Die Zufallsbürger des Opernforums plädieren für eine Kreuzbühne und erteilen den Alternativen von Aufbruch Stuttgart eine Absage. Zudem soll das Paketpostamt am Rosensteinpark erneut auf seine Eignung als Interimsspielstätte für Oper und Ballett geprüft werden.
Stuttgart - Die Stuttgarter Staatsoper soll an ihrem Standort im Oberen Schlossgarten saniert, modernisiert und mit einer Kreuzbühne unter sensibler Beachtung denkmalschutzrechtlicher Belange versehen werden. So lautet die Empfehlung einer deutlichen Mehrheit der aus 20 000 Telefonaten ausgewählten 57 Zufallsbürger, die am Mittwoch bei einer Videokonferenz vorgestellt wurde. Seit Oktober hatte das Bürgerforum, das vom Referat Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung im Staatsministerium unter Federführung von Staatsrätin Gisela Erler (Grüne) initiiert worden war, über die Opernsanierung beraten.
Der Politik Hausaufgaben aufgegeben
Zum Thema Interimsstandort während der Dauer der Sanierung haben die Bürger der Politik Hausaufgaben aufgegeben: Neben der von Stadt und Land präferierten Übergangsspielstätte bei den Wagenhallen im Stuttgarter Norden soll auch das Paketpostamt am Rosensteinpark nochmals als möglicher Standort für ein Operninterim untersucht werden. Das wünscht sich mehr als die Hälfte der Teilnehmer. Das Gebäude an der Ehmannstraße war bereits vor zwei Jahren als Interimsoper im Gespräch, OB Fritz Kuhn (Grüne) hatte dann aber mit Zustimmung des Gemeinderats angesichts geschätzter Kosten von 116 Millionen Euro für den Umbau während der auf mindestens fünf Jahre veranschlagten Sanierungsdauer des Großen Hauses die Reißleine gezogen.
Alternative Varianten des Vereins Aufbruch Stuttgart finden keine Mehrheit
Für die alternativen Plänen der Initiative Aufbruch Stuttgart, die einen Verzicht auf den Einbau einer Kreuzbühne in den historischen Littmann-Bau und den Neubau einer dritten, multifunktional nutzbaren Spielstätte etwa an der Königstraße 1 bis 3 oder auf dem Areal des benachbarten Königin-Katharina-Stifts vorsehen, fand sich keine Mehrheit. In Bezug auf das der LBBW gehörende Marstall-Areal an der Königstraße äußerte sich die Mehrheit der Teilnehmer verärgert darüber, dass diese Variante vom Aufbruch überhaupt zur Diskussion gestellt wurde, obwohl der Eigentümer der Initiative bereits 2019 mitgeteilt hatte, dass der Standort für den Bau einer dritten Spielstätte nicht zur Verfügung stehe. Auch dem Abriss des Gymnasiums am Gebhard-Müller-Platz zugunsten einer weiteren Spielstätte für Oper und Ballett oder einer Umnutzung des denkmalgeschützten Schulgebäudes als Opernverwaltungstrakt erteilte die Mehrheit der Zufallsbürger eine klare Absage. Zudem sei der generelle Bedarf für eine dritte Spielstätte nicht nachgewiesen.
Großes Lob zollten die Beteiligten dem Format an sich
Insgesamt attestieren die Teilnehmer des Forums den Sanierungs- und Modernisierungsplänen und der Kostenkalkulation von Stadt und Land für das Milliardenprojekt ein deutliche größere Detailtiefe als bei den von Aufbruch Stuttgart ins Gespräch gebrachten Alternativvarianten. Gleichwohl unterstützen die Teilnehmer das generelle Ziel der Initiative um den Ex-TV-Moderator Wieland Backes, nämlich eine städtebauliche Aufwertung der Kulturmeile in Form eines Boulevards, der für Kunst, Kultur und Begegnung genutzt wird. Die Teilnehmer äußerten zudem die Erwartungshaltung, dass die Empfehlungen des Forums von den politischen Entscheidern berücksichtigt werden und die Planung zügig weitergeführt wird.
Großes Lob zollten die Beteiligten dem Format an sich, dass wegen der Corona-Pandemie nur online stattfand: Der Beteiligungsprozess habe zur fundierten Meinungsbildung beigetragen, das Bürgerforum sei „Demokratie pur“ und auch für künftige strittige Themen zu empfehlen, heißt es in der 80-seitigen Abschlusserklärung.
Land will Paketpostamt als Interimsstandort nochmals untersucht wissen
Staatsrätin Erler wertete das Votum des Bürgerforums für eine Sanierung und Modernisierung des Großen Hauses als „Verpflichtung an die Landesregierung, die aufgeworfenen Fragen und Themen nochmals gründlich zu diskutieren und zu prüfen“. Sie lobte das Format und das Engagement der Bürger als beispielhaft: Die Teilnehmer hätten Pionierarbeit geleistet, die Demokratie gestärkt und sich in kurzer Zeit in die komplexe Materie eingearbeitet. Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) freute sich darüber, dass die Empfehlung die Notwendigkeit der Sanierung des Littmann-Baus nebst Einbau einer Kreuzbühne bestätigt habe. Vor allem hätten die Bürger mit ihrem Votum den derzeitigen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten der Staatstheater Rechnung getragen. Während Olschowski zusicherte, das Thema Interimsspielstätte nochmals zu prüfen, gab sich Stuttgarts Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) zurückhaltender: Er wertete das Plädoyer für eine erneute Prüfung des Paketpostamts als Auftrag, das Konzept für den Standort Wagenhallen nochmals nachzuarbeiten.
Der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, sprach von einem „höchst profunden“ Votum der Bürger, an dem sich manche zum Populismus neigenden Politiker ein Beispiel nehmen sollten, und zitierte den Dichter Bertolt Brecht: „Das Volk tümelt nicht.“ Der Aufbruch-Vorsitzende Wieland Backes wollte zunächst keinen Kommentar zum Ergebnis des Bürgerforums abgeben. Man wolle sich erst vereinsintern beraten.