Die Nachfrage nach Spendersperma steigt, immer mehr Babys werden künstlich gezeugt. Aber die Samenbank Ludwigsburg, die einzige in der Region, muss trotzdem viele Spender aussieben. Wie funktioniert das Samenbusiness?
Hinter einer Glastür stehen mehrere hellgraue Behälter, die ein wenig an Industriestaubsauger auf Rollen erinnern. Eine Frau öffnet den Deckel eines Behälters, eisiger Dampf steigt auf, flüssiger Stickstoff kühlt den Inhalt auf minus 192 Grad. Das ist die Temperatur, die Sperma auf Dauer haltbar macht. Hier lagert die Samenflüssigkeit von etwa 60 Spendern. Das zukünftige Glück ganzer Familien befindet sich in diesen kleinen Metalltonnen in diesem Labor in Ludwigsburg
Die Frau mit den Behältern ist Martina Flaig, die tiefgekühlten Spermien sind ihr Geschäft. Als Leiterin der Samenbank Ludwigsburg führt die 40-Jährige Bewerbungsgespräche mit potenziellen Spendern und trifft sich mit interessierten Paaren, die auf eine Samenspende angewiesen sind. Flaig ist in dieser Situation wie eine Partnervermittlerin im erweiterten Sinn: Es gibt die Wunscheltern, den Spender, und sie sorgt dafür, dass sie zusammenfinden. „Das ist ein Herzensprojekt“, sagt Flaig.
Immer mehr Babys werden künstlich gezeugt
Der Bedarf an Spendersamen steigt in Deutschland. Das hat unterschiedliche Gründe. Einerseits: Die Spermienqualität der Männer ist laut einer im Fachblatt „Human Reproduction Update“ veröffentlichten Studie in den vergangenen 50 Jahren um die Hälfte gesunken. Andererseits reift der Kinderwunsch bei potenziellen Eltern immer später, und zwischen 40 und 50 Jahren verschlechtere sich bei Männern die Funktion der Spermien, wie Mediziner immer wieder berichten.
22 200 Babys wurden im Jahr 2020 nach Kinderwunschbehandlungen laut Erhebungen eines Düsseldorfer Forschungsinstituts geboren. Zehn Jahre zuvor waren es 13 000. Und auch die durch Spendersamen gezeugten Kinder werden mehr. 2018: 1129 Behandlungen. 2019: 1404 Behandlungen. 2020: 1861 Behandlungen. Neuere Zahlen liegen nicht vor, aber es ist davon auszugehen, dass die Zahl weiter gestiegen ist.
Spermien kann man online shoppen – fast wie bei Amazon
Dass es die Samenbank Ludwigsburg gibt, ist wohl auch dieser Entwicklung zu verdanken. Vorher hätten sich Wunscheltern selbst um die Samen für eine künstliche Befruchtung oder Insemination kümmern müssen, sagt Andreas Ott, Arzt mit Schwerpunkt Reproduktionsmedizin und Inhaber der Samenbank und der angedockten Kinderwunschklinik. „Wir wussten nicht mehr über den Spender als die Paare selbst“, sagt Ott. Man musste mindestens bis Karlsruhe oder München zur nächsten Samenbank fahren. Oder die Spermien einfach online bestellen.
Bei Cryos International oder der European Sperm Bank (ESB), beides internationale Riesen mit Sitz in Dänemark, kann man Spermien im Onlineshop bestellen. Bei der ESB sind die Spender mit ihren Eigenschaften aufgelistet. Randahl: positiver ruhiger Typ, 1,90 Meter groß, braune Augen, 14 Samenproben auf Lager. Oder Dreng: kreativer Lebemensch, 1,88 Meter, dunkle wellige Haare, nur noch vier Samenproben auf Lager. Man kann sich seine Favoriten mit Herzchen markieren oder direkt in den Warenkorb hieven. Ein bisschen wie Shopping über Amazon.
Nur die wenigsten schaffen es, Samenspender zu werden
Bei der Samenbank Ludwigsburg läuft das anders. Die Spendersamen seien nur für den Eigenbedarf in der angeschlossenen Kinderwunschklinik. Die gesamte Behandlung werde so im Haus abgewickelt, und die Samenbank müsse keine eigenen Profite erwirtschaften. „Wir kennen immer sowohl die Spender als auch die Paare. Das unterscheidet uns von fast allen anderen“, sagt Ott. Die meisten Spender seien aus der Region Stuttgart, manche kämen auch von weiter her, ergänzt Martina Flaig.
Samenspender genießen bei den meisten Menschen eher keinen ganz unzweifelhaften Ruf. Das liegt wohl auch an Menschen wie dem Niederländer, der in diesem Frühjahr vor Gericht stand, weil er 550 Kinder über Samenspenden gezeugt hat. Aber das hat mit der Realität in der Samenbank wenig zu tun. Wer etwa Spender in Ludwigsburg werden will, muss ein Prozedere durchlaufen, bei dem stärker ausgesiebt wird als bei so manchem Job.
500 bis 600 Bewerber habe es in den beiden vergangenen Jahren gegeben, sagt Flaig. Sie durchlaufen ein etwa halbstündiges Bewerbungsgespräch, müssen eine Probespende abgeben, Blut und Urin werden analysiert, alle möglichen Gesundheitsrisiken müssen ausgeschlossen werden, und auch die Persönlichkeit ist wichtig. Am Ende bleibt nur knapp jeder zehnte der Bewerber übrig. Erst dann bekommt man 100 Euro pro Samenspende. Und ja, das Zimmer dafür sieht aus, wie man es sich vorstellt: nüchternes Interieur, Poster von nackten Frauen an den Wänden, eine Durchreiche für den Becher mit dem Spendersperma.
Ein Röhrchen mit Sperma kostet mindestens 500 Euro
Aus den Spermien eines Spenders dürfen maximal 15 Kinder gezeugt werden, sonst ist die Gefahr zu groß, dass sich später die Geschwister ineinander verlieben, ohne zu wissen, dass sie Geschwister sind. Das ist zumindest die Empfehlung, ein Gesetz dazu gibt es nicht. Aber in Samenbanken würde man sich daran halten, sagt Flaig.
Dieser offizielle Weg ist auch mit Kosten verbunden. Bei der Samenbank Ludwigsburg koste eine Samenprobe – also ein Plastikröhrchen mit Sperma – 500 Euro, sagt Gründer Ott. Bei der European Sperm Bank, dem Onlineversand, sind es 995 Euro. Dazu kommen die Kosten für eine künstliche Befruchtung. Bei einer In-vitro-Fertilisation, also der Befruchtung von Eizellen mit dem männlichen Samen im Labor, liegt man meist bei Kosten von mehreren Tausend Euro pro Versuch. Auch bei einer Insemination, einer Spermieninjektion in den Genitaltrak t , ist man in Summe schnell bei einem vierstelligen Eurobetrag.
Gesetzliche Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kosten, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Eine davon: Die Wunscheltern müssen verheiratet sein, homosexuelle Paare sind genauso ausgenommen wie Solo-Wunschmütter. Die Bundesregierung hatte sich in den Koalitionsvertrag geschrieben, das zu ändern. Passiert ist das bisher nicht. „Die gesetzliche Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Öffnung im Bereich der künstlichen Befruchtung bleibt abzuwarten“, teilt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums mit. Wer es günstiger will, sucht daher abseits der Samenbanken nach Spendern.
Manche bieten eine „private“ Samenspende an
Es gibt Facebook-Gruppen, auf denen potenzielle Samenspender mit suchenden Frauen oder Paaren zusammengebracht werden. Eine schnelle Google-Suche reicht, um auf Seiten zu gelangen, auf denen sogenannte private Samenspenden angeboten werden. Spermaspender.de ist eine davon, auch auf Co-eltern.de gibt es Angebote. Diese privaten Samenspenden sind in Deutschland nicht verboten, aber sie gelten nicht als Samenspende, sondern als Co-Elternschaft, wie es beim Informationsportal Kinderwunsch des Bundesfamilienministeriums heißt. In anderen Worten: Medizinische und juristische Absicherung fehlen in dem Fall.
Samenbanken fallen unter das Samenspenderregistergesetz. Dieses schreibt seit 2018 vor, welche Gesundheitsuntersuchungen Spender durchlaufen müssen. Aber vor allem regelt es den Umgang mit dem Spender: Er ist von der Unterhaltspflicht befreit. Und er bleibt für die durch seine Samen gezeugten Nachkommen nicht anonym. Vermutet man, durch eine Samenspende entstanden zu sein, kann jede und jeder ab 16 Jahren für sich selbst einen Auskunftsantrag beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte stellen. Diese Rückverfolgung gibt es bei privaten Spendern nicht, und damit bleibt auch unklar, wie viele Nachkommen ein Spender gezeugt hat.
Der Bankkaufmann ist als Spender sehr gefragt
In Martina Flaigs Büro hat man den Ludwigsburger Bahnhof und ein paar alte Industriebauten in Sichtweite. Sie blickt zurück: 150 bis 200 Paare habe sie im vergangenen Jahr bei der Suche nach dem Wunschspender betreut, sagt Flaig. Dieses Jahr würden es wohl noch um einige mehr. Sie kennt die Wünsche der angehenden Eltern: Heterosexuelle Paare würden den Spender vor allem nach der Ähnlichkeit zum Wunschvater aussuchen. Dafür könnten sie Kinderfotos des Spenders einsehen, Erwachsenenfotos seien dagegen tabu. Schwule und lesbische Paare würden dagegen eher auf Persönlichkeitsmerkmale achten: Bildung, Begabungen, Hobbys.
Der beliebteste Spender sei Bankkaufmann, extrovertiert, Musik- und Naturliebhaber, und: blond und blauäugig. Auch der Yoga-Lehrer sei sehr gefragt, sagt Flaig. Generell wollten viele gerne einen Akademiker als Spender.
Neben Flaigs Schreibtisch hängen die Bilder von mehreren Dutzend Babys. Ohne sie wären diese Babys nicht entstanden, sie hat dafür gesorgt, dass Wunscheltern ihren perfekten Spender finden. „Wenn die Eltern zu mir sagen, dass ich ihnen einen Herzenswunsch erfüllt hätte, dann ist das für mich das Größte“, erzählt Flaig.