Kluge Idee – der gelb-weiß gestreifte Deckenanstrich vermittelt eine sommerlich sonnige Atmosphäre. Der Schlafbereich im 30-Quadratmeter-Studio, gestaltet von Fabian Freytag, ist durch eine kleine Erhöhung vom Wohnbereich abgeteilt. Foto: Anne Deppe

Der Architekt Fabian Freytag hat in einem Bau aus den 60er Jahren ein kleines Apartment in ein sonnenhelles und cooles Zuhause umgestaltet.

Wie viel Raum braucht ein Mensch zum Glücklichsein? Manchmal reichen 25 Quadratmeter. Das ist für viele undenkbar, die in einer großzügigen Villa oder einem alten, mächtigen Bauernhaus auf dem Land wohnen, aber in den Städten sieht es eben anders aus, und das muss nicht nur nicht schlimm sein, sondern kann ziemlich fancy sein.

 

Wohnen auf wenig Platz ist aus mehreren Gründen angesagt. Es explodieren in den Metropolen die Preise für Immobilien und Mietwohnungen. Und die steigenden Energiepreise lassen eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung mit vier Meter hohen Räumen weniger charmant erscheinen. Die junge Generation investiert ihr Geld zudem lieber in Reisen und Erfahrungen-Sammeln als in Betongold.

Andere junge und ältere Menschen, die sich dem Minimalismus verpflichtet fühlen, nehmen für sich und ihre Habseligkeiten entsprechend wenig Platz in Anspruch. Weil aber nicht jeder in eine Wohngemeinschaft ziehen mag, sondern Privatsphäre mit eigenem Bad schätzt, sind kleine Apartments en vogue.

Preisgekrönte Ausstattungen

Solche wie sie der 1984 in Hamburg geborene Fabian Freytag gestaltet. Der Architekt ist vom Fachmagazin „AD“ unter die 100 wichtigsten Designer 2022 gewählt worden und hat für seine Entwürfe vielfach Auszeichnungen erhalten. Während seines Architekturstudiums an der Universität der Künste in Berlin hat er an der Filmhochschule in Ludwigsburg auch ein Szenenbildprojekt realisiert.

Das erklärt seinen Sinn für bühnenreife Ausstattungen: „Wes Andersons ‚Grand Budapest Hotel‘ habe ich 50- oder 60-mal gesehen, weil seine Liebe zu Räumen unmenschlich groß ist. Diese Vernarrtheit in schöne Räume finde ich großartig.“ Ihm selbst sei es natürlich wichtig, dass Objekte formal gut geplant seien, aber dann „baut man auch ein Gefühl, das man auslösen will“.

Gelb-weiß gestreifter Deckenanstrich

Fabian Freytag hat schon Luxuswohnungen komplett ausgestattet, aber eben auch gezeigt, dass er mit knappem Raum umzugehen weißt. Vor einigen Jahren hat er eine 50-Quadratmeter-Wohnung konsequent in Schwarz und Weiß inszeniert und den großen optischen Auftritt ungewöhnliche Leuchten überlassen. Nun hat er für einen anderen Bauherren, ebenfalls in Berlin, ein 30-Quadratmeter-Apartment spektakulär umgebaut und ist dafür von der Jury des „Interior des Jahres“-Preises mit einer Anerkennung ausgezeichnet worden.

Staunen, Lächeln, das sind die ersten Gefühle angesichts des caprisonnenfarbenen fröhlich coolen Studios, das Fabian Freytag in einem Wohnhaus in Berlin gestaltet hat – in einem Gebäude aus den 60ern, das einmal als Pflegeheim konzipiert war. Weiße Wände, wenige Möbel und dann der Blick nach oben: ein gelb-weiß gestreifter Deckenanstrich. „Ich habe mich viel mit dem italienischen Architekten Gio Ponti beschäftigt“, sagt Fabian Freytag. „Er hat schon in den 70ern ganz selbstverständlich mit Farben und Formen gearbeitet, mit einer verspielten Leichtigkeit und Augenzwinkern.“

Positive Feriengefühle stellen sich ein angesichts der Streifen, die einen Effekt erzielen, gerade so als sitze man unter einer Sonnenmarkise. Viele Gestalter machten sich Mühe mit Tapeten und Böden, sagt der Architekt, die Decke aber werde vernachlässigt. Mit dieser Zirkusdecken-Anmutung gewinnt der Raum gefühlt an Höhe. „Bei fast jedem Projekt machen wir erst einmal Tabula rasa, alles kommt raus, wir behalten nur die Gebäudehülle und denken dann alles neu.“

Von allzu flexiblen Wohnmodulen, bei denen etwa Tische umklappbar und zu Betten umgewandelt werden können, hält er nicht so viel. „Flexibles Wohnen ist totaler Quatsch. Kein Mensch stellt ständig Sachen um. Wir kommen aus der Höhle. Wohl fühle ich mich da, wo ich den Eingang und den eventuellen Feind sehe. Ich habe eine Feuerstelle in der Mitte, rundherum schlafen alle. Das hat sich nicht grundlegend verändert. Eine Wanderhöhle gab es damals schon nicht.“

Lieber ein Sessel als ein Sofa

Die Einbauküchenmöbel in diesem Berliner Apartment sind also zurückhaltend weiß, dafür zieht der extravagante runde Tisch mit den vier verschiedenen Stühlen alle Aufmerksamkeit auf sich. Der Schlaf- und Ruhebereich ist durch eine kleine Stufe markiert. Neben dem Bett findet sich ein schwarzer Liegesessel.

„Eine Sofaecke ist verzichtbar, aber ein schöner Sessel und ein ordentlicher Esstisch müssen sein. Da findet viel mehr statt als auf einem Sofa. Der Essplatz ist der zentrale Punkt des Lebens.“ Man isst, sitzt, redet, arbeitet hier. Hinter einer reflektierenden Wandverkleidung, die das einfallende Licht spiegelt und den Raum hell macht, findet sich das Badezimmer.

„Wichtig, wenn man wenig Platz hat und nur wenige Möbel zum Einsatz kommen“, sagt der Architekt, „sind eine gewisse Wertigkeit des Materials und maximales Ausnützen des Raumes.“ Da lohne es, in passgenaue Einbauten zu investieren. Einbaumöbel seien eine Art Miniarchitektur: „raumbildende Elemente sind integrative Bestandteile – schon in den 1930ern habe man auch schon Einbauten präferiert und Wände verkleidet.“ Das müsse keine „Materialschlacht“ sein, man könne sich auf zwei, drei Materialien konzentrieren, so kommt Ruhe in ein kleines Interieur.

So sahen es auch Experten – das Apartment wurde von einer Innenarchitektenjury des „Best of Interior“-Preises ausgewählt und wegen des „kühnen Designs“ und „kluger Raumausnutzung“ als eines der „50 schönsten Wohnkonzepte“ mit einer besonderen Anerkennung geehrt.

„Die Einfachheit der Wohnung“, schrieb der Juror und Designer Guido Heinz Finken, ist eine ergreifende ästhetische Wahl in einer Welt, in der die meisten von uns zu viel haben.“ Und es zeigt – auch auf wenigen Quadratmetern kann sich auf lässige Weise das einstellen, wofür es im Deutschen ein schönes Wort gibt: Gemütlichkeit.