Wie ein Rückgrat zieht sich die Landschaftstreppe (Bildmitte) durch den Scharnhauser Park und verbindet die Wohngebiete mit Läden und öffentlichen Einrichtungen. Foto: SEG

Im Scharnhauser Park werden zurzeit die letzten Grundstücke bebaut. Die offizielle Projektlaufzeit von 20 Jahren wurde 2012 abgeschlossen. Der Erste Bürgermeister von Ostfildern, Rainer Lechner, hat die Entwicklung von Anfang an gesteuert und begleitet.

Ostfildern - Als 1992 die Amerikaner von dem Militärgelände abzogen, stand Ostfildern vor der gewaltigen Aufgabe, auf 40 Hektar einen komplett neuen Stadtteil zu schaffen. Der wurde bewusst nicht aus dem Boden gestampft. Vielmehr wurden stadtplanerisch und städtebaulich höchste Qualitätskriterien angelegt. Die Stadt Ostfildern achtete aber auch darauf, dass dort ein gesunder Bevölkerungsmix heranwuchs, und ließ die Neubürger an der Entwicklung teilhaben. Befürchtungen, dass dort ein Ghetto entsteht, sind längst widerlegt. Vielmehr gilt der Scharnhauser Park in der Region inzwischen als Vorzeigestadt.

Herr Lechner, der Scharnhauser Park wurde als kinder- und familienfreundlicher Stadtteil konzipiert. Ist das Ziel erreicht worden, sind tatsächlich vor allem junge Familien hergezogen?
Das Ziel wurde voll erreicht. Die Zugezogenen und alle, die hier in die Familienphase gingen, entsprechen zu einem großen Teil dieser Zielgruppe. Baulich wurde sie besonders berücksichtigt mit dem frühzeitigen Bau von Schule, Sporthalle und Kindergärten, Spielplätzen, Trendsportfeld, ausreichend Grünflächen, der Landschaftstreppe, Kleingartenanlagen und Bürgergärten aus der Landesgartenschau.

Die Stadt hat auf dem ehemaligen Militärgelände der Amerikaner einen bis dahin unüblichen Weg eingeschlagen und zuerst Infrastruktur wie Läden, Schule und Kindergarten gebaut, dann erst die Wohngebiete. Ein richtiger Schritt?
Das war der einzig richtige Schritt. Wir hatten so immer eine eindeutige Antwort für Interessenten, die wissen wollten, wo kaufe ich ein, wo geht mein Kind in den Kindergarten oder zur Schule. Für die Umsetzung des Stadtteils hatten wir einen Horizont von 20 Jahren. Jetzt ist die erfolgreiche Entwicklung beinahe abgeschlossen.

Retortenstädte, die schnell und unkoordiniert aus dem Boden schießen, werden häufig zu sozialen Brennpunkten. Beim Scharnhauser Park zeichnet sich das nicht ab . . .
Deshalb nicht, weil die SEG als Entwicklungsträger schon die ersten Neubürger in den Offizierswohnungen in den Prozess einbezogen hat. Wir waren mit einem Büro vor Ort, haben eine Stadtteilzeitung gemacht, Spaziergänge und Kinderfeste organisiert. Man kann Menschen nicht in eine Militäranlage ziehen lassen, ohne sie zu begleiten. Schon die Erstbürger gründeten Gruppen wie die Schapanesen, ein Zeichen dafür, dass sie sich mit der neuen Heimat identifizieren.

Der Stadtteil ist der jüngste Ostfilderns und dennoch jetzt Zentrum der Stadt. Wie gehen die gewachsenen ehemaligen Ortschaften – also Nellingen, Ruit, Kemnat, Scharnhausen und die Parksiedlung – damit um?

Es ist zwar das geografische Zentrum der Stadt. Es spielt sich aber nicht alles dort ab. Die Stadtteile haben alle ihr nach ihrer Geschichte geprägtes kulturelles und soziales Leben. Beim Aspekt Einkaufen in großen Geschäften hat der Scharnhauser Park allerdings das größte Angebot. Vorher gingen viele in Esslingen und Filderstadt einkaufen. Im Stadthaus im Scharnhauser Park ist außerdem das wesentliche Dienstleistungsangebot der Stadt konzentriert.

In der Region herrscht Wohnungsknappheit. Stuttgarts Ex-OB Schuster zeigte sich einmal erleichtert, dass die Nachbarstadt Ostfildern so viel Bauland hat. Stammen tatsächlich die meisten Neubürger aus der Landeshauptstadt?
Nein. Begonnen hat der Zuzug von weit außerhalb der Region – vor allem aus den neuen und aus den nördlichen Bundesländern. Die Menschen fanden hier Arbeit und zogen dann als Mieter und Wohnungseigentümer auch her. Der große Wohnungsbau begann aber erst nach der Landesgartenschau 2002. Die neuen Bürger kamen aus der ganzen Region, ein Teil davon aus Stuttgart. In den letzten Jahren sind auch viele Bürger aus den anderen Ostfilderner Stadtteilen zugezogen – auch einige ältere Menschen, die es genießen, dass es im Scharnhauser Park überall Barrierefreiheit gibt.

Welchen Anteil an der Bevölkerung im Park machen Migranten aus? Hält die Stadt spezielle Angebote für Menschen mit ausländischen Wurzeln bereit?
Der Anteil ist mit 13,8 Prozent etwas höher als im Rest der Stadt mit 12,3 Prozent. Angebote haben sich von Anfang an entwickelt: Es gab frühzeitig Gruppen wie die Breakdancer, die starken Zulauf hat. Die sind etabliert, und die erste Generation betreut bereits die nachfolgende.

Ein Überbleibsel der Landesgartenschau sind die Bürgergärten. Wer pflegt sie? Mischen sich dort die Altersgruppen und Nationalitäten?
Die Altersgruppen ja, die Nationalitäten auch. Mehr als zehn Jahre nach der Gartenschau sind es noch immer etwa 80 Aktive, die liebvoll die Gärten pflegen – und es kommen immer wieder neue dazu. Die meisten sind im Alter ab 30, und vereinzelt sind auch Kinder dabei, auch unterschiedliche Nationalitäten. Die Gärten sind auf Wunsch vieler Bürger geblieben, eigentlich sollte von der Gartenschau außerhalb des bebauten Bereichs nichts erhalten werden.

Heute wohnen rund 7000 Menschen im Park. Wenn 2016 vollends alle Gebäude bezogen sind, sollen es 9000 Einwohner und 2500 Arbeitsplätze sein. Ein gutes Verhältnis?
Firmen wie Elektror und DAT sind hierher gezogen, weil sie ihre Mitarbeiter ins Umfeld des Unternehmens holen wollten. Wenn sie dort Wohnraum mieten oder kaufen, bleiben sie in der Regel länger im Unternehmen. Das Verhältnis von Einwohnern zu Arbeitsplätzen im Scharnhauser Park ist gut. Es gibt natürlich aber auch hier Ein- und Auspendler wie in allen anderen Stadtteilen.

Wie sehen Sie die Lebensqualität in dem neuen Stadtteil – auch in Bezug auf die 1996 in Richtung Ostfildern verlängerte Flughafenstartbahn?
Der Scharnhauser Park ist von Fluglärm eigentlich weniger betroffen. Der Flugkorridor verläuft an Scharnhausen vorbei zwischen Nellingen und Denkendorf. Zur Lebensqualität tragen kurze Wege bei, viel Grün in und um den Stadtteil.

Ist mit der Versiegelung des letzten Baufelds tatsächlich Schluss, oder ist noch eine Erweiterung des Parks geplant?
Nein, es wird keine weiteren Bauabschnitte geben. Die Menschen brauchen auch Freiraum und Freiflächen. Der Scharnhauser Park hat seine Form gefunden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: