Weil an der S-Bahn-Haltestelle Feuersee weder Aufzug noch Rolltreppen funktionieren, schleppen Raphaela Bleichner und ihr Mann den Kinderwagen samt Kind 34 Stufen hoch. Foto: Peter Petsch

Wer in Stuttgart unterwegs ist, muss sich aufs Treppensteigen einstellen. Zwar geben Stadt, Stuttgarter Straßenbahnen AG und Deutsche Bahn pro Jahr über eine Million Euro für Wartung und Reparatur der rund 170 Rolltreppen und 130 Aufzüge aus. Doch bis Reparaturen erledigt sind, kann es Wochen dauern.

Stuttgart - Bei der S-Bahn-Haltestelle Feuersee im Stuttgarter Westen sind die Rolltreppe und der Aufzug kaputt – und zwar nicht erst seit gestern, sondern bereits seit „mindestens sechs Wochen“, wie eine Sprecherin der Deutschen Bahn AG in Stuttgart einräumt. Für ältere Menschen, Menschen mit Gehbehinderungen, Reisende mit schwerem Gepäck oder Mütter mit Kinderwagen kann das zum Problem werden: wie zum Beispiel für Raphaela Bleichner. Die junge Mutter will mit dem Kinderwagen samt drin sitzendem Söhnchen und Einkaufstüten hoch zur Rotebühlstraße. Sie geht zur Rolltreppe: die steht. Dann versucht sie es beim Aufzug: auch kaputt. Die 24-Jährige schüttelt fassungslos den Kopf. „Gott sei Dank begleitet mich heute mein Mann“, sagt sie. Obwohl der mitanpackt, tut sich das Paar schwer damit, den Kinderwagen samt Tüten die 34 Stufen nach oben zu befördern. „Das ist eine Katastrophe. Wir bezahlen ­genug für die Bahntickets. Da können wir erwarten, dass zumindest Aufzug oder ­Rolltreppe funktionieren“, sagt die junge Mutter.

Nicht nur an der S-Bahn-Haltestelle ­Feuersee sind Aufzug oder Rolltreppe schon lange kaputt: Seit etwa einem Monat funktioniert bei der S-Bahn-Haltestelle Stadtmitte beim Rotebühlplatz die Rolltreppe nach oben nicht. Damit es die Passanten etwas leichter haben, wurde die Fahrtreppe abwärts auf aufwärts umgestellt, so dass die Passanten die Treppen nun wenigstens nur runter- statt hochlaufen müssen. Seit Ende Juni außer Betrieb ist auch die Rolltreppe der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) Richtung Kunstmuseum. Für die rund 80 Aufzüge und 60 Rolltreppen bei den ­S-Bahn-Stationen in Stuttgart ist die Bahn zuständig. Für die 110 Rolltreppen und 50 Aufzüge der Stadt und den SSB zeichnet das städtische Tiefbauamt verantwortlich. „An unseren Anlagen verzeichnen wir pro Jahr bis zu 3000 Störungen“, sagt Claus-Dieter Hauck vom Tiefbauamt und versichert, dass kleinere Störungen in 30 bis 60 Minuten behoben sind. Um schnell handeln zu können, ist in der Klett-Passage beim Hauptbahnhof eine Zentrale eingerichtet worden, die im Schichtbetrieb von Betriebsbeginn bis Betriebsende der SSB besetzt ist. Bei größeren Reparaturen muss er allerdings einräumen, dass es „Tage und manchmal auch Wochen“ dauern kann, bis Defekte behoben sind. Ein Problem ist es laut Hauck, Ersatzteile zu bekommen. Die müssten bei Firmen wie zum Beispiel Thyssen-Krupp bestellt werden und seien oft nicht vorrätig. Die Bahnsprecherin bestätigt: „Die Teile zu bekommen ist deshalb so schwierig, weil jede Rolltreppe ein Unikat und für einen bestimmten Einsatzort ­angefertigt worden ist.“ Wie oft die Bahntechniker wegen Störfällen aufgrund von Vandalismus, technischen Schäden oder aber, weil aus Jux oder Versehen der Notknopf gedrückt wurde, gerufen werden, hat das Unternehmen nicht erhoben. Die Zahl pro Jahr dürfte aber vergleichbar mit den Erhebungen der Stadt sein und bei rund 3000 Störungen liegen.

„Für die Fahrtreppe Stadtmitte sind die Ersatzteile mittlerweile eingetroffen“

Die meisten Passanten reagieren genervt und verärgert darüber, dass sie ungewollt Treppen steigen müssen – vor allem dann, wenn sie seit Wochen am gleichen Ort vor defekten Anlagen stehen: Ursula Stauss (66), Rentnerin aus Stuttgart, erklärt: „Ständig sind die Anlagen kaputt. Ich habe Probleme mit der Lunge. Da macht mir das Treppensteigen so zu schaffen, dass ich kaum mehr Luft bekomme, wenn ich oben bin.“ Die 42-jährige Masseurin Natalia Han aus Stuttgart hofft, dass hilfsbereite Männer in der Nähe sind, wenn sie mit dem Kinderwagen vor der Rolltreppe steht. „Frauen, die mit Kinderwagen vom Einkaufen kommen, sind ohne fremde Hilfe völlig verloren“, sagt sie. Und Lili Schult­heis, die ihren kleinen Sohn sonst auf dem Fahrrad zu ihren Arztbesuchen mitnimmt, lässt den Kleinen schweren Herzens zu Hause. „Ich habe Blutkrebs, kann das Rad von der Haltestelle Feuersee kaum hochtragen. Wenn ich auch noch meinen Sohn schleppen muss, haut mich das um“, sagt die 21-jährige Stuttgarterin.

Zumindest was die Rolltreppen an der Stadtbahn-Haltestelle Schlossplatz und der S-Bahn-Haltestelle Stadtmitte angeht, haben Bahn AG und Stadt jetzt die Hoffnung, dass sie „in Bälde“ wieder funktionieren. „Für die Fahrtreppe Stadtmitte sind die Ersatzteile mittlerweile eingetroffen“, stellt die Sprecherin der Deutschen Bahn AG Stuttgart fest. Und Claus-Dieter Hauck verspricht: „Beim Schlossplatz war die Antriebswelle kaputt. Sie wird in den nächsten Tagen eingebaut.“ Wann am Feuersee Schluss mit dem Treppensteigen ist, ist noch ungewiss. Der Aufzug wurde zwar am ­vergangenen Montag repariert, lief einen halben Tag – und gab wieder den Geist auf.

Für Wartung und Reparatur der Fahrtreppen und Aufzüge in Stuttgart geben die Deutsche Bahn AG pro Jahr rund eine halbe Million und Stadt und SSB eine dreiviertel Million Euro aus. Wenn nach 20 bis 25 Jahren eine Rolltreppe ersetzt werden muss, wird es richtig teuer: Die Neuanschaffung liegt bei 200 000 bis 250 000 Euro. Die Lebensdauer der Aufzüge ist wesentlich länger. „Nach der Generalüberholung haben sie noch einige Jahre vor sich“, sagt Hauck.

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