Der russische Einfluss im Spitzensport ist immens – das zeigt sich etwa beim FC Schalke 04, wo Energieriese Gazprom Hauptsponsor ist. Also wägen die internationalen Sportverbände ihre Sanktionen sehr sorgsam ab.
Stuttgart - Der aufmerksame Fußballfan des FC Schalke 04 hat die heftig umstrittene, nun sanktionierte und somit aus dem Spiel genommene Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 ja schon seit Jahren fest im Blick. Schließlich wurde das Projekt seit 2019 mit großflächiger Bandenwerbung in der Arena auf Schalke ins rechte Licht gerückt – so war es der Wunsch des Hauptsponsors und Pipeline-Betreibers Gazprom.
Wer bezahlt, sagt an – das ist auch auf Schalke so: Immerhin überweist der weltweit größte Förderer von Erdgas, an dem der russische Staat die Mehrheitsanteile hält, dem Zweitliga-Fünften S04 auch nach dem Abstieg noch stattliche zehn Millionen Euro jährlich. Im Falle einer direkten Rückkehr ins Bundesliga-Oberhaus winken den Königsblauen von ihrem potenten Partner sogar 15 Millionen Euro extra.
Nun sind die Truppen des Wladimir Putin in der Ukraine einmarschiert – und auf Schalke beginnt ein gleichsam schleichender wie schmerzvoller Prozess, sich vom russischen Geldgeber zu distanzieren, was angesichts der finanziellen Abhängigkeit alles andere als ein leichtes Unterfangen ist. Dies zeigte sich etwa auf der Pressekonferenz am Donnerstagvormittag: Da erklomm vor dem Schalker Spiel beim Karlsruher SC am Samstag (13.30 Uhr) der Cheftrainer Dimitrios Grammozis („Solche Ereignisse sind nicht irgendein Nebengeräusch“) in einer neutralen Teamjacke ohne das übliche Gazprom-Logo das Podium. Auf den Trikots der Spieler wird das Logo künftig auch fehlen – auf der Sponsorenwand hinter Grammozis war allerdings der Schriftzug des Unternehmens deutlich zu lesen.
Fleischbaron Tönnies zu Besuch bei Putin
„Auch wir sind von den Bildern schockiert, die sich da abspielen“, sagte der Schalker Pressesprecher Marc Siekmann: „Aber ich muss um Verständnis bitten, dass wir Zeit brauchen, um das zu beraten und zu schauen, was das für Schalke 04 bedeutet.“ Immerhin war es der damalige Aufsichtsratschef und Fleischindustrielle Clemens Tönnies, der 2006 dem russischen Staatschef Wladimir Putin ein Trikot der Königsblauen überreichte – und der so die von Beginn an umstrittene Partnerschaft des Revierclubs mit dem Erdgasgiganten besiegelte.
An vieles hat man sich seither auf dem Berger Feld gewöhnt: Etwa, dass mit dem Gazprom-Vertreter Matthias Warnig, dem Chef der Nord Stream 2 AG, ein ehemaliger Stasi-Offizier im Aufsichtsrat des Clubs saß. Dieses Amt hat der 66-Jährige nun niedergelegt. Über alle weiteren Konsequenzen werde man sich „zu gegebener Zeit äußern“, erklärte der Sprecher Siekmann.
Mit diesem Spiel auf Zeit ist man auf Schalke freilich nicht allein. So blieb die Europäische Fußball-Union (Uefa) nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ein schnelles Statement schuldig, hat aber eine Sondersitzung ihres Exekutivkomitees für Freitag (10 Uhr) angesetzt, „um die Situation zu bewerten und alle notwendigen Entscheidungen zu treffen“, wie es heißt.
Putins Mann für den Fußball
Dabei sind die Verflechtungen in dem 17-köpfigen Gremium, in dem neben Ex-Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge und DFB-Interimspräsident Rainer Koch auch Alexander Djukow einen Sitz hat, angesichts der politischen Lage äußerst pikant. Denn längst mischen die Russen auf der internationalen Fußballbühne in der ersten Reihe mit. So ist Alexander Djukow einerseits der Vorstandsvorsitzende von Gazprom Neft, der Ölsparte des Energieriesen – und er ist obendrein Putins Mann für den Fußball.
Während die beiden russischen Europa-League-Starter Zenit St. Petersburg und Spartak Moskau bisher noch nicht sanktioniert worden sind, rückt das Finale der Champions League am 28. Mai in den Brennpunkt, das ursprünglich in Putins Heimatstadt St. Petersburg stattfinden sollte. Wie durchgesickert ist, plant die Uefa, den Russen das Endspiel zu entziehen – das Londoner Wembleystadion gilt als Ersatzkandidat.
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Die russische Fußball-Nationalmannschaft ist derweil weiter im Rennen um die Qualifikation für die WM in Katar. Hier soll die Sbornaja am 24. März in der Hauptstadt Moskau das Team aus Polen in den WM-Play-offs empfangen. Unklar ist, ob die Partie ausgetragen wird.
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Generell sind bisher in den meisten Dachverbänden des internationalen Sports lediglich Absichtsbekundungen zu hören. Es gibt wenig Faktisches zu vernehmen, wie man künftig mit der Sportnation Russland umgehen will. Thomas Weikert, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), empfiehlt seinen Mitgliedsorganisationen, „die Teilnahme an Wettkämpfen und Trainingsmaßnahmen in Russland und den Kriegsgebieten auszusetzen“. Derweil zeigte sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) „zutiefst besorgt“ über die Sicherheit der olympischen Gemeinschaft in der Ukraine.
Die Skicrosser kehren wieder heim
Schnell gehandelt hat hingegen der Deutsche Skiverband (DSV), der seine bereits zum Weltcup in Russland angereisten Skicrosser umgehend nach Hause beorderte. Anderenorts wägt man noch ab: „Wir werden die Situation weiterhin sehr genau beobachten“, heißt es etwa in einem Statement der Formel 1, die seit 2014 in Sotchi am Schwarzen Meer fährt – und die von der nächsten Saison an in St. Petersburg an den Start gehen will. Mit Blick auf das Sotchi-Rennen am 25. September wird der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel als einer der wenigen deutlich: Russland habe eine „sehr seltsame und verrückte Führung“. Deshalb wolle er nicht in Russland fahren. „Meine Entscheidung ist gefallen“, sagte Vettel.