Die ARD widmet dem historischen Datum 20 Jahre Mauerfall am Mittwoch einen Schwerpunktabend. In "Jenseits der Mauer" spielt Edgar Selge einen Familienvater, der die Macht des DDR-Staats zu spüren bekommt.

Stuttgart - Die ARD widmet dem historischen Datum 20 Jahre Mauerfall am Mittwoch einen Schwerpunktabend. In "Jenseits der Mauer" spielt Edgar Selge einen Familienvater, der die Macht des DDR-Staats zu spüren bekommt: Seine Tochter wird zur Zwangsadoption freigegeben.

Herr Selge, als Filmvater Ulrich Molitor werden Sie nach einem missglückten Fluchtversuch gezwungen, Ihre kleine Tochter in der DRR zurückzulassen, während Sie mit Frau und Sohn in die BRD ausreisen.

Ein Staat, der einen vor so eine Entscheidung stellt, offeriert sich nicht wirklich als ein Lebensraum, der in irgendeiner Weise attraktiv wäre. Das Leben der Molitors ist von da an eine Fiktionalisierung von Wirklichkeit. Die Briefe, die die beiden mit ihrer Tochter wechseln, entsprechen eigentlich nicht ihrem eigenen Realitätssinn - sie tun es aber trotzdem. Im Grunde sind sie zutiefst realitätsgestörte Menschen.

Wie kann man überhaupt mit einem solchen Druck umgehen?

Es wird viele Fälle geben, wo Menschen mit so einem Druck umgehen müssen. Der fiktionale Bereich Theater, Film oder Fernsehen beschäftigt sich ja eigentlich nur mit Extremsituationen, sonst würde uns das nicht interessieren. Es geht oft um Figuren, die einem Druck standhalten müssen, von dem wir Zuschauer in den meisten Fällen sagen, Gott sei Dank muss ich das nicht erleben. Aber das befriedigt unsere Angstfantasien, weil wir uns mittelbar mit unseren eigenen Ängsten über das fiktionale Produkt auseinandersetzen können.

Hätten Sie selbst unter solchen Verhältnissen leben können?

Das ist schwer zu sagen. Man kann sich die Verhältnisse ja nicht aussuchen. Jeder versucht, es sich auch bei unbequemen Rahmenbedingungen so lebenswert wie möglich zu machen. Das kommt wirklich auf das persönliche Schicksal an. Das beste Beispiel dafür ist die Rolle, die Renate Krößner als ehemalige Heimleiterin Brigitte Schröder spielt. Die das, was wir gemeinhin schnell als Opportunismus abtun, als einen sehr vitalen Pragmatismus spielt - und damit für die Zuschauer nicht unsympathisch ist.

Was fasziniert Ihrer Meinung nach Menschen, die sich die DDR zurückwünschen?

Viele Menschen, die in der Mitte ihres Lebens diesen Wechsel miterlebt und auch begrüßt haben, haben nicht damit gerechnet, wie schwierig es ist, sich in ganz anderen wirtschaftlichen und politischen Systemen zurechtzufinden. Einige haben das einfach nicht geschafft. Wenn der Staat für sie in wesentlichen Existenzfragen Sorge getragen hat, dann ist es schwer zu lernen, in einer Leistungs- und Ellbogengesellschaft zu überleben. Dort ist jeder letzten Endes für sich selbst verantwortlich, man versucht aber trotzdem, den eigenen, zerstörerischen Egoismus nicht auszuleben. Viele haben die Wirkung dieses Wechsels unterschätzt.

Kannten Sie die DDR?

Wir hatten viele Verwandte, sowohl in Ostberlin als auch in der DDR. Ich habe die Grenze x-mal selbst mit dem Auto passiert. Ich habe mir auch nie vorstellen können, dass die Mauer 1989 fällt und dass das so vonstatten geht. Das ist nach wie vor ein großes, erdrutschartiges, historisches Ereignis.

Waren Sie am vergangenen Sonntag wählen?

Ja, natürlich. Es ist ein großer Kampf um eine kleine Mitte, der im Augenblick geführt wird, und er ist sehr differenziert. Es hat mir deshalb mehr Spaß gemacht als viele Male vorher, zur Wahl zu gehen.

  • ARD, Mittwoch, von 20.15 Uhr an
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