Die Optik des historischen Saales darf sich nicht verändern. Foto: factum/Simon Granville

Durch die Fensterritzen hinaus heizen will die Gemeinde Hemmingen im denkmalgeschützten Schlossgebäude nicht mehr: Die maroden Fenster im Rathaus werden jetzt saniert. Auch wenn Investitionen zur Zeit nicht leicht zu stemmen sind.

Hemmingen - In der Kämmerei zieht es fürchterlich, vor allem in der kalten Jahreszeit. Auch der Sitzungssaal wird unfreiwillig belüftet. Der Bürgermeister hat Schwierigkeiten, in seinem Amtszimmer die Fenster mit leichter Hand zu öffnen oder zu schließen. Dabei sieht Thomas Schäfer Risse im Glas. Und das Trauzimmer nebenan wurde im Herbst und Winter nur dann geheizt, wenn es unbedingt nötig war, weil die Wärme durch die dünnen Gläser rasch perdu war. Im Hemminger Schloss der Familie von Varnbüler, das seit mehr als 30 Jahren das Rathaus der 8000-Einwohner-Gemeinde ist, sind die Fenster schon lange marode. Jetzt soll die dringende Erneuerung angepackt werden – obwohl die Gemeinde wegen der coronabedingten Einnahmeausfälle alle Ausgaben überprüfen muss.

„Wir schieben das schon so lange auf. Nun sollten wir es tun“, sagt der Bürgermeister Thomas Schäfer. Der Gemeinderat hat jüngst zugestimmt, das Projekt in Angriff zu nehmen, obwohl es mit knapp 300 000 Euro zu Buche schlagen wird. In diesem Jahr soll noch ausgeschrieben werden, die Handwerker sollen dann 2021 und 2022 kommen.

Verschiedene Bauzeiten

Bei der Investition spielen neben finanziellen Gesichtspunkten auch technische und denkmalrechtliche Aspekte eine Rolle. Letztere sind eng miteinander verbunden. Verschiedene Gebäudeteile des Schlosses stammen aus unterschiedlichen Epochen: Der Trakt, in dem sich der Sitzungssaal befindet, wurde im 19. Jahrhundert gebaut. Dafür gelten andere Regeln des Denkmalamtes als für den Trakt des Schlosses aus den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, in dem sich Büros befinden.

Dazu gehört auch das Büro der Kämmerin Bianca Pfisterer – die kräftig am Fenster ziehen muss, wenn ihr der Sinn vor lauter Zahlen zwischendurch einmal nach einer Sauerstoffzufuhr steht.

Das Bauamt der Gemeinde hatte sich im Vorfeld mit dem Denkmalamt auseinander gesetzt und mit der Behörde eine Einigung erzielt. Es sei einfach „nicht mehr so weitergegangen“ wie bisher, sagt die Bauamtsleiterin Sonja Widmann: Das Holz der ohnehin schon dünnen Fensterrahmen sei verzogen gewesen, die Kitt-Verfugungen schadhaft, zum Teil sei Regenwasser eingedrungen.

Die Optik habe für die Behörden eine große Rolle gespielt, vor allem der Anblick des Schlosses von außen. Das Gebäude sei „ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“, berichtet Widmann. Die Gespräche mit dem Denkmalamt und dem Landratsamt seien „intensiv“ gewesen.

Historische Fenster dürfen nur repariert werden

Das Ergebnis: Die Fenster im Bürotrakt dürfen gegen moderne Isolierglasfenster ausgetauscht werden. Die historischen Fenster im Sitzungssaal mit Einfachglas „müssen zwingend erhalten bleiben und dürfen nur repariert und ertüchtigt werden“, so Widmann. Von außen muss alles fast gleich aussehen, sowohl die Einteilung der Fensterflügel wie deren Unterteilung durch Sprossen. Bis jetzt sind die Fenster noch braun gestrichen. Der energetische Aspekt des Ganzen habe keine Rolle gespielt. Nun seien die Gespräche, die schon 2015 begonnen hatten, abgeschlossen und die Sanierung denkmalrechtlich genehmigt.

Die Fenster sollen in zwei Phasen in den Jahren 2021 und 2022 ausgetauscht werden. So sollen auch die Kosten pro Jahr etwas gestreckt werden. Zudem hat Bianca Pfisterer noch ein „Sparbuch“ für diesen Zweck. Darüber ist Thomas Schäfer froh: „Wir haben seit 1985 eine Instandhaltungsrücklage gebildet.“ 100 000 Euro könne man davon verwenden.

Geschichtsträchtig
Die Ursprünge des heute noch stehenden Hemminger Schlosses sind Jahrhunderte alt.

1492
Es ist schon von einem „Alten Schloss“ die Rede. Dieses war ursprünglich ein Steinhaus und mit der Kirche von einem Wassergraben umgeben. Nun wird es renoviert.

1649
Johann Konrad Varnbüler erhält für seine Verdienste als württembergischer Vertreter bei den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück von Herzog Eberhard III. das an Württemberg zurückgegangene Lehen: das Schloss und das halbe Dorf Hemmingen.

1852-54
Das Schloss wird durch den Baumeister Christian Friedrich Leins erweitert.

1985
Die Familie Varnbüler verpachtet das Schloss an die Gemeinde als Rathaus. 1987 wird der Schlosspark geöffnet.

2014
Der Ortshistoriker Walter Treiber, mittlerweile verstorben, dreht mit der Filmemacherin Sabine Willmann einen Rundgang durch das Schloss. Das 36-Minuten-Video ist als DVD im Rathaus zu erhalten.

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