Die israelische Theatermacherin Sapir Heller hat Maya Arad Yasurs Text „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“ als Performance am Kammertheater inszeniert und wünscht sich Komplizen.
Maya Arad Yasurs Text „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“ ist Sapir Hellers Grundlage.
Frau Heller, Sie sind in Israel geboren, leben in Deutschland. Wie würden Sie die Haltung der Deutschen zum Überfall der Hamas auf Israel und zum Kampf Israels gegen die Hamas beschreiben?
Ich habe den Eindruck, dass die Leute denken, sie müssten entweder Pro Israel oder pro Palästina sein, dazwischen gibt es nichts. Das führt entweder zu radikalem Schwarz-Weiß-Denken oder zu diesem großen Schweigen in der Gesellschaft. Viele wollen keine radikale Position einnehmen, sagen aber auch nicht, ‚ich bin auf der Seite der Menschlichkeit‘, was richtig wäre. Viele Menschen fühlen sich aufgrund dieses Schweigens im Stich gelassen. Es geht nicht darum, dass man zu einem Staat, einer bestimmten Regierung steht, sondern zu den Menschen. Diese Solidarität fehlt mir.
Menschlichkeit für beide Seiten?
Genau! Wenn ich etwa die Tat der Hamas am 7. Oktober verurteile, bin ich nicht automatisch gegen einen palästinensischen Staat oder für den Siedlungsbau, dann ist Netanjahu nicht automatisch der König der Welt.
Maya Arad Yasurs Text versucht Antworten zu geben, wie sich Menschen angesichts von Gewalt und Zerstörung ihren Humanismus, also den Glauben an das Gute im Anderen, bewahren können. Sehen Sie selbst noch eine Chance für den Humanismus?
Es gibt keine einfache Antwort darauf, auch wenn der Text wie ein Rezept funktioniert – tu dies und das, dann klappt’s! Aber das ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. In der Performance und auch für mich persönlich geht es mehr um den Kampf, den wir um den Humanismus führen müssen. Wenn ich genug Komplizen finde, die diese Fragen mit mir gemeinsam stellen, dann habe ich doch schon die Antwort! In diesem Sinne habe ich schon Hoffnung für den Humanismus.
Es gibt einen zentralen Satz in Yasurs Text: „Auch auf der anderen Seite der Grenze gibt es Mütter.“ Warum lässt sich mit diesem Appell an die Empathie kein Krieg beenden?
Das ist eine gute Frage, die ich als einfache Frau ohne politische Macht schwer beantworten kann. Ich möchte diesen Satz ganz oft brüllen, und hoffe, andere einfache Menschen wie mich zu finden, die ihn mit mir brüllen. Vielleicht wäre das eine Antwort auf die Gewalt, auch, wenn es naiv klingt.
Friedrich Schiller hat das Theater als moralische Anstalt verstanden. Glauben Sie angesichts der politischen Ereignisse noch an solche positiven Effekte ?
Ich glaube sehr an das Theater. Für mich ist es ein Versammlungsort, wo viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen und ein gemeinsames Erlebnis haben. Für mich endet ein guter Theaterabend nicht mit dem Applaus. Die Leute nehmen neue Perspektiven und Fragen mit nach Hause. Wenn sie diese mit sich und anderen diskutieren, hat das Theater wirklich einen positiven Effekt. So kann eine Aufarbeitung beginnen.
Performance Mit Diskussion am 1. März, 20 Uhr, Karten: www.schauspiel-stuttgart.de