Die doppelte Rusalka in der Stuttgarter Inszenierung von Antonín Dvoráks gleichnamiger Oper : Esther Dierkes (links) und Reflektra Foto: Staatsoper/Matthias Baus

Ein überwältigender Abend: Oksana Lyniv dirigiert, Bastian Kraft inszeniert Antonín Dvoráks „Rusalka“ als hochpoetische, hochmusikalische Fantasie voller Zauber in Spiegelungen, Licht und Klang.

Ist das jetzt die Erlösung? Am Ende der Oper, nachdem alles gesagt, gesungen und gespielt worden ist, schwebt ein Mann mit Fischschwanz von der Bühne empor in den Schnürboden. Das traurige Ende des Märchens, in dem eine Nixe alles für die Liebe opfert, löst sich auf in einem glitzernden Vielleicht.

 

Der Mann, den der Regisseur Bastian Kraft in seiner Inszenierung von Dvoráks „Rusalka“ an der Staatsoper Stuttgart der kleinen Meerjungfrau Rusalka an die Seite stellt, ist keine Dragqueen mehr. Vor einem Spiegel hat er sich abgeschminkt, während die traurige Titelheldin ihren Geliebten mit einem letzten Kuss in den Tod schickt. Vorbei sind Revue, Travestie und bunte Farben, vorbei ist das „Es war einmal“. Rusalka und der Prinz sind gestorben, aber als Projektionsfiguren leben sie noch heute.

Das Premierenpublikum bejubelt am Samstagabend lange und lautstark das hochpoetische Ende einer hochpoetischen Inszenierung, in der die Gewerke aufs Glücklichste zusammenfinden. Unter Oksana Lynivs Leitung spielt das Staatsorchester wie aus einem Guss, bietet fein geformte Bläserklänge ebenso wie warmen, sauber phrasierten Streicherschmelz; man hört romantische Emphase, böhmischen Volkston und manchmal sogar ein bisschen Operettengeklingel.

Esther Dierkes gibt die Titelpartie mit Kraft, Genauigkeit und einer faszinierenden Fülle von Nuancen im Ausdruck, in der Dynamik, in den Klangfarben. Das Bühnengeschehen lebt maßgeblich auch von den Ideen des Bühnenbildners Peter Baur, von Sophie Lux’ Videos und von einer ausgeklügelten Lichtregie (Gerrit Jurda). Und die Regie fokussiert auf das Spiel mit Identitäten.

Starke Mitspielerin der Regie ist eine große Spiegelfläche

Der Nixe Rusalka, die ihre Wasserwelt verlässt, aber nie wirklich Teil der Menschenwelt werden kann, stellt Bastian Kraft ebenso wie den anderen Wasserwesen Dragqueens an die Seite: Spiegelfiguren, die für ein Dazwischen stehen – und für die Möglichkeit, die eigene Identität zu verlassen und sich für eine andere zu entscheiden.

Das allerdings gelingt allein der Titelheldin, und die Szene, in der die Sängerin und ihr Alter Ego im ersten Akt nebeneinander auf dem Boden liegen, gehört zu den anrührendsten des Abends. Reflektra ist eine Dragqueen, die das Nebeneinander von Kraft und Zerbrechlichkeit in Rusalkas Wesen in wunderbar zarte, empathische Bewegungen und Tanzschritte fasst. Wie sie stolpernd und unbeholfen die ersten Schritte der Mensch gewordenen Nixe wagt, ist ganz große Kunst.

Wobei man die beiden Rusalkas obendrein noch doppelt sieht: Starke Mitspielerin der Regie ist eine große Spiegelfläche, die mal rechtwinklig hinter dem Geschehen steht und mal in unterschiedlichen Winkeln gekippt wird. Das schafft einen Zwischenraum zwischen realem Spiel und Projektion, der ein wenig an die Bühnengestaltung bei Monique Wagemakers’ Stuttgarter Inszenierung von Puccinis „Madame Butterfly“ erinnert.

Den einzelnen Figuren und ihren Drag-Doubles sind Farben zugeordnet, und so leuchtet und flimmert es in Rosa, Grün und Blau, dass einem vor lauter Fülle im durchchoreografierten Bilderreigen zuweilen schier die Augen übergehen. Zwingender kann man ein Märchen nicht auf die Bühne bringen – und poetischer nicht die Schwierigkeit aushebeln, Nixen und Menschen ins Bild zu setzen, ohne dass dies entweder peinlich wirkt oder völlig unromantisch. Bastian Kraft spielt mit der Künstlichkeit, die er installiert. Seine Idee mit den Dragqueens geht auf – bis hin zur Drag-Tradition des lippensynchronen Mitsprechens. Sie stärkt die Illusion: Im ersten Akt, wo die obere Ebene der Sänger und die untere der Drags noch weitgehend getrennt sind, verortet man den Klang immer wieder bei den Falschen. Danach tritt die Hexe Jezibaba auf, farbsatt gesungen von der fantastischen Mezzosopranistin Katia Ledoux. Bei ihr erkauft Rusalka den Übergang in die Menschenwelt mit ihrer Stimme, und sprechender als hier könnten die Dragqueens nicht stumm ihre Münder öffnen und schließen.

Die Regie ist eng mit der Musik verzahnt

Das Timing der Regie ist exzellent und noch dazu präzise mit der Musik verzahnt. Das gilt auch für die (hier allerdings ein wenig platt psychologisierenden) Videos in der Ouvertüre. Zwischendurch wird es auch mal witzig – da wedeln die Dragqueens mit Federboas, und eine wirft auch mal einen BH auf die Bühne. Goran Juric, ein Wassermann von starker Präsenz, warnt vorm Ende, aber keiner hört ihm zu.

Der Prinz – David Junghoon Kim, der einen Akt braucht, um stimmlich wie darstellerisch frei zu werden – betrügt Rusalka mit einer fremden Fürstin (Allison Cook), bringt dafür aber Wichtiges zur Sprache. „Bist du Mensch oder Märchen?“, fragt er die stumme Nixe – und findet selbst die beste Antwort: „Du bist ein Zauber, der vorübergeht.“ Besser kann man diesen klugen, quirligen, rundum bezaubernden Stuttgarter Opernabend nicht auf den Punkt bringen.