Archäologe, Geheimagent, Beduinenführer, Guerillakämpfer – die Figur des Lawrence von Arabien hat viele Gesichter. Eines aber steht fest: Er ist eine der Schlüsselfiguren des Nahostkonflikts.
Frust ist kein Heldengefühl. Jedenfalls keins, das in Lobeshymnen Platz hat. Dass einem Helden das Gefühl nicht fremd ist, machtlos zu sein, das musste Thomas Edward Lawrence, den man im Westen einmal „Lawrence von Arabien“ nennen würde, selbst erfahren.
Als er 1918 von seiner arabischen Mission, für die er weltberühmt wurde, nach England zurückkehrt, ist er entmutigt. Er hatte sich in den vergangenen drei Jahren für die Sache der Araber eingesetzt, deren Befreiungskampf gegen die Osmanen erfolgreich unterstützt, um am Ende deprimiert festzustellen, dass seine eigenen Dienstherren ein falsches Spiel mit ihm und den Arabern getrieben haben.
Von seinem hoffnungsvollen Aufbruch bis zu seinem frustrierten Rückzug dauert es nur etwas mehr als zwei Jahre. Lawrence reist 1909, mit 21 Jahren, als Student der Geschichte allein durch Syrien und Nordpalästina. Nach Abschluss des Studiums geht es 1911 erneut in den Orient, nun als Assistent des britischen Archäologen Leonard Woolley zu Ausgrabungen nach Karkemisch am Euphrat.
Dass Lawrence zugleich Informationen über die Deutschen sammelt, die in der Nähe an der Bagdad-Bahn bauen, gehört damals dazu. Archäologen sind nicht selten nebenberuflich für die Sicherheitsdienste ihrer Länder tätig. Lawrence macht sich also nicht nur mit Land, Leuten und der Sprache vertraut, sondern erwirbt auch erste Verdienste als Spion. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist er im Urlaub in der Heimat. Ausgerechnet.
Mitarbeiter des Geheimdienstes
Besondere militärische Ambitionen hegt er bis dahin nicht. Es fehlt ihm ganz einfach an Zentimetern – Lawrence misst nur 1,65 Meter und ist damit 22 Zentimeter kleiner als sein späterer Darsteller Peter O’Toole im Film-Epos „Lawrence von Arabien“ aus dem Jahr 1962. Er hat offenbar andere Qualitäten: Lawrence wird als Mitarbeiter in die Nahostzentrale des Geheimdienstes in Kairo geschickt.
Seine Stunde schlägt, als er 1916 auf die Arabische Halbinsel geschickt wird, um herauszufinden, was es mit einem Aufstand haschemitischer Beduinen auf sich hat. Bereits 1915 hat Henry McMahon, der britische Hochkommissar in Kairo, dem Scherifen Hussein von Mekka Unterstützung für die arabischen Unabhängigkeitsbestrebungen zugesagt und ihm die Souveränität über alle arabischen Gebiete versprochen, wenn er sich am Kampf gegen die Türken beteiligt. Am 23. Oktober 1916 trifft der britische Verbindungsmann Lawrence den um fünf Jahre älteren Prinz Faisal bei Bir Abbas in der Wüste nördlich von Mekka, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Die Männer sind einander sofort sympathisch. Fortan vertritt Lawrence uneingeschränkt die Interessen Faisals bei seinen britischen Vorgesetzten. Auch äußerlich sucht er sich an seinen neuen Gefährten anzupassen: Er tauscht seine kakifarbene Uniform gegen das blütenweiße Gewand der Araber.
Mit einer Reihe von Sprengstoffanschlägen auf Brücken, Telegrafenleitungen und türkische Militäreinrichtungen beginnt, wie Lawrence es beschreibt, ein „arabisches Ziel von Arabern geführt“. Lawrence entwickelt für Faisals Stammeskrieger eine Guerillataktik gegen die türkischen Truppen. Vor allem jedoch sprengt er die Gleise der Hedschasbahn, die wichtigste Nachschublinie der Türken zwischen Vorderasien und Medina.
Niemand informiert Lawrence
Ein spektakulärer Ritt mit etwa vier Dutzend Kamelreitern durch die Wüste Nefud bringt Lawrence bis nach Aqaba, das die Türken besetzt halten. Da die Kanonen der Stadt nicht schwenkbar und nach Süden ausgerichtet sind, bleiben sie gegen die Angreifer aus dem Norden wirkungslos – Aqaba fällt am 6. Juli.
Der Wüstenkrieg wird in den folgenden Monaten erfolgreich fortgesetzt. Doch das Empire spielt den Arabern übel mit. Auf der einen Seite unterstützt es den Aufstand und verspricht Hussein immer wieder, ihn an die Spitze eines großarabischen Reiches zu stellen. Auf der anderen Seite hat es hinter dessen Rücken im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen von 1916 den Vorderen Orient längst in eine französische und eine britische Einflusszone aufgeteilt.
Hinzu kommt, dass die Briten sich im November 1917 verpflichten, eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen, was die Situation noch verkompliziert. Niemand hält es in London für notwendig, Lawrence, den kleinen Verbindungsoffizier, zu informieren. Als er schließlich davon erfährt, sind längst alle Entscheidungen gefallen.
Lawrence nimmt sich dennoch weiterhin der arabischen Sache an, nun auf diplomatischem Parkett. An den Friedensverhandlungen in Paris 1919 nimmt er als Berater und Dolmetscher von Prinz Faisal teil. Er muss miterleben, wie die europäischen Kolonialmächte ihre Pläne durchsetzen und den Vorderen Orient unter sich aufteilen.
Eine persönliche Niederlage
Die neuen Grenzen sind von Beamten des britischen Kolonialministeriums, die keine Ahnung von den lokalen Gegebenheiten hatten, willkürlich gezogen worden – einer der Gründe, warum die Gegend bis heute nicht zur Ruhe kommt. Lawrence empfindet das Ergebnis als persönliche Niederlage. Tragisch für ihn ist, dass auch die Araber ihn als Mitschuldigen an der Misere betrachten.
Lawrence beginnt kräftig an seinem eigenen Mythos zu stricken. Der wichtigste Beitrag dazu ist sein Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“, das er nach seinem Ausscheiden aus Militär und Geheimdienst verfasst. Viel kann man aus seiner Darstellung des Araberaufstands darüber lernen, wie man Schlachten pathetisch beschreibt; und wenig darüber erfahren, was dieser Lawrence eigentlich für ein Mensch ist.
Ein Kriegsheld sucht der Anonymität
1921 scheint Lawrence plötzlich zurück im Geschäft der großen Politik zu sein: Winston Churchill wird britischer Kolonialminister und beruft ihn als Berater für arabische Angelegenheiten. Lawrence muss freilich auch hier bald erkennen, dass er nur ein Rädchen im Getriebe ist. Die Autonomie, die man den Arabern im Irak und in Transjordanien, dem späteren Jordanien, zugesteht, hat wenig damit zu tun, was ihm für seine arabischen Freunde vorschwebte.
Lawrence sucht die Anonymität. 1922 heuert der Oberst als einfacher Soldat namens John Hume Ross bei der britischen Luftwaffe an. Es wird später Gegenstand vieler Spekulationen sein, warum sich ein Kriegsheld freiwillig dem stumpfsinnigen Drill in der Kaserne unterwirft. Im Februar 1935 scheidet er aus dem Militärdienst aus – und stirbt elf Wochen später, im Alter von 46 Jahren, an den Folgen eines Motorradunfalls.