Zeichnung in der Ausstellung der Stadtbibliothek Foto: Stadtbibliothek

Unter der Oberfläche ein Labyrinth aus Gängen, Kabinen, Triebwerken, Rohren. Die Risszeichnungen, monatliche Beigaben zum Heftroman, stellen für die Fans der Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“ ein Faszinosum dar. Christoph Anczykowski ist einer ihrer Zeichner. In der Stadtbibliothek leuchtet nun eine Auswahl seiner Werke.

Stuttgart - Die Enterprise ist nichts dagegen! In der Stuttgarter Stadtbibliothek verschaffen 16 Monitore Besuchern Eintritt in ein Universum futuristischer Technologie: Raumschiffe öffnen sich und offenbaren ihren inneren Kosmos. Im Paralleluniversum des Perry Rhodan reist die Menschheit in Schiffen, die Städten gleichen, zu den Sternen. Die Risszeichnung, die traditionell im Monatsrhythmus die mittlere Doppelseite eines Romanheftes einnimmt, geniest Kultstatus unter den Rhodan-Fans und soll schon manch einen Außenstehenden in deren Lager gelockt haben: „Als die ersten Zeichnungen gedruckt wurden“, sagt Christoph Anczykowski, „waren sie für die Leser eine Sensation. Selbst Leute, die ‚Perry Rhodan‘ eigentlich nicht lasen, haben sich damals die Romane mit den Risszeichnungen gekauft.“

Science-Fiction begann ihn 1966 mit der „Raum­patrouille Orion“ zu locken

Anczykowski gehörte zu ihnen. Er wurde 1958 geboren, lebt heute als niedergelassener Arzt in Waiblingen und zeichnet seit 39 Jahren in seiner Freizeit Zukunftsträume. Im Team der Zeichner, das die „Perry Rhodan“-Redaktion mit Aufrissen imaginärer Raumschiffe versorgt, ist er mittlerweile der dienstälteste. Früh schon übten Risszeichnungen von Flugzeugen, Schiffen, ­U-Booten eine Faszination auf ihn aus, die Science-Fiction begann ihn 1966 mit der „Raum­patrouille Orion“ zu locken.

Risszeichnungen eines „Perry Rhodan“-Raumschiffs fanden später als durchgepauste Kopien ihren Weg in seine Hände – Anczykowski war begeistert und irritiert: „Ich konnte sie thematisch nicht einordnen“, erzählt er. Die dazugehörenden Romane entdeckte er erst später: „Zunächst habe ich sie nur gelesen, um die technischen Beschreibungen der Risszeichnungen verstehen zu können. ­Später habe ich mich dann auch für die Serienhandlung interessiert.“

Anczykowskis erste Risszeichnung erschien 1976 im Romanheft Nr. 791 – „Der COMP und der Kybernetiker“. Ein hantelförmiges Raumschiff schwebt auf dem Titelblatt, ein Sticker verkündet, dass eine extraterrestrische Raumstation, ein Raumfort der Arkoniden, in der Heftmitte auf die Leser wartet. Anczykowski hat seit 1976 weit mehr als Hundert solcher Zeichnungen angefertigt. Anders als manche seiner Kollegen arbeitet er auch heute noch mit Tusche, Stiften und Schablonen. Seltsam schlüssig mischt sich hier die Begeisterung für die Zukunft mit einem Hang zur Nostalgie: In den 1960er und 1970er Jahren explodierten die Science-Fiction und der Markt für Heftromane gleichermaßen. Die Enterprise schwirrte über den Bildschirm, Erich von Däniken belagerte die Fantasie.

Vor mehr als 50 Jahren intuitiv ein Erfolgsrezept entwickelt

Jahrzehnte vergingen, der Boom flog weiter unbekannten Welten entgegen, Perry Rhodan blieb. Christoph Anczykowski hat seine eigene Theorie zum nachhaltigen Erfolg dieses deutschen Pop-Phänomens: „Die Macher von ‚Perry Rhodan‘ haben vor mehr als 50 Jahren intuitiv ein Erfolgsrezept zur Leserbindung entwickelt“, sagt er. Anders als in jüngeren US-Serien erfolgt der Einstieg in die Welt Rhodans noch strikt vertikal: ein Universum, das nach allen Seiten offen und doch in sich geschlossen ist.

Im September wird „Perry Rhodan“ 54 Jahre alt, in dieser Woche kommt Heft 2809 der Originalserie auf den Markt. Schon in den 1970er Jahren, sagt Anczykowski, begann das Design der Raumschiffe eine immer größere Rolle zu spielen: „Davor waren die reinen Aspekte des technischen Zeichnens sehr wichtig“, sagt er. Nun genügten schwebende Hanteln oder Zylinder den Fans nicht mehr – sie wollten komplexere Formen sehen. Heute können sich die Fans Risszeichnungen aus dem Internet laden. „Sie sind visuell übersättigt“, sagt Christoph Anczykowski. Aber ein Publikum ist nachgewachsen, das den grafischen Reiz dieser Zeichnungen neu entdeckt. „Und als Zeichner kann man weiterhin punkten mit der Darstellung von großen Raumern.“ Selbst großformatig gedruckte Risszeichnungen könnten bald ihr Comeback erleben: „Die alten Poster sind in Sammlerkreisen noch immer sehr begehrt.“

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