Seit dem Jahr 2013 prägt Christiane Lange das Bild der Staatsgalerie in der Öffentlichkeit. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Direktorin der Staatsgalerie wirkt in einem Video ihres Mannes mit, in dem Coronamaßnahmen lächerlich gemacht werden. Die Landesangestellte hat den Clip jetzt löschen lassen.

Stuttgart - Die umstrittene Videoproduktion „Alles dicht machen“ prominenter Schauspieler und Schauspielerinnen ist in diesem Frühjahr ein polarisierendes deutsches Lockdown-Thema gewesen. So hatten sich unter anderem Jan Josef Liefers, Nadja Uhl und der Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Richy Müller in Filmbeiträgen satirisch daran versucht, die staatlichen Coronamaßnahmen durch drastische Überzeichnungen ins Absurd-Lächerliche zu ziehen. Was bei den vielen Betrachtern sowohl Zuspruch als auch enorme Ablehnung und Unverständnis hervorrief.

 

Auswirkung auf Kultur und Wirtschaft gravierender

Doch schon ein paar Monate zuvor hatte ein weniger bekannter Künstler die Idee, die Reaktion auf die Pandemie als völlig überzogen darzustellen. Und so wirkt das Youtube-Video des aus Brasilien stammenden Kabarettisten Zé do Rock, der auch als Regisseur und Schriftsteller tätig ist, wie die Grundidee für die Aktion „Alles dicht machen“. Die Pandemie vergleicht Zé do Rock in seinem Beitrag unter anderem mit einer Ameise, die Gegenmaßnahmen mit einem Elefanten. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Kultur seien viel schlimmer als einzelne Coronatote, meint er. Und immer wieder fällt das Wort „Scheiße“. Corona sei „scheiße“, die Maßnahmen aber noch viel „beschissener“. Dann arbeitet sich der in Stuttgart und München lebende Zé do Rock am Mund-Nasen-Schutz ab, setzt sich eine Hasenmaske und ein Skibrille auf. Eine Breitseite gibt es nebenbei auch noch gegen Gendergerechtigkeit („Sprachdiktatur“).

Öffentliche Kritik am eigenen Arbeitgeber

Was diesem Clip am Ende aber tatsächlich eine Brisanz verleiht, ist die Schlusssequenz. In dieser bittet Zé do Rock zum „Anti-Corona-Tanz“. Dieser Einladung kommt seine nun die Szenerie betretende Ehefrau beschwingt nach. Die heißt Christiane Lange und ist die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart. Ihr Auftritt in diesem Video legt nun den Verdacht nahe, dass Lange sich ebenfalls über die Coronamaßnahmen lustig macht und diese auch für völlig unangemessen hält. Was als öffentliche Kritik an der baden-württembergischen Landesregierung verstanden werden kann – und somit an ihrem Arbeitgeber.

Dem widerspricht die Kunsthistorikerin, die ohne Zulagen monatlich Bezüge in Höhe von 8227,19 Euro vom Land erhält, gegenüber dieser Zeitung in einer schriftlichen Erklärung. „Das Video ist das Werk meines Mannes. Die satirische Perspektive auf die Coronamaßnahmen, die er darin als freier Künstler einnimmt, ist nicht als Wiedergabe meiner eigenen Meinung zu verstehen.“

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In diesem Zusammenhang verweist die 57 Jahre alte gebürtige Mainzerin darauf, dass sie als Direktorin der Staatsgalerie bisher jede Verordnung der Landesregierung „unverzüglich“ umgesetzt habe und dass der Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses jederzeit im Vordergrund ihres Handels stehe: „Wir haben als erstes Museum in Baden-Württemberg Impfungen für das Personal im Haus angeboten.“ Die Direktorin selbst hat dieses Angebot allerdings nicht wahrgenommen. „Auf Anraten meiner Ärzte bin ich durch eine Vorerkrankung derzeit noch nicht geimpft“, so die Professorin, die seit acht Jahren in Stuttgart im Amt ist. Sie lasse sich aber regelmäßig testen, sagt Lange. Das wird allerdings nicht reichen, sollte die neue 2G-Regel in Baden-Württemberg in Kraft treten. Dann dürfen nur noch Geimpfte und Genesene Kultureinrichtungen wie die Staatsgalerie betreten.

Die Chefin ist selbst nicht geimpft

„Meine aktive Bemühung um eine Eindämmung der Pandemie sollte nicht durch eine solch missverständliche Teilnahme an einer künstlerischen Intervention konterkariert werden“, teilt Christiane Lange schriftlich mit. Unbeantwortet bleibt von ihr am Ende nur die Frage, warum sie denn überhaupt in diesem Video aufgetreten ist. Möglicherweise in der Annahme, der Clip, der in den vergangenen zehn Monaten gerade einmal 457 Aufrufe erzielt hat, würde öffentlich übersehen werden.

Video-Clip mittlerweile offline

Mittlerweile ist der Beitrag nicht mehr abrufbar. Angesichts eines möglichen Konflikts aufgrund der Tätigkeit als Leiterin einer staatlichen Kulturinstitution habe sie ihren Ehemann jetzt gebeten, den Film offline zu nehmen, erklärt Christiane Lange. Dies hat zur Folge, dass das für die Angelegenheit zuständige Landesressort für Wissenschaft, Forschung und Kunst von Ministerin Theresia Bauer (Grüne) derzeit keinen Handlungsbedarf sieht. „Was wir nicht sehen, können wir auch nicht bewerten“, lautet die Erklärung aus ihrem Haus in aller Kürze.

Auch einige der prominenten „Alles dicht machen“-Darsteller ließen ihre Beiträge im Netz löschen, nachdem es dafür auch immer wieder Beifall aus dem extremen rechten Lager gegeben hatte. Der Schauspieler Kostja Ullmann kommentierte seinen Schritt so: „Manchmal ist es besser, einen Moment länger nachzudenken.“