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Beim diesjährigen Schäferlauf in Markgröningen trotzen zwei Neulinge der Hitze und holen sich die Schäferkrone. Fehlender Nachwuchs und der Wolf sind für die Zunft die aktuellen Probleme.

Markgröningen - In der Sonne oder im Schatten?“, fragt die Frau an der Kasse eine Touristen-Familie, auf welcher Tribüne sie am Stoppelfeld sitzen wolle. Bei der brütenden Hitze am Samstag findet der Vater schnell die Antwort: „Im Schatten.“ Auf den Seitentribünen fächeln sich die Besucher Luft zu. Sie warten auf das Hauptereignis des Tages, den traditionellen Schäferlauf in Markgröningen. Am Vormittag hat der Bürgermeister Rudolf Kürner den Landrat Rainer Haas zum Rathaus kutschiert. Es folgte ein Festumzug durch die Stadt mit knapp 1000 Teilnehmern. Wie in den vergangenen Jahren rechnete die Stadt mit 100 000 Besuchern an den Festtagen.

Als Vertreter der Landesregierung kam der Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid nach Markgröningen. In der Politik gebe es zwar auch manche Hindernisse zu überwinden, „aber zum Glück muss ich nicht barfuß über Stoppelfelder laufen“, sagte der SPD-Politiker. Der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbands, Alfons Gimbel, sprach das „drängendste Problem“ der Schäfer an: den Wolf. „Er ist für unsere Herden eine Bedrohung, und zwar keine kleine.“ Hierzu gäbe es Gespräche mit dem Umweltministerium, wie dem zurückkehrenden Raubtier begegnet werden könne.

Nicht der Wolf gibt Anlass zur Sorge

Doch nicht nur der Wolf bereitet den Schäfern Probleme. Der Verband hat Nachwuchssorgen. Während im Jahr 2005 noch 300 000 Schafe in Baden-Württemberg weideten, seien es jetzt nur noch 216 000, sagte Hansjörg Wenzler, der Zuchtleiter beim Landesschafzuchtverband. Die Einkommensmöglichkeiten seien einfach zu gering heutzutage. Nach einer Auswertung des Verbands lag der durchschnittliche Stundenlohn eines Schäfers im Jahr 2011 bei 4,25 Euro. Dass das Land im vorigen Jahr die Schließung der einzigen Schäferschule in Baden-Württemberg in Hohenheim beschlossen hat, habe die Lage für angehende Schäfer und Schäferinnen nicht besser gemacht, sagte Wenzler,

Dass es aber noch Nachwuchs-Schäfer gibt, zeigte sich am Freitag beim Leistungshüten. Die 20-jährige Kerstin Riek trat als einzige Frau an. In ihrer Ausbildungsklasse seien Schäferinnen aber die Mehrheit. Beim Schäferlauf am Samstag war Riek auch dabei. „Ein Pflichttermin“, sagte sie.

Auch die Markgröninger halten sich das Wochenende nach dem Bartholomäustag, dem 24. August, frei für den Schäferlauf. Erich Hofmann hat seit seiner Kindheit keinen verpasst. In diesem Jahr wurde er für 50 Jahre ehrenamtliches Engagement geehrt: 18-mal hat er beim Festspiel den treuen Bartel gespielt, davor hatte er andere Rollen wie den Grafen, den Kaiser oder dessen Gehilfen Johann. „Eine klassische Karriere in der Festspielgruppe“, sagt Hofmann. Er schätzt an dem Volksfest, dass sich über Jahrzehnte hinweg der Ablauf kaum geändert habe, das Interesse der Leute trotzdem immer größer geworden sei. Eine kleine Änderung gab es in diesem Jahr aber wegen Sicherheitsbedenken der Polizei: So ist die Zahl der Marktstände reduziert worden. Nach Angaben der Polizei gab es bis zum Sonntagabend aber keine nennenswerten Zwischenfälle.

Die Schäferlauf-Sieger sind beide Neulinge

Ein weiteres Jubiläum feierte der Schäfertanz: Dieses Jahr wurde er zum 90. Mal aufgeführt. Die jungen Damen und Herren hüpften mal in einer Linie, mal im Kreis um den Vortänzer Guido Lübeck herum. „Ich nenne es Formationsjoggen“, sagte der Mittänzer Sebastian Bernert.

Am Nachmittag standen die traditionellen Wettkämpfe an: Sacklaufen, Hahnentanz, Wassertragen und vor allem – der Schäferlauf. Schäfer und Schäferinnen laufen dabei barfuß auf einem gemähten Feld um die Wette. Die beiden Erstplatzierten werden zu Schäferkönig und Schäferkönigin gekürt und erhalten ein Lamm als Preis. Dieses Mal war es so heiß, dass man die Luft auf dem Feld flirren sehen konnte.

Bei den Männern holte Daniel Erhardt aus Stödtlen (Ostalbkreis) den ersten Platz. Der 19-jährige macht gerade seine Ausbildung zum Landwirt. „Hier ist immer ziemlich harte Konkurrenz“, sagte er. Seine beiden Brüder haben hier bereits je dreimal gewonnen und dürfen deswegen nicht mehr teilnehmen. Jetzt ist es an Daniel, die Familientradition fortzuführen. Bei den Schäfermädchen gewann Kathrin Hagenlocher aus Bad Wildbad (Kreis Calw). Die 15-Jährige hat zum ersten Mal am Schäferlauf in Markgröningen teilgenommen. Ob das Laufen auf den Stoppeln wehgetan hat? „Nein“, sagt sie und zeigt ihre unversehrten Fußsohlen. „Ich habe es davor aber auch gar nicht getestet“, gab sie zu und zog wieder ihre Chucks an.

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