Umgebung. Von wegen Bullerbü! Denn die rote Farbe für den so auffälligen Außenanstrich war auch mal gar nicht so untypisch für die ländliche Architektur im Südosten Deutschlands. Die rote Farbe, dieses Ochsenblutrot, fand Nägele zum Beispiel an einem Haus rund 200 Meter weiter über der Iller in Lautrach, weiß Bauherrin Julia Staudinger zu berichten. Und auch sonst könne man das auffällige Rot im Illerwinkel allerorten erspicken, an Fensterläden, an Scheunen oder im Fachwerk. Im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren, das sich einen Steinwurf vom Haus der Staudingers entfernt befindet, ist das prägnante Rot ebenfalls zu entdecken.

„Nehmen Sie doch Grau!“

Was aber nicht heißt, dass dieser Farbton leicht zu beschaffen wäre. Im Gegenteil: „Nehmen Sie doch Grau. Das ist doch modern“, hieß es in einem Fachgeschäft, erinnert sich eine lachende Julia Staudinger, die nebenan auf dem Hof der Eltern und Großeltern aufgewachsen ist. Doch Alexander Nägele gab nicht auf, wurde fündig, allerdings in der Schweiz.

Dynamische Linienführung

Der Mut zur Farbe war nicht das alleinige Zitat der traditionellen Baukultur. Die Soho-Architekten übernahmen zwar die herkömmliche Bauweise im Allgäu, die sich aus den Eindachhöfen ableitet und normalerweise durch ein steiles, nicht durch Dachaufbauten gestörtes Satteldach über einen lang gestreckten, schmal proportionierten Baukörper gekennzeichnet ist. Wobei die Fassaden überwiegend mit einer hölzernen Boden-Decken-Schalung versehen sind. So weit, so gut – und unspektakulär.

Dass das rote Haus in Illerbeuren nun dermaßen dynamisch in der Landschaft steht, liegt an der schrägen Linie des Aluminiumdachs. Die Traufhöhe des acht mal zehn Meter großen Gebäudes steigt von links nach rechts deutlich an und schafft eine ungewöhnliche Optik. Wer das Gebäude zu Fuß umkreist, erkennt: Hier regiert die Asymmetrie auf jeder Gebäudeseite, das Unregelmäßige, das sich letztlich auch im Inneren fortsetzt.

Selten geradlinig

Das erzeugt Spannung – und neue Bezüge. Schließlich ist man auf dem Land und da geht es selten geradlinig zu. Die Abweichung vom rechten Winkel ist die Norm, die Volumina wechseln in der Größe. Doch was sagten die Bauherren, als sie erstmals die Pläne des Architektenbüros vor sich ausgebreitet sahen? „Wow, da entsteht etwas richtig Tolles“, waren sich die Staudingers sicher.

Außen hui, innen hui!

Diese erste Reaktion ist eher ungewöhnlich. Das weiß auch Alexander Nägele im Nachhinein noch zu schätzen: „Die Bauherren in Illerbeuren hatten den Mut, die üblichen Pfade zu verlassen. Schon die Tatsache, dass sie mit einem Architekten planten, ist im ländlichen Kontext immer noch eher die Ausnahme. Für ein schlussendlich gelungenes Projekt ist es wichtig, dass man gegenseitiges Vertrauen aufbauen kann.“ Und das Vertrauen hat sich gelohnt. Das Haus bietet 170 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt über drei Stockwerke. Doch das Haus wirkt wesentlich großzügiger bemessen.

Sehnsuchtsort auf dem Land

Im Erdgeschoss geht der Wohnbereich in den Ess- und Kochbereich über, der sich einerseits über einen Hof zum Elternhaus von Julia Staudinger öffnet, andererseits die rückwärtige Wiese durch große Terrassenfenster und -türen ins Innere holt. Man schaut auf die unverbaute Landschaft und hinüber bis zum Fluss, sieht, wie das Grün der Wiese sich an das Blau des Himmels schmiegt und das Auge beruhigt. Und man kann nachvollziehen, warum so viele Stadtmenschen, vor allem zahllose Familien, sich genau danach sehnen. Nach einem Ort der Ruhe in der Natur.

Schicke Badezimmer

Drinnen die Entsprechung: Das Rustikale der massiven, vorgefertigten Brettsperrholzwände und der Faserzementplatten im Küchenbereich bildet einen reizvollen Kontrast zu dem weißen Gipskarton in den oberen Geschossen. Absolut besuchenswert, selbst ohne Not und Drang: die farblich eindrücklich gestalteten Toiletten und Badezimmer. Hier könnte man Stunden verbringen, so schick ist es. Im dunklen Badezimmer unterm Dach hat man, wenn man in der Badewanne planscht, auf Augenhöhe ein Fenster eingebaut bekommen, zur kalmierenden Aussicht ins Grün. Eine rote Nasszelle im Zwischengeschoss nimmt thematisch das Farbthema der Holzverschalung an der Fassade wieder auf. „Wir haben uns von Alexander Nägele führen lassen“, sagt Julia Staudinger. „Wir sind glücklich in unserem roten Haus – und würden es wieder so machen.“

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