Die Musicbanda Franui verbeugt sich in „Hotel Savoy“, einer Koproduktion mit der Oper, vor jüdischen Operettenkomponisten, die vor den Nazis fliehen mussten. Foto: Hitsch/Christoph Hitsch

Der Stuttgarter Schauspiel-Intendant Burkhard Kosminski bleibt seinem Kurs treu. Das ist gut so und verspricht beste Aussichten.

Von welch erschreckender Faszination das Morgen schon heute ist, zeigt Burkhard Kosminiski mit einem hübschen Trick. „Erinnerung an die Zukunft“ lautet sein Motto der kommenden Saison, eine wolkige Phrase, mit der er die Künstliche Intelligenz von ChatGPT gefüttert hat. Man höre und staune: Der Computer spuckt einen gar nicht so dummen Aufsatz aus. Die „Erinnerung an die Zukunft“ sei ein „metaphorisches Konzept“, das auf Basis der Vergangenheit die Zukunft entwerfe. Der Intendant eröffnet mit dem Chatvortrag den Blick auf die neuen Projekte – tatsächlich ziehen sich die schaurig-schönen Möglichkeiten der Zukunft leitmotivisch durch den Spielplan. Am 15. September startet die Saison im Kammertheater: Im „Weg zurück“ beschreibt Dennis Kelly eine Zukunft, in der die Menschen den Fortschritt derart hassen, dass sie ihn militant bekämpfen. Labore und Unis werden in Brand gesteckt von einer sozialen Bewegung, die in einer atavistischen Steinzeit endet. Diese Dystopie variiert Simon Stephens: „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“, ebenfalls in der Kammer, ist ein Generationendrama – verzweifelte Junge gegen saturierte Alte – vorm Hintergrund der Klimakatastrophe.

 

Stephens gehört wie Kelly zu den wichtigsten britischen Dramatikern, so gewiss wie die Autorenpflege zu Kosminskis Theater gehört, das eben auch Uraufführungen hervorbringt wie bei Stephens. „Blau“ inszeniert Elmar Goerden, ein bestens eingeführter Regisseur wie andere auch: Stephan Kimmig stellt sich in den „Großen Wind der Zeit“, ein Nahostdrama von Joshua Sobol; Oliver Frljic trauert mit Orwells „Farm der Tiere“ zerschellten Utopien nach; und Viktor Bodo begleitet in Kafkas „Amerika“ den jungen Karl in die Heimatlosigkeit.

Publikum wird eingebunden

Autoren- und Ensemblepflege, Literaturtheater und Uraufführungen: Das Theater setzt den mit Kosminski vor fünf Jahren eingeschlagenen Kurs fort. Gut so. Andere vergleichbare Häuser sind im selben Zeitraum runtergewirtschaftet worden. Dort hat man das Publikum mit Hipness vergrault, in Stuttgart bindet man es ein. Dass man trotzdem in Bewegung bleibt, bezeugen überraschende Paarungen. Der virtuose Körperregisseur Herbert Fritsch trifft den gründelnden Kopfautor Nis-Momme Stockmann und wirft mit „Portal“ eine Posse auf die Bühne. Und die Musicbanda Franui stürmt in Kooperation mit der Oper ins „Hotel Savoy“, in eine „Hybridoperette“ als Hommage an all die jüdischen Komponisten, die vor den Nazis ins Exil fliehen mussten. Last not least kommt Harald Schmidt für acht Vorstellungen zurück und lässt bei der „Erinnerung an die Zukunft“ mitnichten Schrecken walten. Die Aussichten fürs Theater stimmen heiter.