Joachim Gauck ist leidenschaftlicher Segler. Sein Boot „Butt“ ist allerdings viel kleiner als der Großsegler „Grönland“, in dessen Klüvernetz er sich hier gelegt hat. Foto: dpa

Am Sonntag wird Joachim Gaucks Nachfolger gewählt. Anlässlich des nahenden Amtsendes des Bundespräsidenten haben wir elf Fakten über Gauck zusammengetragen, die Sie so bestimmt noch nicht gewusst haben.

Berlin - Mitte März endet die Amtszeit von Bundespräsident Joachim Gauck. Kurz bevor er zum Altbundespräsidenten wird, blicken wir in Zahlen zurück auf seine Zeit in Schloss Bellevue.

b>Die Nummer elf

Joachim Gauck ist nicht nur das elfte Staatsoberhaupt seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Er ist in so vielerlei Hinsicht der Erste in dieser Funktion, dass man die Eins zur inoffiziellen Schlüsselzahl seiner Amtszeit erheben kann: Gauck ist das erste Staatsoberhaupt aus Ostdeutschland. Er ist der erste Pastor – evangelisch –, und der erste Präsident, der zwar verheiratet ist, aber mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt als First Lady an seiner Seite in Schloss Bellevue amtiert. Gauck ist heute 77 Jahre alt und als gebürtiger Rostocker zwar nicht der erste „Fischkopp“ an der Spitze des Staates – das war die Nummer fünf in der amtlichen Ahnenreihe, der Bremer Karl Carstens. Aber Gauck, der in Wustrow auf der Halbinsel Fischland-Darß aufgewachsen ist und dort nach wie vor seine Heimat sieht, ist der erste Mann von der Ostsee an der Staatsspitze.

147 Begegnungen mit Mächtigen und Ohnmächtigen

Knapp zweihundert Staaten gibt es auf dem Globus. 147 Staatsgäste hat Joachim Gauck in den fünf Jahren seiner Amtszeit empfangen – einige waren mehrmals da. Sein erster Besucher war Costa Ricas Präsidentin Laura Chinchilla Miranda, die am 23. Mai 2012 in Berlin war. Da hatte er seine erste Begegnung mit einem gekrönten Haupt schon hinter sich: Königin Beatrix der Niederlande traf er drei Wochen vorher auf seiner Holland-Reise in Amsterdam.

Die verflixten 15 Jahre

Wenn er heute im Alter der Bundeskanzlerin – also 62 – wäre, dann hätte er weitergemacht als Staatsoberhaupt. Das hat Joachim Gauck vor kurzem im Fernsehen verraten. Aber dass seine Vitalität und sein Elan auch eine zweite Amtszeit überdauern, kann der heute 77-Jährige nicht gewiss sein. Deshalb hat er am 6. Juni 1016 der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass er keine zweite Amtszeit machen wird. Vom 18 März an, ist Bürger Gauck wieder Privatmann – nach dann genau 1806 Tagen im Amt. Ob Kaiser Akihito von Japan ihm im November einen gewissen Neid offenbart hat, dass der deutsche Kollege selbst entscheiden kann, wann er sein Amt aufgibt, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass der 83-jährige Tenno, den Gauck bei seiner weitesten Reise (8900 Kilometer) getroffen hat, gerne abdanken möchte, aber noch nicht sicher weiß, ob sein Land ihm das auch ermöglichen kann.

60 Jahre Erfahrungsvorsprung

Drei Jahre war Gauck schon im Amt, als er Queen Elizabeth II. von England mit Pomp and Circumstance, militärischen Ehren, Staatsbankett und Bootsfahrt auf der Spree empfing. Der Besuch der Königin war ein Highlight in Gaucks Amtszeit. Sie ist das am längsten dienende Staatsoberhaupt der Welt und hat ihrem deutschen Gastgeber und Kollegen Gauck sagenhafte sechzig Jahre Erfahrung beim Repräsentieren voraus.

101 große Bahnhöfe

Als erster Mann im Staate hat der Bundespräsident seine Heimat auch im Ausland zu repräsentieren. 101 Auslandsreisen hat er unternommen – im Durchschnitt ist er alle 18 Tage neu zur grenzüberschreitenden Kontaktpflege aufgebrochen. Die östlichen Nachbarn in Polen hat er im März 2012 als erstes besucht, die lettische Hauptstadt Riga wird das letzte Auslandsziel als Bundespräsident sein. Bei seinen Besuchen hat Gauck unterschiedlichste Akzente gesetzt. Auf seiner Türkei-Reise im April 2014 hat er öffentlich und im vertraulichen Gespräch so unmissverständlich auf die Menschenrechte, die Meinungs- und Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz gepocht, dass Staatspräsident Erdogan hinterher angeblich schäumte. Der Besuch in Washington im Oktober 2015 muss eine politische Traumreise für Gauck gewesen sein. Die USA verkörperten für den DDR-Bürger Gauck den Inbegriff der Freiheit, von der er in der ersten Hälfte seines Lebens nur träumen konnte. Dass er als höchster Repräsentant eines freiheitlichen Staates einmal Washington besuchen würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt.

270mal auf Naherkundung

Seine Reisefreiheit als Staatsoberhaupt nutzte Joachim Gauck nicht nur, um in die Ferne zu schweifen. Allein 270 Besuche absolvierte er zwischen Alpen und Ostsee. Nimmt man die Auslandsreisen hinzu war er im Durchschnitt alle 4,8 Tage auf Achse. Sein erster offizieller Antrittsbesuch als Bundespräsident führte ihn am 12. April 2012 übrigens nach Stuttgart. Am längsten mussten seine Landsleute in Mecklenburg-Vorpommern auf die offizielle Präsidentenvisite warten – Schwerin und Greifswald besuchte er Ende Mai 2013.

Eins zu 82 Millionen

Das Verhältnis zwischen dem ersten Mann im Staat und seinem Souverän ist rein mengenmäßig ziemlich ungünstig. Wollte der „reisende Politiklehrer“, der Gauck in seinen eigenen Augen ist, jede Komunne in der Republik einmal besuchen und würde er seine bisherige Reisehäufigkeit beibehalten, wäre er 148 Jahre unterwegs. Schon weil dies das Grundgesetz nicht erlaubt, das die Amtszeit des Bundespräsidenten auf zehn Jahre beschränkt, gibt es andere Mittel und Wege um Bürgernähe herzustellen. Allein 29437 Hundert- und Hundertfünf-Jährigen hat Gauck einen Glückwunsch zum Geburtstag geschickt. 57948 Ehepaaren hat er zum 65., 70., 75. und 80. Hochzeitstag. Mehr als 2700mal hat der amtierende Bundespräsident die Ehrenpatenschaft eines Kindes übernommen – das können Eltern beim siebenten Sprössling beantragen. Darüber hinaus hat Gauck insgesamt 103 Schirmherrschaften übernommen – von der Studienstiftung des deutschen Volkes über den Seeschiffahrtstag bis zum Deutschen Roten Kreuz oder dem Wettbewerb Jugend debattiert.

659 plus 600mal Einfluss ohne Macht

Operative Macht hat Joachim Gauck als Staatsoberhaupt keine. Die Gesetze, die im Bundestag beschlossen werden, kann er nicht verändern oder stoppen – er muss sie unterschreiben, was er in seiner Amtszeit 659 mal getan hat. Einfluss gewinnt er durch seine Reden – zwischen 590 und 600 wird er als Präsident am Ende gehalten haben. Der rote Faden dabei: Freiheit und Verantwortung in der Demokratie.

228 Jahre große Pause

Nicht nur bei den Bundesbürgern, die laut Umfragen zu 81 Prozent mit Joachim Gaucks Amtsführung zufrieden sind, ist der Bundespräsident beliebt. Dass Joachim Gauck im Ausland hohe Reputation genießt, haben die Franzosen jüngst bewiesen. Nicht nur, dass die berühmte Pariser Universität Sorbonne ihm einen Ehrendoktortitel verlieh. Die Akademie Française, in der nur die angesehensten Intellektuellen Frankreichs Mitglied sind, empfingen Gauck zum vertraulichen Austausch – 228 Jahre nach dem letzen Gast von diesseits des Rheins, dem Preußen-Prinzen Heinrich, der im Revolutionsjahr 1789 von der Akademie empfangen wurde.

7718 Orden und ein paar Neuerungen

Apropos Ehrungen: Joachim Gauck hat 7718 Bürgern einen Verdienstorden verliehen und sie damit als „primi inter pares“, Erste unter Gleichen, hervorgehoben. Das werden noch ein paar mehr. Zum Internationalen Frauentag am 8. März wird Gauck „seine“ letzten Orden überreichen. Ehrenzeichen hat er übrigens nicht nur verliehen, sondern auch geschaffen. Änderungen an Ehrenzeichen oder nationalen Symbolen gehen immer über den Schreibtisch des Bundespräsidenten. Auf Antrag des Verteidigungsministeriums hat Joachim Gauck 19 Verbandsabzeichen – von der Brandschutztruppe bis zu speziellen Gebirgsjägereinheiten -genehmigt, und den Soldatinnen ein neues Accessoire für ihre Uniformen genehmigt: Den sogenannten „Winkel“, den Soldatinnen seither als Alternative zur Krawatte mit der Ausgehuniform anlegen dürfen.

Noch eine Handvoll Helfer für den Altpräsidenten in spe

„Muss ich das schon wissen?“, fragte Joachim Gauck zurück, als Fernsehreporter sich kürzlich nach seinen Plänen für die Zeit danach erkundigten. Er freue sich zunächst einmal darauf, nicht mehr ständig Acht geben zu müssen, was er sage und wie er gucke. Ein hundertprozentiger Privatier wird Gauck als Alt-Bundespräsident freilich auch nicht sein. Statt 180 Mitarbeitern im Präsidialamt, werden Gauck in seinem neuen Leben als Altbundespräsident eine Handvoll Helfer samt Fahrer und Dienstwagen bei nachlaufenden Repräsentationsaufgaben unterstützen. Statt Amtsbezügen erhält er nach dem offiziellen Ende seiner Amtszeit am 17. März einen Ehrensold von 214000 Euro jährlich.

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