Pari erkundet die Welt noch vorsichtig. Foto: Wilhelma/Grimmer

Das Schneeleoparden-Baby in der Wilhelma hat jetzt einen Namen: Pari verbringt den Großteil des Tages noch in ihrer Höhle. Obwohl sie meistens nicht sichtbar ist, verzückt sie die Zoobesucher. Wenn Pari ins Freie tappst, ist die Freude besonders groß.

Falls man ganz neu ist in fremder Umgebung, dann mag es mitunter ratsam erscheinen, das Verhalten der Nachbarn lernend zu beobachten, wenn man selber nicht allzu unangenehm auffallen möchte. Das mag für fremde Städte gelten, für ein Rauptiergehege im Zoo und für den Planeten Erde, wenn man ihn gerade erst betreten hat.

 

Wäre dem Schneeleoparden-Baby Pari in der Wilhelma der Lieblings-Ausguck seines Vaters nicht aus Gründen des Selbstschutzes derzeit versperrt, dann könnte es womöglich die Besucherfreundlichkeit kopieren, die Biber und Büffelkopfenten in ihrem gemeinsamen Nachbargehege an den Tag legen: Die Biber schwimmen – ähnlich wie Frühschwimmer im Freibad – zügig ihre Bahnen. Dann watscheln sie effektvoll die Steinstufen empor. Die Büffelkopfenten sitzen stundenlang regungslos aber durchaus dekorativ in zwei Körperlängen Abstand nebeneinander und erinnern so an ein altes Ehepaar, das sich nicht mehr viel zu sagen hat, beim Sonntagsausflug im Café.

Das Baby ist das beherrschende Thema

Vielleicht weil die am 10. Juli geborene und erst seit ein paar Tagen rumstromer-berechtigte kleine Schneeleopardin Pari nicht nach nebenan gucken kann, verbringt sie derzeit noch den Großteil des Tages geschützt vor den Blicken des Publikums in ihrer Höhle, während ihre Mutter Kailash im unteren Teil des weitläufigen Geheges Jagdposen übt und ihr Vater Ladagh jenseits des Zaunes unterm künstlichen Wasserfall aus dem Bach trinkt, wenn er nicht gerade auf seinem Ausguck liegt und womöglich Biber und Büffelkopfenten beobachtet. Doch wenngleich nicht sichtbar, ist das Schneeleoparden-Baby gegen 17.30 Uhr das beherrschende Thema bei den Besuchern vor dem Gehege: „Ich habe einen kleinen Schwanz gesehen – vom Baby!“, ruft ein kleiner Junge. Es könnte durchaus sein, dass er sich vor Oma und Opa ein bisschen wichtig machen wollte. In der Baby-Begeisterung vor dem Schneeleoparden-Gehege sind nämlich nicht alle Zeugenaussagen ganz zuverlässig: Manche Besucher versichern sich gegenseitig, drei oder vier erwachsene Schneeleoparden in dem Gehege gesehen zu haben, in dem nur Ladagh, Kailash und eben ihre kleine Tochter Pari leben. Auf diesen Namen, der auf Persisch Fee bedeutet, haben sich die Tierpfleger gerade erst geeinigt

Bald darf der Vater zur Tochter

Um 17.45 Uhr gibt’s Action im Schneeleoparden-Gehege: Elegant bewegt sich Ladagh von seinem Ausguck bodenwärts: „Ey, wie cool! Der klettert so easy den Baum runter“, kommentiert ein Schüler. Dann, kurz nach 18.20 Uhr, tappst das Schneeleoparden-Baby Pari tatsächlich aus seiner Höhle heraus über Steine zum Zaun, auf dessen anderer Seite sich sein Vater eingefunden hat. Knapp fünf Minuten lang findet eine offenbar von wechselseitigem Interesse inspirierte Interaktion zwischen Vater und Tochter statt, die man als Fernbeschnuppern verstehen könnte. Dann verschwindet das Baby wieder in seiner Höhle, die von außen nicht einsehbar ist. „Wo iss’n der Flauschbobbel?“, fragt also eine Besucherin ihren Mann. Die Antwort gibt sie sich selber: „Papa hat gefaucht, und die Kleine war weg.“

Um 18.42 Uhr taucht Pari dann noch einmal kurz vor ihrer Höhle auf. „Guck mal, da ist die Kleine“, ruft eine Frau. Aber diesmal wagt sie sich nur wenige Zentimeter ins Freie und zieht sich nach weniger als zwei Minuten wieder in ihr Gemach zurück. Ein paar Augenblicke lang ist dann von oben nur der Schwanz des Babys zu sehen, dann gar nichts mehr. Auch Kailash, die Mutter, ward an diesem Abend nicht mehr gesehen. Ladagh, der Vater, näherte sich danach noch ein paarmal dem trennenden Zaun und bezog dann wieder seinen Posten auf dem Ausguck, einem Betondach. Vielleicht sah er von dort aus dem Familienleben der Biber und der Paarbeziehung der Büffelkopfenten zu. Über kurz oder lang darf Ladagh dann übrigens mit Kailash und Pari an seinem eigenen Familienleben teilnehmen.