Wäre der Autor Mark Wamsler nicht im Internet präsent, hätte ihn seine Schwester Natalie Clarke-Knight nicht gefunden. Im vergangenen Jahr haben sich die Geschwister erstmals in die Arme schließen können. Foto: Gottfried Stoppe/l

Zwei Geschwister aus Schwäbisch Gmünd wachsen getrennt voneinander auf. Dann lernen sie sich endlich kennen – nach 45 Jahren.

Vielleicht ist Mark Wamsler seiner Schwester Natalie Clarke-Knight im Gewühle des Schwäbisch Gmünder Weihnachtsmarkts auf die Füße gestiegen. Vielleicht hat sie ihm aus Versehen einen Schwall Glühwein in den Kragen gekippt. Vielleicht sind sie in der Fußgängerzone aneinander vorbeigelaufen, vielleicht, vielleicht. Beide sind ohne vom Verbleib des anderen zu wissen im Raum Gmünd aufgewachsen, wenige Kilometer voneinander entfernt. Ohne zu wissen, wie der andere aussieht, was Teenagerjahre und Jugendkultur mit ihm gemacht haben. Auf dem Bahnhofsplatz der Stadt, zwischen Beton und Bäckereifiliale, haben sie sich wiedergefunden – nach knapp einem halben Jahrhundert. „Das war heftig“, sagt Mark Wamsler.

 

Der 47-Jährige ist im Nachbarort Mutlangen geboren. Sein Vater war ein in Schwäbisch Gmünd stationierter US-Soldat. Von seiner Mutter weiß er nicht mehr viel, diffus kann er sich an eine rothaarige Frau erinnern. Insgesamt hat sie fünf Kinder von fünf verschiedenen Männern zur Welt gebracht.

Sie kam nicht klar damit. Im Säuglingsalter kam Mark Wamsler erst ins Heim, dann zu Pflegeeltern in den Gmünder Teilort Bettringen, später adoptierten sie ihn. Seine ältere Halbschwester Natalie blieb bei der Großmutter. Mark bekam vier Pflegegeschwister, eine neue Familie, einen neuen Nachnamen, eine neue Identität. Auskunft darüber, was mit seinen leiblichen Geschwistern geschehen war, bekam er zunächst nicht, so sind die Vorschriften.

Türsteher, Pizzabote und Lehrer

Seine Kindheit sei gut gewesen, sagt er, „eigentlich“. Der Pflegevater starb früh an einem Herzinfarkt. Wamsler trug vor der Schule Zeitungen aus, um seine Pflegemutter zu unterstützen. Seine Klassenkameraden kickten im Verein oder gingen zur freiwilligen Feuerwehr. Mark Wamsler zeichnete. In seiner Erinnerung war er für die anderen stets „der komische Junge“. Nach dem Hauptschulabschluss machte er eine kaufmännische Ausbildung bei der Post.

Nach zehn Jahren bei der Post hatte Wamsler genug. Er kündigte, verkaufte sein Auto, holte den Realschulabschluss nach, dann die Fachhochschulreife. Den zweiten Bildungsweg finanzierte er sich mit einem Blumenstrauß an Wochenendjobs. Er arbeitete als Türsteher, fuhr Menschen im Taxi umher und Pizzen zu ihren Bestellern. Er träumte von einer Laufbahn in einem Kreativjobs. Stattdessen schleifte ihn ein Kumpel zu einem Informationsabend der Pädagogischen Hochschule. Wamsler schrieb sich ein, wurde Sonderschullehrer und unterrichtete geistig beeinträchtigte Kinder und Ex-Gymnasiasten mit Drogenproblem.

Mit Erreichen der Volljährigkeit hatte Wamsler beim Jugendamt seine Adoptionsvermittlungsakten einsehen dürfen. Brauchbares hatte er nicht darin gefunden. Die Spuren seiner Schwester verloren sich in Amerika. Immer wieder suchte Wamsler, aber bei der Suche nach Menschen war das Internet in den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern noch nicht die gemähte Wiese von heute. Wamsler zog nach Donzdorf.

Der Weg zum Jugendbuchautor

Zwischenzeitlich haderte Wamsler ein wenig im Lehrerberuf, er erinnerte sich an die Kreativsache, erfand eine Vampirgeschichte. Ein Berliner Kinderbuchverlag mochte und veröffentlichte sie. Wamsler dachte sich nach Unterrichtsschluss mehr Abenteuergeschichten aus, begann, für weitere Verlage zu arbeiten. Die Verlage organisierten Lesungen, drehten Buchtrailer, das ganze Pipapo. Wamslers Präsenz im World Wide Web und in seinen sozialen Medien wurde größer und größer.

Zu jener Zeit, an einem Montag im April 2020, saß Natalie Clarke-Knight auf der anderen Seite des Atlantiks und tippte in die Tasten. Jahrelang hatte sie bereits im Internet nach Spuren ihres unbekannten Bruders gesucht. Nun war sie auf diesen Autor von der Ostalb aufmerksam geworden.

In Donzdorf war es kurz vor Mitternacht, Mark Wamsler arbeitete gerade an einem weiteren Kinderbuch, als über den Facebook-Messenger eine Nachricht aufploppte: „Hallo Mark, ich bin deine Halbschwester und würde dich gerne kennenlernen“, stand auf seinem Bildschirm. „Verarsche!“, das war Wamslers erste Mutmaßung. Aber die angebliche Halbschwester schrieb Details von der gemeinsamen Mutter ins Chatfenster. Also doch keine Verarsche, das war echt. Was Wamsler dann fühlte, kann er bis heute nicht in Worte fassen. So groß die Freude, so groß anfangs die Hemmungen. Die beiden schickten E-Mail um E-Mail hin und her. Mark Wamsler brauchte fast ein Jahr, bis er Telefonate und Videoanrufe wagte. Doch die fremde Schwester aus Amerika klang vertraut. „Sie spricht ein bisschen Schwäbisch“, sagt Wamsler.

Hollywoodreifer Moment

Im vergangenen Jahr besuchte sie ihn zum ersten Mal in der gemeinsamen Heimat. Er erkannte die drahtige Frau mit der Kurzhaarfrisur sofort, wie sie da so auf dem Gmünder Bahnhofsplatz wartete. Der Rest war Hollywood. Die erste Umarmung, der erste gemeinsame Café-Besuch, die erste gemeinsame Marotte: Bruder wie Schwester können nur dort Platz nehmen, wo sie stets den Ausgang im Blick haben.

Natalie Clarke-Knight, heute 54, war mit 18 Jahren in die USA ausgewandert, um ihren Vater zu suchen. Sie wusste lediglich, dass er ein zwischenzeitlich in Gmünd stationierter GI der Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika war. Natalie Clarke-Knight wurde US-amerikanische Staatsbürgerin und trat wie einst ihr Vater in die US Army ein. Was sie dort erlebte, hatte Folgen: Nach ihrem Einsatz in Afghanistan litt sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Sie wechselte zur Pentagon Police, zur Polizeibehörde des US-Verteidigungsministeriums, kümmerte sich als Personenschützerin darum, dass dem damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nichts zustieß. Heute lebt sie mit ihrer Ehefrau in Texas, arbeitet als Versicherungsbetrugsermittlerin und reist für Aufträge um die halbe Welt. Neben Englisch spricht sie auch noch Französisch und Italienisch.

Liebevoller Beschützerinstinkt

Mark Wamsler wusste um das Risiko, das die Suche nach den leiblichen Geschwistern barg. Was, wenn sie gar nicht mehr lebten? Was, wenn sie zu amtlichen Unsympathen herangewachsen waren?

Natalie bewundert er. Sie, die es ins Militär zog und die Homophobie trotzen musste. „Sie hat üble Sachen gesehen“, sagt Wamsler über seine große Schwester, die er um zwei Köpfe überragt. Sie sei hart, sie sei tough, eine Kriegerin, so cool. „Brüderle, wehe, du übertreibst! Hör auf mit den Energydrinks, die sind nicht gut für dich“, trichtert sie ihm dauernd ein, weil Wamslers Körper mit einem angeborenen Herzfehler und Long Covid fertig werden muss. Für Wamsler ist das ein liebevoller Beschützerinstinkt seiner Schwester statt nerviger Order einer Ex-Soldatin. Seinem neuen Roman, der in einem subversiven Mittelalter jenseits historischer Erkenntnisse spielt, dient sie als Vorbild für eine furchtlose Ritter-Ausbilderin.

Nach und nach fielen den Geschwistern mehr Gemeinsamkeiten auf. Beide lehnen sich sofort an, sobald sie in die Nähe von Wänden und Geländern kommen, beide sind komplette Kindsköpfe, beide haben eine Vorliebe für Serien, in denen Drachen und Schwerter und Superhelden in wallenden Mänteln eine Rolle spielen. Im Sommer war Natalie Clarke-Knight erneut in Gmünd. Sie aßen Schnitzel und guckten sich die Bavaria Filmstudios bei München an.

Weihnachten feiern sie zu dritt

Von den insgesamt fünf Geschwistern hat Natalie Clarke-Knight noch zwei weitere aufgespürt, sie wollen keinen Kontakt. Das fehlende Puzzleteil hieß Brian. Der jüngere Bruder war als Knirps ebenfalls zu Adoptiveltern gekommen, laut Jugendamtsakte irgendwo in Bayern. Wamsler und Clarke-Knight forcierten die mediale Berichterstattung über ihr Familienwirrwarr in der Hoffnung auf eine weitere Wiedervereinigung.

Im September erreichte Mark Wamsler wieder eine Nachricht. „Hier bin ich“, stand auf dem Display, gefolgt von einem grinsenden Emoji. Wamsler rannte aufs Klo und ließ sich vor Aufregung sein Essen noch einmal durch den Kopf gehen. Die Nachricht kam von Brian. Die Redaktion eines Fernsehsenders hat ihn gefunden.

Vor Weihnachten will sich das Trio treffen. Natalie Clarke-Knight weint zurzeit jeden Tag wegen dieser Gefühlsflut.