Die Rathausgarage ist marode und müsste saniert werden. Foto: Steinert

Der Bezirksbeirat missbilligt einen Neubau, an dem er einst selbst eifrig mitgearbeitet hat.

S-Mitte - Mindestens bei einem Thema denken die Lokalpolitiker in der Stadtmitte regelmäßig anders als ihre Kollegen in anderen Teilen der Stadt: Gegen gleich welchen Vorschlag, Autofahrer in ihrem Bezirk zu plagen, haben sie selten Einwände. Entsprechend eifrig hatten sie an den Plänen mitgearbeitet, die Rathausgarage abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, in dem es nur noch unterirdische und damit deutlich weniger Parkplätze als bisher geben soll. In den fünf oberirdischen Etagen soll Platz für Läden und eine Gastwirtschaft sein. Die Stadtkämmerei will drei Stockwerke beziehen. Im Dachgeschoss soll ein Kindergarten untergebracht sein, zu dem zwei Spielplätze im Freien gehören. Insbesondere die Betreuung der Kinder städtischer Bediensteter „war eine Idee des Bezirksbeirats“, sagte die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle – aber nicht die einzige.

Kienzle saß schon vor vier Jahren in der Jury, die über den besten Architektenentwurf für einen Neubau hinter dem Rathaus entschied. Das Projekt wurde des Geldes wegen verschoben. Inzwischen hat das städtische Hochbauamt die Entwürfe derart verfeinert, dass schon die Innenarchitektur fest steht. Zu der gehört sogar eine Freiluft-Cafeteria für die Bediensteten samt begrüntem Innenhof.

Zu den aktuellen Plänen gehört allerdings auch die Erkenntnis, dass in bisherigen Kalkulationen manches vergessen wurde. „Der Abbruch war viel zu billig kalkuliert, die Baulogistik hat ganz gefehlt“, sagt Steffen Walz vom Hochbauamt. Der Wunsch nach Kinderbetreuung kam erst nachträglich hinzu. Die Baukosten sind in den vergangenen vier Jahren gestiegen. Macht, unter dem Strich, 40 Millionen Euro. Gegenüber den ersten Vorschlägen sind das Mehrkosten von gut einem Drittel.

„Das Gebäude sieht aus wie ein überdimensionales Ikea-Regal“

So manchem der Lokalpolitiker missfällt inzwischen das gesamte Projekt. Sei es der Kosten wegen: „Dabei kommt für eine Riesensumme wenig raus“, sagte der Sozialdemokrat Manuel Krauß. Er hält es sogar für sinnvoll, über der Tiefgarage nur ein Stockwerk zu bauen, eben für den Kindergarten. Der Liberale Christian Wulf stellte fest, es sei „erstaunlich, wie spendabel die Kämmerei ist, wenn es um ihre eigenen Belange geht“. Selbst über den Siegerentwurf aus dem Architekturwettbewerb unkt mancher: „Das Gebäude sieht aus wie ein überdimensionales Ikea-Regal“, meint Ralph Schelle von der Gemeinschaft der Linken mit der SÖS. In weniger drastischen Worten, aber mit gleichem Tenor, kritisiert der Christdemokrat Ersin Ugursal, der selbst Architekt ist, die Entwürfe. Andere halten die Baupläne für umwelttechnisch veraltet: „Ein Passivhaus kriegen wir dort nicht hin“, sagte Rita Krattenmacher von der SÖS, „die Pläne sind nicht mehr zeitgemäß“. Hinzu kommt die generelle Furcht, dass der Gemeinderat bei den Haushaltsberatungen im Herbst dem Bezirk seine Wünsche mit dem Hinweis verweigert, schließlich würden schon 40 Millionen Euro hinter dem Rathaus vergraben. Was aber „für andere teure Projekte wie den Neubau der John-Cranko-Schule oder die Sanierung des Planetariums genauso gilt“, sagte die Bezirksvorsteherin.

Grundsätzlich fiel es den meisten Beiräten schwer, ein Vorhaben abzulehnen, das sie einst mit einiger Begeisterung befürworteten. Mithin entschied sich die Mehrheit für den Neubau, dies allerdings mit derart tief greifenden Änderungswünschen, dass die Befürworter das Projekt ebenso gut hätten ablehnen können: Im Neubau soll zusätzlich ein Bürgerzentrum untergebracht sein. Die Stadtkämmerei möge in günstigere Mietbüros einziehen, die für sie vorgesehenen Räume sollen anderweitig vermietet werden.

Zudem hat auch der Gemeinderat Änderungswünsche. Der wollte eigentlich am Donnerstag endgültig über die Pläne entscheiden. Der Punkt ist – wie bereits berichtet – abgesetzt. Sofern der Gemeinderat das Geld für den Bau nicht bald nach der politischen Sommerpause zur Verfügung stellt, ist der aktuelle Zeitplan hinfällig. Bisher war ein Abbruchbeginn für 2015 geplant, die Einweihung des Hauses für 2018.

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