Foto: Susanne Müller-Baji/Susanne Müller-Baji

Die Solitude war kurzzeitig das Prestige-Objekt von Herzog Carl Eugen. Rauschende Feste wurden dort gefeiert. Dann verlor der Herzig das Interesse und das Lustschloss war dem verfall preisgegeben.

Stuttgart - Nix wie raus, selbst wenn Reisen coronabedingt noch immer unsicher sind? Vor der eigenen Haustüre warten viele spannende Orte auf Entdeckung. Zeichner Thomas Bickelhaupt und unsere Mitarbeiterin Susanne Müller-Baji haben sich rund um Schloss Solitude umgesehen und sind dabei unter anderem frühem Recycling auf die Spur gekommen.

Solitude bedeutet Einsamkeit, und der Name passt, denn man muss schon ein ganzes Stück mit dem Bus 92 hinauffahren, bis zur gleichnamigen Haltestelle. Was für ein Anblick! Man kann sich richtig vorstellen, wie Herzog Carl Eugen (1728 – 1793) von hier aus zum Jagdausflug aufbrach, oder? Falsch: so, wie die Solitude heute dasteht, hat es hier früher gar nicht ausgesehen. Vielmehr gab es etliche Wirtschaftsgebäude mehr und sogar eine Kirche. Auch von der anderen Seite her, jenseits des heutigen Waldrandes bot sich ein ungewohnter Anblick: Hier erstreckten sich die Solitudegärten so weitläufig, dass sie ein ähnlich großes Areal abdeckten wie die damalige Stuttgarter Innenstadt.

Kein zimperliches Vorgehen

Zimperlich ging der schwäbische Sonnenkönig bei seinem Bauvorhaben natürlich nicht vor: Ab dem Jahr 1764 wurde gerodet und planiert, bis vom Wald nur noch ein Labyrinth übrig war, durch das die herzoglichen Gesellschaften streifen und immer neue Lustbarkeiten entdecken konnten. Hier gab es unter anderem einen Lorbeer- und einen Feigengarten, ein Heckentheater, einen Irrgarten, einen Spielplatz, ein Vogelhaus, eine Orangenallee und einen „Lustsee“. Heute ist davon außer einer Vertiefung hier und da im Waldboden praktisch nichts mehr übrig.

Denn Carl Eugen verlor schon bald das Interesse an seinem Prestige-Projekt. So um das Jahr 1775 war das, und 1782 wurde das letzte rauschende Fest in dem Jagd- und Lustschlösschen gefeiert. Danach war es dem Verfall preisgegeben und eine Art frühes Recycling setzte ein: Weil Baumaterial teuer war, wurde ein Teil der Gebäude abgetragen, und ihre Bestandteile wurden anderswo neu verbaut. Sogar die Kirche verschwand, oder genauer: Sie zog um. Aus ihren Steinen entstand an anderer Stelle ein durchaus prominenter Sakralbau: Die Eber-hardskirche in der Königstraße, so manchem auch als Stuttgarter Dom bekannt.

Absolutistischer Herzog

Carl Eugen war ein typischer absolutistischer Herrscher seiner Zeit: Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart ließ er zum Beispiel zehn Jahre lang auf dem Hohen­asperg festsetzen, weil er es gewagt hatte, ihn und seine Mätresse Franziska von Hohenheim zu verspotten. Zuvor war die Familie übrigens zum evangelischen Glauben konvertiert und hatte diesen auch gleich für das Volk zur Staatsreligion gemacht. Nur um bald wieder zum Katholizismus zurückzukehren. Das erklärt auch die vormalige evangelische Kirche auf der Solitude für den Hofstaat, während die damals katholische Schlosskapelle mit dem direkten Zugang zur herzoglichen Loge allein der Herrscher-Familie vorbehalten war.

Wie von Zeichner Thomas Bickelhaupt dargestellt, kann man rund um die Solitude vortrefflich lustwandeln, idealerweise mit einem Eis und quasi mit der Architektur verschmelzen. Die Kavaliershäuschen beherbergen außerhalb von Corona Kunststipendiaten aus aller Herren Länder. Es gibt in der Nachbarschaft unter anderem einen Gnadenhof für Pferde und ein Museum, das den Bildhauer Fritz von Graevenitz (1892 – 1959) würdigt, der für seine Tierdarstellungen und ganz besonders für seine Rössle-Skulpturen berühmt geworden ist. Dazu einen kleinen Ehrenfriedhof, auf dem etwa der Choreograph John Cranko (1927 – 1973) seine letzte Ruhestatt gefunden hat.

Solitudeallee zum Ludwigsburger Schloss

Und es befindet sich hier auch noch das absolute Zentrum des alten Württembergs: Im Wandelgang unter dem Schlossgebäude stößt man auf den Messpunkt der Landesvermessungsanstalt, der den Anfang der Grundlinie von der Solitude zum Schloss in Ludwigsburg markiert. In der Ferne kann man ihre Fortsetzung ausmachen – in der weithin sichtbaren Solitudeallee, die einst Schlössle und Ludwigsburger Schloss in schnurgerader Linie miteinander verband. Denn: ein schwäbischer Sonnenkönig fährt schließlich keine Umwege.