André Jung in einer Szene von „Karamasow“ Foto:  

André Jung ist einer der herausragendsten Schauspieler seiner Zeit. Die Kunst, sprachlich subtil Texte zu deuten – mit Eleganz und einer leisen Gefährlichkeit –, gelingt ihm wie kaum einem anderen. In Dostojewskis „Karamasow“ im Stuttgarter Kammertheater spielt André Jung jetzt ausgerechnet einen Hund.

Herr Jung, bevor Sie Schauspieler wurden, wollten Sie Tierarzt werden. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Tieren?
Sagen wir so, da ich auf dem Land aufgewachsen bin und immer in Kontakt mit Tieren war, hatte ich eine Beziehung zu Tieren, aber keine verhätschelte. Die Tiere lebten auf dem Land mit den Menschen, als Nutztiere, es waren natürlich auch Haustiere dabei. Die Bauern auf dem Nachbarhof, wo ich mitgeholfen habe, hatten einen Hund, der die Kühe auf die Weide getrieben hat, er konnte auch das Tor öffnen und schließen.
Ein Schauspieler interpretiert – meistens zumindest – Texte. Sie spielen in „Karamasow“ einen Hund. Er wird auch recht hässlich beschrieben von Dostojewski, als zottig, räudig, mit grau-lila Fell, halbblind und mit eingerissenem Ohr. Nicht gerade schmeichelhaft, so ein Rollenangebot.
(Lacht) Er ist halt ein Streuner. Aber ja, ich spiele einen Hund, und ich schaue zwar jeden an, wenn der spricht, doch ich verstehe nichts und spreche nicht. Ich breche das in einem gewissen Maße, es soll ja keine naturalistische Darstellung sein. Die Rolle des Hundes war nicht einmal geplant. Ich spiele auch eine andere Rolle, Starez Sossima . . .
. . . einen Geistlichen, den der jüngste Karamasow Alexej sehr bewundert.
Genau. Und während der Proben sagte Regisseur Thorsten Lensing, dass wir noch einen Schauspieler brauchen, der einen Hund spielt. Ich sagte, ich habe keine Lust, einen Hund auf vier Beinen oder genauer auf zwei Händen und zwei Beinen zu spielen. Wenn, dann möchte ich ein Mensch sein, der einen Hund spielt. Das fand er auch richtig.
Wie kann man sich das vorstellen?
Improvisieren ist mir nicht fremd, besonders in dem Sinn, dass ich ein Herrchen habe und, wie Hunde eben sind, nicht immer genau das tue, was das Herrchen verlangt, nämlich dasitzen und schlafen. Der Kollege – Sebastian Blomberg – sagt schwierige Texte auf, und ich bin dabei ein Störfaktor. Wir haben nur Fixpunkte festgelegt, drum herum improvisiere ich und mache, worauf ich Lust habe. Da ist eine gewisse Sensibilität nötig, um fair zu bleiben.
Dostojewski steht in Stuttgart, Hamburg, Frankfurt, Berlin auf dem Spielplan. Warum werden seine Romane überall gespielt?
Wenn einer anfängt, lenkt das die Aufmerksamkeit darauf. Es hat sicher mit dem Reichtum an Themen zu tun. Es geht ganz schön elementar zu. Es gibt keine Bösen, keine Guten, die Menschen torkeln durch ihr Leben. Das ist seine Aktualität.
Der Roman handelt auch von Schuld und ­Verbrechen. Die Textfassung konzentriert sich aber auf Tiere und Kinder. Und die gelten ­gemeinhin als unschuldig. Ist dies also eine andere Sicht auf Kinder, so wie in Hanekes Film „Das weiße Band“?
Natürlich, vom ersten Tag an sind Kinder Abbilder der Gesellschaft, so wachsen sie auf. Und nach der Pubertät kommen die ersten Entscheidungen, und dann sieht man, wie stark die Prägung vorher war. Von Unschuld zu reden, das ist schwer. Das ist wie ein Feuer, das ausbricht, so ein Kinderleben. Man muss früh schauen, dass man das Brennbare wegräumt, um sie zu schützen. Dass die Kinder alle Bosheiten und Bösartigkeiten ausprobieren, das gehört zum Erwachsenwerden.
Was, abgesehen von der Herausforderung, auch ohne Worte zu spielen, hat Sie an der Produktion interessiert?
Nachdem ich viele, viele Jahre fest im Ensemble gearbeitet habe, hatte ich Lust, in einer freien Produktion zu arbeiten. Ich fand Thorsten Lensings Textauswahl aus dem Riesenroman klug. Mir gefiel, dass er nicht die Ambition hatte, den Roman nachzuerzählen. Natürlich hat mich auch die Besetzung gereizt.
Ernst Stötzner, Sebastian Blomberg, Rik van Uffelen, Horst Mendroch, Ursina Lardi, Devid Striesow. Lauter große ­Schauspieler. ­Anstrengend?
Es war erst einmal ein Beschnuppern, um in meiner Sprache zu bleiben. Da kamen schon ein paar Alphatiere zusammen. Thorsten Lensing schaffte eine Probenatmosphäre, die herzzerreißend naiv und sehr toll war.
Hat Sie die Erfahrung darin bestärkt, nicht mehr fest an einem Theater, zuletzt an den Münchner Kammers pielen, zu arbeiten?
Wenn man mit zehn Stücken und davon acht Hauptrollen unterwegs ist, weiß man irgendwann nicht mehr, warum man das macht. Ich habe schon vor zwei Jahren entschieden, einen anderen Weg zu gehen, ich habe ja auch noch einen kleinen Sohn. Ich habe bemerkt, dass das Leben als fest engagierter Schauspieler unheimlich schnell vorbeigehen kann. Jetzt geht es mir gut, ich habe Spaß am Leben und möchte diese andere Seite, das Leben, intensivieren.
Aber Sie spielen weiter. In der Oper Stuttgart hat man Sie in Andres „Wunderzaichen“ und zuletzt als ­Haushofmeister in Strauss’ „Ariadne auf ­Naxos“ in Jossi Wielers Inszenierung gesehen. Seit 1988 arbeiten Sie immer wieder mit dem Regisseur. Was schätzen Sie an ihm?
So viel, das können Sie nicht alles aufschreiben. Über die Jahre hat sich eine unerschütterliche Freundschaft entwickelt. Ich schätze seine Seriosität in der Behandlung der Stoffe, seine Sensibilität, seinen Respekt vor Schauspielern. Es ist ein Lebensglück, wenn man solche Menschen hat.
Sie haben mit „Karamasow“ schon in einigen Städten gastiert. Wie waren die Reaktionen?
Die Berliner waren etwas resistenter (lacht), das Hauptstadtpublikum weiß schließlich genau, wie Theater gespielt wird. Das kann man aber nicht verallgemeinern. Das Stück polarisiert weniger, eigentlich ist es reines Theater: sperrige Texte, die spielerisch durch den Raum und um die Ohren fliegen.
Interessant. Eine freie Gruppe zeigt fast schon klassisches Theater, während Stadttheater sich mit sogenannten neuen Formen und ­Mitmachtheater abmühen. Etwas, das man eher von der freien Szene erwartet.
Das ist ein gesellschaftliches Phänomen. In Zeiten mit Internet und Facebook versucht das Theater auf dem breiten Feld der Kommunikation neue Formen zu finden, um nicht den Anschluss zu verlieren. Ich würde nicht sagen, das ist Quatsch; das Theater hat die Möglichkeit zu untersuchen, was dabei herauskommt. Auch wenn da nichts neu erfunden wird. Ich habe aber das Gefühl, dass bei meinen Kollegen die Sehnsucht nach dem Theaterspielen immer mehr wächst. Dass es immer mehr dazu übergeht, dass ein Schauspieler ein Werkzeug in der Hand des Regisseurs, der Dramaturgie und der Hauspolitik ist. Das Theater fragt sich: Wie stelle ich mein Haus dar?, und dabei bleibt die Schauspielerei ein bisschen auf der Strecke, ist etwas nicht ganz im Gleichgewicht.
„Karamasow“ frei nach dem Roman von Fjodor Dostojewski ist vom 17. bis 19. Juli im Stuttgarter Kammertheater zu sehen. Karten: 07 11 / 20 20 90.
 

André Jung: Zur Person

1953 in Luxemburg geboren.

1973 bis 1976 Schauspielschule an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.

André Jung war am Theater Basel, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, in Zürich und an den Münchner Kammerspielen (letztmals ist er dort am 25. Juli in Roths „Hiob“ zu sehen) engagiert. Er arbeitete regelmäßig mit Regisseuren wie Christoph Marthaler, Werner Düggelin, Johan Simons und Jossi Wieler. Er spielt in Filmen in Kino und Fernsehen (demnächst „Luis Trenker“).

Zweimal war Jung Schauspieler des Jahres, 2009 erhielt er den Nestroy-Preis für Becketts/Handkes „Das letzte Band/Bis dass der Tag euch scheidet“ (Regie: Jossi Wieler).

 
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