In Stuttgart tauchen an immer mehr Stadtbahn- und S-Bahn-Stationen Schriftzüge auf, die mit Flusssäure angefertigt worden sind. Die Substanz ist hochgefährlich. Wer steckt hinter den Graffiti?
Für die einen ist Graffiti eine Kunstform, für andere schlicht Schmiererei und Sachbeschädigung. Fest steht aber: Die spezielle Art von Graffiti, die seit einigen Tagen offenbar erstmals und immer häufiger in Stuttgart auftaucht, ist gefährlich. Beim nach dem Englischen Wort für Ätzen „Etching“ genannten Anbringen von Schriftzügen wird Flusssäure verwendet. Die eigentlich farblose Substanz, auch Fluorwasserstoffsäure genannt, frisst sich in Metalle und Glas und wird auf diese Weise sichtbar.
Kaum lesbare eingeätzte Schriftzüge sind seit Freitag an mehreren Haltestellen des Nahverkehrs aufgetaucht. Oft sind sie großflächig an den Metallflächen der Wände in den Stationen und an den Rolltreppenverkleidungen angebracht worden. Bekannt waren bisher die Haltestellen Feuersee und Schwabstraße bei der S-Bahn sowie die Stationen Österreichischer Platz und Marienplatz bei der Stadtbahn. Dabei ist es aber nicht geblieben.
Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) haben inzwischen ihre Haltestellen überprüft. „Dabei wurden weitere Verätzungen entdeckt, deren Herkunft und Alter noch nicht geklärt ist. Die bekannten Stellen sind gereinigt worden und abgetrocknet, sodass keine Gefahr in Verzug ist“, sagt die SSB-Sprecherin Birgit Kiefer. Alle betroffenen Stadtbahnhaltestellen seien im Innenstadtbereich.
Der Marienplatz war vorigen Freitag wegen der Vorfälle zum Schauplatz eines Großeinsatzes geworden: Weil die Substanz noch flüssig war, musste die Haltestelle für zwei Stunden gesperrt werden. „Es kommt immer auf die Menge an, aber Flusssäure ist grundsätzlich stark ätzend und gefährlich. Atemwege und Haut können beim Einatmen oder Kontakt schwere Schäden davontragen“, sagt der Feuerwehrsprecher Daniel Anand. Deshalb habe man am Marienplatz nach Rücksprache mit einem Fachberater für Chemie die Säure großzügig mit Wasser abgespült, um eine Gesundheitsgefahr zu verhindern.
Täter gefährden sich und andere
Alle betroffenen Haltestellen sind nach Reinigungen wieder freigegeben worden. Die Landespolizei, die für die Stadtbahnhaltestellen zuständig ist, ermittelt im engen Austausch mit der Bundespolizei, die sich um die S-Bahn-Stationen kümmert. Hinweise auf Verdächtige gibt es bisher nicht. Zur Frage, ob es aus den fraglichen Bereichen Videobilder gibt, kommen nur vage Antworten. „Das gehört zu den Ermittlungen“, sagt der Bundespolizeisprecher Denis Sobek.
Selbst wenn es sie gäbe, wäre aber die Frage, wann die Taten geschehen und entsprechende Aufzeichnungen womöglich schon wieder gelöscht worden sind. Klar ist aber, dass die Täter nicht nur Unbeteiligte gefährden: „Sie setzen auch sich selbst einer großen Gefahr aus“, sagt Sobek.
Auch wenn die betroffenen Stellen abgewaschen sind – die Zerstörungen durch die Säure bleiben. Wie hoch der Schaden ist, steht noch nicht fest. „Wir müssen klären, ob das überhaupt entfernt werden kann. Das lässt sich ja nicht einfach abwischen oder übermalen“, sagt die SSB-Sprecherin Kiefer.