Foto: Bettina Breuer

Lage im Schlossgarten angespannt - Am Abend wollen wieder Tausende demonstrieren.

Stuttgart - Dröhnende Holzschredder, Polizist an Polizist davor und direkt an den Absperrgittern immer noch Hunderte von wütenden Bürgern. Nach dem nächtlichen Abholzen von rund 25 Bäumen und dem Protest tausender Demonstranten ist die Situation im Stuttgarter Schlossgarten am Freitag unübersichtlich und angespannt. Polizisten bewachen die Absperrgitter, Parkschützer beobachten die riesigen Baumschredder mehr oder weniger resigniert. „Jetzt erst recht“, hört man vielfach am Zaun. Am Abend stand die nächste Großdemo gegen den Bahnprojekt Stuttgart 21 auf dem Programm.

Matsch und Motorsägen

„Am 27.03.2011 ist Volksentscheid“, steht in Anspielung auf die Landtagswahl auf einem großen Transparent. Es hängt zwischen zwei Bäumen, die wohl in den nächsten Wochen gefällt werden. Genau weiß das hier niemand. Allein sowas macht hier viele wütend. Die ziehen das durch - ohne Rücksicht auf Verluste, denken hier viele. Kopfschüttelnd sitzen Parkschützer auf Campingstühlen. Ab und an blasen sie verärgert in ihre Trillerpfeifen oder schwarz-rot-goldenen Vuvuzelas aus dem WM-Sommer. Die grasgrünen Sticker der Projektgegner heften an Schulranzen genauso wie an Hüten von Senioren. Zwischen ihren Füßen: Jede Menge Matsch.

Im Dauerregen hatten tausende bis in den Morgen hinein gegen das Abholzen protestiert. Obwohl die Polizei am Donnerstagnachmittag mit Wasserwerfern, Reizgas und Pfefferspray gegen die Demonstranten vorgeht, kommen sie in Scharen in den Schlossgarten. Viele alarmiert von den Partschützern über SMS oder email. Fassungslos sehen die Demonstranten zu, wie gegen 1 Uhr die gelben Bagger anrollen und die Sägen an die Bäume legen. Scheinwerfer beleuchten die Bäume, die fallen sollen. „Aufhören“, „Verräter“, „Schweine“: die Stuttgart-21- Gegnern brüllen sich die Seele aus dem Leib.

Demonstranten mit Tränen in den Augen

Vor ihnen kracht und knackt es, als die Bäume nach und nach fallen und in einem Häcksler zerkleinert werden. Jedes Mal, wenn wieder ein Bagger in einen Baum reinzubeißen scheint, schwappt eine Welle von Beschimpfungen in Richtung der Arbeiter. Andere haben längst aufgegeben: ein Demonstrant sitzt unter einem Baum mit einem Kreis aus Grablichtern drum herum und hat seinen Kopf trostlos auf die Hände gestützt. Er starrt auf den Boden. Eine 68 Jahre und eine 40 Jahre alte Demonstrantin stehen in der Nähe, mit Tränen in den Augen: „Solche Buchen werden hier nicht mehr wachsen“, sind die beiden überzeugt. „Das ist einfach unfassbar. Statt Gesprächen gibt es nur Brachialgewalt.“

Tausende Kerzen brennen in der Nacht diesseits der Absperrung, bis zum Morgen sind viele vom Regen gelöscht. Viele Bäume, die noch gefällt werden sollen, sind geschmückt. Mit bunten Bändern, Fähnchen, Lampions oder Trauerflor. Drunter stehen nassgeregnete Zelte. Die Polizisten hinter den Gittern haben ihre Helme inzwischen abgesetzt. Die Schredder spucken auch am Mittag noch unermüdlich Holzschnitzel in orangefarbene Container.

Schüler lassen sich nicht "vorschicken"

Willi Schraffenberger (61), Sozialarbeiter aus Stuttgart, spricht von „barbarischer Kulturzerstörung“: „Man muss allen erzählen, was hier heute Nacht passiert ist.“ Elke Hezinger, Mutter von fünf Kindern aus Esslingen, ist „einfach nur frustriert“: „Ich will meine Wut zum Ausdruck bringen.“ Und Josefa Müller (16) und Alina Fenkart (15) ärgern sich noch immer über das Vorgehen der Polizei bei der Schülerdemo am Vortag: Wenn die Landesregierung behaupte, die Demonstranten hätten ihre Kinder vorgeschickt, „sagen die einfach nicht die Wahrheit“, sagten die Schülerinnen. 

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