Bruce-Nauman Foto: Kunsthalle Mannheim

Der Stuttgarter Josef W. Froehlich zählt seit den frühen 1980er Jahren zu den wichtigsten der international agierenden deutschen Kunstsammler. Einzigartig macht seine Arbeit der Aufbau ganzer Werkblöcke von Künstlern wie Imi Knoebel, Bruce Nauman oder Rosemarie Trockel.

Stuttgart - Kassel 1982. Auf der Weltkunstausstellung Documenta VII in Kassel zerstückelt ­Joseph Beuys eine Replik der Zarenkrone von Iwan dem Schrecklichen, entfernt die Edelsteine, wirft das flüssige Gold in eine Form undpräsentiert nach dem Erkalten des Materials den „Friedenshasen“. Aus einem Macht­symbol macht der Aktionskünstler ein Friedenssymbol.

Josef W. Froehlich, Unternehmer aus Stuttgart und seit Jahren in der internationalen Kunstszene als interessierter Beobachter unterwegs, ist begeistert und will das Kunstwerk erwerben. Nach mehreren Treffen in Stuttgart, Berlin, Düsseldorf und Köln kommt der Kauf zustande. „Beuys öffnete ein Flasche Champagner, zog ein kleines Fläschchen Hasenblut aus seiner Westentasche, tropfte einige Tropfen in unsere Gläser, und wir tranken Blutsbrüderschaft“, erzählt Froehlich von diesem Tag.

Freundschaft mit Beuys, Koons und Baselitz

Zur Eröffnung des Staatsgalerie-Neubaus von James Stirling im Mai 1984 wurde der Friedenshase mit Zubehör in einem Safe als Leihgabe installiert. 1992 schenkte ­Froehlich das Werk der Staatsgalerie. Private Fotos zeigen, dass die Freundschaft der Familien Beuys und Froehlich bis zu Beuys’ Tod 1986 währte.

Nicht jeder Kunstsammler kann auf eine solch verrückte Anekdote mit einem prominenten Vertreter der zeitgenössischen Kunst zurückschauen wie der Unternehmer Froehlich. Zumal auch dessen Sammelleidenschaft und die seiner Gattin Anna – wie durchaus üblich – in den späten 1970er ­Jahren mit Kunst für den Hausgebrauch ­begann. Die Begegnung mit Joseph Beuys darf als Initialzündung gewertet werden – nach Beuys wollte Josef W. Froehlich auch andere Künstler persönlich kennenlernen. Er besuchte Georg Baselitz in Derneburg, Walter de Maria in New York, Jeff Koons in Sarasota, Zhan Wang in Peking – und er war auch in Andy Warhols Factory gern gesehen. Ein Porträt des Unternehmers belegt ­Warhols Sympathie.

Als Werkauswahl der Sammlung ­Froehlich, die seit 1995 durch eine Stiftung getragen wird, können heute Namen wie Alighiero Boetti, Mario Merz, Rosemarie Trockel, Imi Knoebel, Richard Hamilton, Roni Horn, die der Chinesen Wang Guangyi und Zhan Wang, Dan Flavin, Donald Judd, Anselm Kiefer, Sigmar Polke, Gerhard Richter und zwölf Kupferstiche von Albrecht Dürer genannt werden. Dem Prinzip der Sammlungsblöcke folgend, wurden aus den ­Arbeiten der jeweiligen Künstler Werk­komplexe gefügt. Sammlungsbestände ­wurden und werden weltweit gezeigt. Zur Eröffnung der Tate Modern in London schenkte Josef W. Froehlich dem Haus „Three Large Ainmals“ von Bruce Nauman, zur Retrospektive von Sigmar Polke im ­Museum Ludwig wurden 13 Werke des Künstlers als Leihgabe entsandt. Auch in der aktuellen Ausstellung „Auf der Suche nach 0,10“ in der Fondation Beyerler in ­Riehen bei Basel sind Werke aus der Leinfelder Sammlung zu sehen.

Medikamentenmissbrauch in filigraner Ästhetik

Im März dieses Jahres feierte Froehlich seinen 80. Geburtstag. Anlässlich dieses Jubiläums erarbeitete der Sammler erstmals im sogenannten Schaulager auf dem Firmengelände in Leinfelden eine Hängung mit 300 Werken von 30 Künstlerinnen und Künstlern. Einige von ihnen konzipierten die Präsentation mit. Schwerpunkt sind Werke von Bruce Nauman, Zhan Wang und Damian Hirst. Hirst, 1965 in Bristol geboren, ist auch bekannt durch seine in ­Formaldehyd eingelegten Tierkörper. Die Beschäftigung mit den Themen Tod, Religion, Konsumkultur zeigt sich aber auch in weniger spektakulären Werken wie „Landscape and Memory“ und „In Search of Knowledge“. „Landscape and Memory“ zeigt in einem Schrank aus Edelstahl, der so in jeder Arztpraxis stehen könnte, eine Sammlung von Medikamentenverpackungen. In „Search of Knowledge“ hat Hirst Pillen aus Gips, Metall oder Kunstharz in rhythmischen Reihungen in eine Edelstahlbox ­gelegt. Wer will, kann interpretieren: Medikamentenmissbrauch in filigraner Ästhetik.

Bruce Nauman, geboren 1941 in Indiana, ist mit Werken wie „Human Nature/Knows Doesn’t Know“, „Double Poke in the Eye II“ und „Double No“ vertreten. Schon früh war der Konzeptkünstler mit seinen Neonröhrenwerken und Videoarbeiten bekannt geworden.

Bei einer Führung, zu der kürzlich die Freunde der Staatsgalerie Stuttgart ins Schaulager nach Leinfelden eingeladen ­hatten, fand das Werk von Zhan Wang besondere Bewunderung. Bekannt geworden ist der 1962 in Beijing geborene Bildhauer durch seine „Artificial Rocks“, V2A-Stahlblech-Häuten von Steinen. Wie eineiige ­Geschwister liegen die beiden Kolosse (50 mal 85 mal 75 Meter) in Froehlichs Schaulager – Marmorfindling aus dem Passaier Tal der eine, sein künstlerischer Zwilling aus Edelstahlhaut der andere, optisch ungemein reizvoll, meditativ. Und wer sich für eine der kostenlosen öffentlichen Führungen bei Referentin Milena Schäufele unter info@sammlung-froehlich.de (jeden zweiten Montag im Monat) anmeldet, den erwarten gleich zwei Überraschungen: Beuys’ „Schlitten“ unter Treppenstufen und die menschengroße Skulptur „Dinah“ von Elmgreen & Dragset im Konferenzraum.

Die „Freunde der Staatsgalerie“ laden ihre Mitglieder mehrmals im Jahr zu ­Exkursionen ein. Informationen gibt es unter ­­info@freunde-der-staatsgalerie.de

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: