Das Hin und Her setzt Scheidungseltern gelegentlich schwer unter Druck Foto: 15351868/Ursula Deja

Wenn Trennungskinder im Wechsel mal bei Mama, mal bei Papa wohnen, ist das für das Ex-Paar ziemlich anstrengend und für die Kinder eine große Bürde. Ein Familienrichter empfiehlt das so genannte Wechselmodell nur, wenn die Ex-Partner sich vertrauen.

Stuttgart - Wo leben Kinder nach einer Trennung oder Scheidung? Neben dem Residenzmodell, bei dem die Kinder am Wochenende oder in den Ferien das zweite Elternteil besuchen, hat sich das so genannte Wechselmodell etabliert: Ein paar Tage lebt das Kind bei Mama, ein paar Tage bei Papa. Klappt das?, fragt das Netzwerk Alleinerziehenden-Arbeit Baden-Württemberg Familienrichter, Berater, Forscher, Mütter und Väter. Sie gaben bei einem Fachtag in der Jugendherberge Stuttgart den 120 Seminarteilnehmern Antwort.

Die lautet im Kern: „Wir werden nicht allen Kindern mit dem Wechselmodell gerecht.“ Das sagt Sabine Walper vom Deutschen Jugendinstitut. Nun muss man deshalb nicht befürchten, dass es dem Großteil der Scheidungskinder schlecht ergeht; noch überwiegt das Residenzmodell und dort laut Landesverband alleinerziehender Mütter und Väter der Fall, dass zu 90 Prozent die Mütter, zu zehn Prozent die Väter die Erziehungsaufgabe tragen. „Aber es gibt inzwischen mehr strittige Fälle, weil Väter mehr Anteil einfordern“, sagt Walper.

Paare, die die Kinder zur Hälfte bei sich, zur Hälfte beim Partner haben wollen, müssten sich also fragen, ob das Kind wegen einer nicht funktionierenden Partnerschaft zwischen den Eltern pendeln soll. Ob das Modell als Streitschlichtungsmittel eingesetzt wird. Ob der Kontakt zum Ex-Partner, der unter Koalitionsdruck entsteht, „gut tut oder Gift ist“. Die Anforderungen an die Kinder, so die Wissenschaftlerin, seien sehr hoch. „Den Streit auf dem Rücken der Kinder auszutragen, kann nicht die Lösung sein.“

Nach Erfahrung von Ulrich Witzlinger funktioniert das Modell auch dann nicht, wenn es ein Elternteil als Mittel zum Zweck benutzt: um sich Zugang zum Ex-Partner zu verschaffen, der ihm ansonsten verwehrt wäre, um den anderen zu disziplinieren oder gar um Unterhaltszahlungen zu vermeiden, sagt der Waiblinger Familienrichter. „Das Wechselmodell setzt großes gegenseitiges Vertrauen voraus. Das kann ich als Richter nicht erzwingen.“ Genau das erlebte eine Mutter, die von ihren Erfahrungen berichtet: „Ich habe zu 100 Prozent die Arbeit und Verantwortung übernommen für den Preis, mein Kind nur zu 50 Prozent zu haben.“ Ihre Mails seien unbeantwortet geblieben, in letzter Sekunde habe sie oft Fehlendes beschaffen und Probleme regeln müssen.

Ganz anders bei einem ehemaligen Paar, das seit acht Jahren das Wechselmodell praktiziert. „Wir schreiben uns seither oft mehrmals täglich Mails, feiern den Kindergeburtstag zusammen, verändern in Absprache die vereinbarten Zeiten und sind auf Elternabenden beide da“, sagt der Vater. „Man trennt sich und wird den anderen trotzdem nicht los.“

Familienrichter Witzlinger rät zu einer Lösung, die sich am Kind orientiert. „Das kann mit einem Residenzmodell anfangen und stufenweise in ein Wechselmodell übergehen.“ Er warnt aber auch davor, dass den Kindern viel abverlangt wird: „Sie müssen an zwei Stellen Wurzeln bilden und später von zwei Startplätzen abheben. Und wenn sich ein Kind nicht traut, zu sagen, dass es gern einen Schwerpunkt hätte, zieht eventuell früher als gut aus.“

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