Die sogenannten Lichtaugen sorgen bei den Besuchern für einen Aha-Effekt. Foto: Julian Retti/g

Auch während der Ferien gibt es sieben verschiedene Führungen auf der Stuttgart-21-Baustelle. Eine Tour sorgt hier für den größten Aha-Effekt.

Markus Mutschler ist fasziniert. „Das habe ich selber noch nie so gesehen“, sagt er. Und er muss es wissen – denn der 41-Jährige ist seit fünf Jahren Tourguide auf der Stuttgart-21-Baustelle. In einer Grube ragt das Ende einiger dort eingefädelter Stahlseile aus einer Reihe von schmalen Röhren. Hier wird eine der vielen technischen Feinheiten des künftigen unterirdischen Hauptbahnhofs sichtbar. Die Stahlseile sind Teil einer unterirdischen Brückenkonstruktion, auf der die Bahnhofshalle aufsitzt. Diese sorgt dafür, dass die schwere Halle die unter ihr liegende, bestehende S-Bahn-Röhre nicht aus dem Lot bringt.

 

Neben der Architektur und der Ästhetik des neuen Bahnhofs gibt es für Mutschler immer wieder solche technischen Details zu erläutern, welche die hochkomplexe Baustelle durchziehen. Die Führungen sind eine Art Hobby von ihm. Im Hauptberuf ist er Logistiker bei einem Stuttgarter Autounternehmen. In seinem Nebenjob als Lotse für Stuttgart-21-Touren arbeitet er am Wochenende. „Mir macht es Spaß, Menschen zu begegnen“, sagt er. Auch Baustellen haben ihn immer gereizt – seinen Berufsweg hat er als Landschaftsgärtner begonnen.

Kelchstützen als Highlight

Heute führt er die 19 Teilnehmer seiner Gruppe hinunter in die künftige Bahnhofshalle, die seit der Fertigstellung der letzten, sogenannten Kelchstütze vor einigen Wochen schon viel vom Ambiente des künftigen Bahnhofs erahnen lässt.

Selbst an einem trüben Tag sorgt der Lichteinfall dort zusammen mit den runden Formen der Architektur für eine ästhetische Kulisse. „Ich hätte nicht gedacht, dass mich das emotional so anspricht,“ sagt etwa die Bekleidungsingenieurin Anna Kaglovska aus Stuttgart, eine Teilnehmerin in der Gruppe. Der Architekt Adrian Bleschke ist sogar eigens aus Berlin angereist und ist ebenfalls beeindruckt: „Das hier ist nicht 08/15“, sagt er: „Die Formensprache ist echt eindrucksvoll“. Und die lange Bauzeit und die Kosten? „Qualität hat ihren Preis. Und schauen Sie doch einmal, wie lange es bei uns in Berlin dauert, bis die Dinge fertig werden“, sagt er mit Blick auf den Flughafen.

Sieben mögliche Touren

Die Führung durch die künftige Bahnhofshalle ist eine von sieben möglichen Varianten. Vier unterschiedliche Führungen lassen die Bauten und Tunnel rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof erleben. Auf drei Touren kann man Baustellen am Stuttgarter Flughafen und auf den Fildern besichtigen.

Neben den regelmäßigen Führungen für Einzelpersonen gibt es auch die Möglichkeit, als Gruppe einen eigenen Termin zu reservieren. Touren durch die neue Bahnsteighalle gibt nur sonntags. Für Besichtigungen etwa der Tunnel am Hauptbahnhof und auf den Fildern werden auch Termine unter der Woche angeboten. Die Touren durch die Bahnhofshalle sind begehrt. Aber man will jetzt noch bis zu zwei zusätzliche Führungen je Sonntag für die Ferienzeit freischalten.

Steh- und Gehvermögen notwendig

In der neuen Bahnhofshalle sei das Aha-Erlebnis der Besucher unter allen Touren am größten, sagt Mutschler. Noch mehr als bei der Simulation im Besucherzentrum, wo eine virtuelle Darstellung in Zimmergröße einen Rundgang durch den künftigen Bahnhof erlaubt, wird die künftige Realität greifbar. Steh- und Gehvermögen muss man für die Tour mitbringen, die nach einer einstündigen Einführung über zwei Stunden über Treppen und gelegentliche Kanten durch die 450 Meter lange Bahnhofshalle führt. Festes Schuhwerk braucht man nicht unbedingt. Stiefel, Helm und Sicherheitsweste stellt der Veranstalter. Die Tour ist wetterunabhängig. Fast die ganze Zeit ist man unter dem Dach.

Seit dem Jahr 2018 hat Markus Mutschler bei inzwischen hunderten von Führungen erlebt, wie sich die Baustellen rund um den Bahnhof entwickelt haben. Es seien diese Veränderungen, die dafür sorgten, dass auch für ihn die Führungen nie langweilig würden. Bei seiner heutigen Tour schaut auch ein Besucher aus Heidelberg schon ein zweites Mal auf der Baustelle herein.

Positive Eindrücke sind ganz klar das Ziel der vom Verein Bahnprojekt Stuttgart–Ulm finanzierten Informationsplattform ITS, die auch die Führungen verantwortet. Der Verein wurde im Jahr 2009 von den Beteiligten des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm gegründet. Zu dem Verein gehören neben der Deutschen Bahn, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt und der Region Stuttgart auch der Stuttgarter Flughafen, die Landesmesse auf den Fildern und die Stadt Ulm.

Kritische Aspekte eher am Rande

Kritische Aspekte, wie die die lange Bauzeit oder die Kosten blendet der Tourguide dabei nicht aus. Aber für die Teilnehmer stehen sie an diesem Tag anscheinend nicht im Mittelpunkt. Die meisten haben keine fest gefasste Meinung über das Projekt, sondern sind einfach neugierig. Mit der Diskussion über die Kosten warte er aber gerne bis zum Schluss der Führungen, sagt Mutschler: „Denn da haben die Leute gesehen, was mit dem Geld passiert.“

Und für jeden Kritikpunkt hat er eine geübte Gegenantwort. Etwa als die Frage aufkommt, ob der neue Bahnhof auch genügend Kapazität haben werde. Dank einer neuen, digitalen Signaltechnik werde es auch bei weniger Gleisen im neuen Bahnhof keinen Engpass geben, sagt Mutschler.

Unterwegs in der Region

Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?

Buchung
Je nach Tour kostet eine Führung 20 oder 25 Euro pro Person. Die Mindestpauschale für eine Gruppenführung liegt bei 200 beziehungsweise 250 Euro. Eine vorherige Anmeldung ist in jedem Fall notwendig: https://shop.its-projekt.de/fuehrungen-uebersicht/ Bei der Buchung darauf achten, nicht versehentlich schon unten auf der Webseite zu den Terminen im Jahr 2024 durchzuscrollen – da sind die Preise und Uhrzeiten anders. Für alle Touren gilt ein Mindestalter von 14 Jahren.

Anreise
Treffpunkt für die Führungen in Stuttgart ist das S-21-Informationszentrum im Hauptbahnhof am Gleis 16. Dort ist die Anbindung an den öffentlichen Verkehr aus allen Richtungen optimal. Wer mit dem Auto kommt, für den stehen in der Bahnhofsgarage bei der LBBW Stellplätze zur Verfügung. Die Führungen auf den Fildern und am Flughafen starten am Sky Office in der Flughafenstraße 34-36. age