Er hat alle Oberbürgermeister erlebt, ist einer der dienstältesten Mitarbeiter auf dem Böblinger Rathaus und war 34 Jahre als Amtsleiter für die Jugend, die Schulen und den Sport verantwortlich.
Wenn Josef Fischer durch das Amt für Jugend, Schule und Sport marschiert, dann ist die Hoppla-jetzt-kommt-der-Chef-Stimmung ganz weit weg. Kein plötzliches auf geschäftig machen, kein verschwörerischer Blick zum Kollegen hinüber, keine Anwandlung, dem Boss gefallen zu müssen. Baumwollhemd, Jeans, Turnschuhe, hier ein Schwätzle, dort ein Späßle: Da ist einer mit einnehmender Herzlichkeit unterwegs, ein Amtsleiter, der mit strenger Hierarchie und mit dem Habitus des steifen Verwalters nichts am Hut hat. Seit knapp 34 Jahren läuft der Laden unter der Leitung von Josef Fischer, der hier und überall nur „Sepp“ genannt wird. 15 Schulen, 50 Vereine, zig Hallen, Gebäude und Jugendeinrichtungen werden unter seiner Leitung von einer 12-köpfigen Kerntruppe betreut und verwaltet.
Das Menscheln zählte zum Programm
Amt für Schule, Jugend, Sport – das ist mehr als nur ein Begriff aus dem Organigramm der Rathauswelt. Dort wird ein Herzstück der Stadt bearbeitet, dort werden Dinge erledigt, die aus der Stadt eine Gemeinschaft formen: Kein Training würde stattfinden, kein Verein hätte ein Dach über dem Kopf, keine Band einen Proberaum, kein Jugendhaus würde funktionieren und kein Schulunterricht in dieser Stadt über die Bühne gehen, ohne diese Leute. Wenn das „Menscheln“ in dieser Verwaltung irgendwo zum Programm gehört, dann ist es im Amt von Sepp Fischer.
Einmal ein Amt leiten? Das wollte Sepp Fischer eigentlich zunächst gar nicht. 1978 hatte er bereits die Lizenz zum Akademiker-Dasein in der Hand: An der Uni Karlsruhe hätte der Landwirtssohn aus Oberkochen bei Aalen Wirtschaftsingenieurwesen studieren können. Die Aussicht auf ein ordentliches Ausbildungsgehalt wies ihm dann doch den Weg ins heimatliche Rathaus, um dort die gehobene Verwaltungslaufbahn einzuschlagen.
Ein Sprungbrettbeamter war er nie
Danach, vor 41 Jahren, landete der ausgebildete Jung-Verwalter im Böblinger Rathaus, dem er bis zum Schluss treu geblieben ist. Denn ein Sprungbrettbeamter, der den Amtsleiterjob nur als Durchgangsepisode auf dem Weg zum Bürgermeister benutzen wollte, war Sepp Fischer nie. Angebote gab’s zwar, aber der 65-Jährige war schon immer Realist: „Ich bin eine gute Nummer zwei“, sagt er.
Die hat einmal dort begonnen, wo es das Ende zu verwalten gab. Der junge Stadtinspektor wurde bei der Kämmerei mit dem Böblinger Friedhofswesen beauftragt. Im Jahr 1989 übernahm Fischer dann das Schul- und Sportamt, inzwischen Amt für Jugend, Schule und Sport. Und mittlerweile ist Josef Fischer der Dinosaurier in den Fluren des Böblinger Rathauses. Keiner dürfte so lange wie er an Bord des Verwaltungsschiffes sein und keiner dürfte den Wandel der Strukturen und Kulturen in der Böblinger Kommandozentrale so intensiv miterlebt haben.
Als „Buale“ neben dem Monument
Als Josef Fischer eingestellt wurde, hieß der Oberbürgermeister noch Wolfgang Brumme. „Als Buale“ habe er sich neben diesem Monument der Macht alter Schule gefühlt. Zum Nachfolger und Förderer Alexander Vogelgsang hingegen hatte er eine ganz enge Verbindung. „Er hat mir immer eine lange Leime gelassen“, sagt Sepp Fischer – ein Verhalten, das nicht zu den ausgeprägten Tugenden Vogelgsangs zählte. Am aktuellen Chef schätzt er hingegen dessen großes Interesse an den Menschen und den Mitarbeitenden. Stefan Belz erkläre immer, was er tut und sei viel unter den Leuten. „Das macht ihn nahbar“, sagt Sepp Fischer.
Ein wenig von diesen Wesenszügen scheint auch bei Josef Fischer angelegt zu sein. Unter den Leuten zu sein, machte einen großen Teil seines Job aus – egal, ob in den Einrichtungen oder bei den vielen Ehrenamtlichen, die es zu unterstützen galt – oder als Böblinger Delegationsleiter bei den unzähligen Partnerstadt-Olympiaden, wo er das Bindeglied zwischen Sportlern, Ausrichtern und der eigenen Stadtverwaltung war. „Andere stärken, dass sie ihren Job machen können“ – das war immer seine Maxime, sagt Sepp Fischer.
Sahnehäubchen und Stahlbäder
Dies hat dem Stadtoberverwaltungsrat auch manches Stahlbad beschert. Zum Beispiel als der Gemeinderat die Idee hatte, die Wilhelm-Hauff-Schule zu schließen, als die Schulleiterin der Mörikeschule unter Sektenverdacht stand, als bei der Partnerstadt-Olympiade im türkischen Bergama die Teilnehmer aufbegehrten, oder als klar wurde, dass die Sporthalle, das Aushängeschild der Stadt, abgerissen werden wird.
Bei allem Verdruss, allem Druck und allem Aufruhr: Die Frohnatur Sepp Fischer blieb die Frohnatur Sepp Fischer – oder ließ es sich zumindest nicht anmerken, wenn es einmal nicht so war. Hinter dem großen Schnauzbart und unter den markanten Augenbrauen war zumindest kein Anflug von Trübnis zu erkennen. Vielleicht weil Sepp Fischer auch wusste, mit Gegenwind umzugehen. „Kritik“, sagt er, „war für mich immer kostenlose Beratung“ und Probleme gab es für ihn nie – „nur Aufgaben“, sagt Fischer und grinst.
Wenn er jetzt zurückblickt auf die vielen Rathausjahre, dann haben die schönen Momente überwogen. „Ich habe 40 Jahre im richtigen Aufgabenfeld und mit einem super Team gearbeitet“, räsoniert er. „Glücksgefühle“ hat Sepp Fischer der Job beispielsweise verabreicht, als er die Partnerstadt-Olympiade 1995 und 2017 vor heimischem Publikum organisierte, zufrieden blickt er zurück auf die Zeit, als er im Waldstadion in Dagersheim durch Umgestaltung ein zusätzliches Rasenspielfeld einbringen konnte oder als 2000 das Paladion am Silberweg entstand.
Nah dran an Sportlern, Stars und Sternchen
Und dann war da natürlich noch die Sporthalle, die zeitweise in Sepp Fischers Verantwortungsbereich gehörte. Die Verträge mit den Veranstaltern liefen alle über seinen Tisch und Sepp Fischer war immer dabei, wenn die Folgen seiner Unterschrift – Sportler, Stars und Sternchen – zu sehen waren: Egal ob Ernst Moschs Volksmusiker ins Rund tröteten, die Pop-Größen dieser Welt dort ihre Hits verbreiteten, Thomas Gottschalk sich durch die Wettshows moderierte, oder die Fußballnationalmannschaft ein Lied in der Sporthalle sang und danach hinter der Bühne auch die Hand des Amtsleiters schüttelte. „Das waren Sahnehäubchen für den Verwaltungsbeamten“, sagt Josef Fischer, der diese auch zu genießen wusste. „Ich habe mir immer mein blaues Anzügle angezogen und mich bei den TV-Shows in die Nähe des Intendanten gesetzt. Dann kam ich garantiert im Fernsehen“, erzählt er schmunzelnd. Und aus seiner Heimat auf der Ostalb folgten die Kommentare: „Warsch mol wieder em Fernseha?“.
Stammgast in der Arena von Liverpool
Diese Episoden sind schon lange Geschichte. Am 1. Oktober ist es auch Sepp Fischer. Die Verabschiedungsurkunde hat er vom Oberbürgermeister bereits erhalten, der Abschied im Gemeinderat folgt am Mittwoch und dann ist Schluss mit Sport, Jugend und Schule in Böblingen. Fast. Denn mit den „Rathauskickern“ und den „Kanneknoblern“ wird Sepp Fischer weiterhin dem runden Leder nachjagen und sein passives Verhältnis zum Fußball soll unter dem Ruhestand auch nicht leiden. Mindestens fünf Mal in der Saison geht der scheidende Mann vom Amt nach Liverpool, um dort seinem internationalen Lieblingsverein bei der Arbeit zuzuschauen, dann müssen noch die wichtigen Champions-League-Spiele besucht werden, und in Heidenheim, bei Sepp Fischers Geburtsort gleich um die Ecke, gibt’s neuerdings auch einen Bundesligaklub. Der hat nun einen Edel-Fan und Dauerkarten-Besitzer mehr.