Die Aktivistin Sylvie Njobati hatte im Humboldt Forum bereits Erfolg. Foto: privat

Für das Linden-Museum Stuttgart sind es Objekte. Für Sylvie Njobati geht es um das Wohlergehen ihres Volkes. Dem Museum hat sie deshalb eine Forderung überreicht, Raubgut aus Kamerun zurückzugeben. Bei ihrem Besuch flossen Tränen, die Aktivistin war schockiert vom Anblick der spirituellen Objekte ihres Volkes.

Museen verstehen sich als Orte der Wissenschaft. Tränen sind da selten. Als Sylvie Njobati jetzt dem Linden-Museums Stuttgart einen Besuch abstattete, übermannten sie allerdings die Gefühle. Die junge Aktivistin aus Kamerun ist angereist, um die Objekte ihres Volkes, der Nso zu besichtigen. Sie wurden während der Kolonialzeit aus dem königlichen Nso-Palast gestohlen. Es sei ein Schock gewesen, plötzlich mit all den Gegenständen konfrontiert zu sein, erzählt sie. „Ich konnte diese Energie nicht ertragen, ich musste raus und einfach weinen.“

 

Das Linden-Museum unterstützt die Rückgabe

Njobati engagiert sich seit vier Jahren, damit das Raubgut aus deutschen Museen zurückgegeben wird. Im Juni konnte sie einen ersten Erfolg verzeichnen, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat beschlossen, die Statue Ngonnso, die der mythischen Gründungsmutter der Nso gewidmet ist, zurückzugeben. Es ist eines der wichtigsten Objekte aus dem königlichen Nso-Palast und befindet sich im Berliner Humboldt Forum.

Da auch das Linden-Museum geraubte Gegenstände aus dem Nso-Palast besitzt, war Sylvie Njobati im Zuge ihrer Nso-Kampagne nun auch hier zum Gespräch. Das ist aus Sicht des Museums „sehr konstruktiv“ verlaufen, man werde „Möglichkeiten weiterer Kooperationen“ ausloten und die weiteren Schritte der Nso-Kampagne „unterstützend begleiten“.

Die Gegenstände tragen zum Wohlergehen ihres Volkes bei

Der Besuch von Njobati macht aber deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven sind: Für sie sind es nicht einfach museale Objekte und Kunstwerke, die konservatorisch betreut und wissenschaftlich analysiert werden müssen, sondern spirituelle und traditionelle Gegenstände. „Sie tragen zum Wohlergehen meines Volkes bei“, sagt sie. Das Schlimmste, so Njobati, sei gewesen, dass alles, was ihr Königtum ausmache, im Linden-Museum „auf einem Tisch liegt, gefangen unter einer Glashaube.“

Aus Sicht der Aktivistin sind die politischen Interessen komplex

Sylvie Njobati hat ein offizielles Rückgabegesuch des Fon, also des Königs von Nso überreicht, das sämtliche königlichen Objekte im Linden-Museum umfasst. Das Linden-Museum hat das Gesuch weitergeleitet an das Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Denn nicht das Museum, sondern das Land entscheidet über Rückgaben. Es sei schwierig, die politisch Zuständigen zu treffen, meinte Sylvie Njobati, außerdem seien die Interessen der verschiedenen Gruppen komplex. Immerhin: Inés de Castro, die Direktorin des Linden-Museums habe bei ihrem Gespräch „versprochen, ihr Bestes zu geben.“

Die Widerstände der Nso wurden blutig niedergeschlagen

Kamerun wurde auf der Berliner Konferenz 1884 zum Teil des Deutschen Reiches erklärt. Die zunächst freundlichen Kontakte zwischen den Nso und den deutschen Expeditionstruppen wurde zunehmend feindlich. Letztlich wurden sämtliche Aufstände und Widerstände der Nso von den Europäern niedergeschlagen und der Bevölkerung ein neues System der Besteuerung, Verwaltung und Arbeit aufgezwungen.

Die Hürden bei der Rückgabe sind hoch

Bevor Kultgegenstände restituiert werden, muss die Provenienzforschung zweifelsfrei klären, dass sie unrechtmäßig erworben wurden. Die Berliner Ngonnso-Figur ist aus Sicht der Wissenschaft nicht durch Plünderungen nach Deutschland gekommen. Da die strukturelle koloniale Gewalt und die Präsenz der Soldaten aber einschüchternd auf die Nso’ gewirkt habe, hat der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zustimmt, die Ngonnso’ zurückzugeben, zumal gerade die Figur eine zentrale Rolle für die Nso habe.