Rudolf Kreitlein Ein Leben für die Fairness

Von Jürgen Frey 

Rudolf Kreitlein (†): Ein Schiedsrichter-Leben voller Erinnerungen. Foto: Baumann
Rudolf Kreitlein (†): Ein Schiedsrichter-Leben voller Erinnerungen. Foto: Baumann

Der Stuttgarter Kult-Schiedsrichter Rudolf Kreitlein stirbt im Alter von 92 Jahren.

Stuttgart - Dieser Geistesblitz machte Rudolf Kreitlein berühmt: Er erfand 1966 die Gelben und Roten Karten. Von Dienstag auf Mittwoch hörte das Herz eines der renommiertesten Fußball-Schieds­richter des vergangenen Jahrhunderts in Stuttgart auf zu schlagen.

Im November 2009 feierte ­Rudolf Kreitlein seinen 90. Geburtstag. 30 Gäste lud er ins Stuttgarter Haus der Geschichte ein. Schon ein paar Tage vor seinem Fest hatte er die Lacher auf seiner Seite. Als es zu Fernsehaufnahmen für einen Beitrag im ARD-,,Morgenmagazin“ auf den Rasen des Gazistadions ging, fragte er ganz keck: „Und wer putzt danach meine Schuhe?“

Der saubere Sport lag dem gebürtigen Fürther schon immer am Herzen. Fairness war ihm wichtig. Sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit zeichnete ihn aus. Der Schneidermeister (liebevoller Spitzname: Das tapfere Schneiderlein) begann seine Karriere als Unparteiischer im Alter von 17 Jahren. In den USA bildete er Schiedsrichter aus. Nach der Rückkehr nach Deutschland jagte Kreitlein als Vertragsspieler beim Stuttgarter SC dem Ball nach. Eine Meniskusverletzung beendete seine aktive Karriere. Er konzentrierte sich ganz aufs Pfeifen.

1966 leitete er das Europacup-Finale der Landesmeister zwischen Real Madrid und Partizan Belgrad

Eine weise Entscheidung. Kreitlein machte Karriere. 1966 leitete er das Europacup-Finale der Landesmeister zwischen Real Madrid und Partizan Belgrad. Doch der Höhepunkt war die Nominierung im gleichen Jahr für die WM in England. Dank eines Geistesblitzes wurde er dort weltberühmt: Er erfand die Gelbe und Rote Karte. Eine unglaubliche Geschichte, die sich am 23. Juli 1966 abspielte: Kreitlein pfiff im Wembley-Stadion das Duell England gegen Argentinien. Der kleine Referee (1,68 m) stellte den argentinischen Hünen Antonio Rattin (1,94 m) vom Platz. Es kam zu Tumulten. Kapitän Rattin weigerte sich hartnäckig das Feld zu verlassen.

Da es noch keine Roten Karten gab, konnte und wollte er Kreitleins Gesten partout nicht verstehen. Erst nach zehn Minuten ging der Südamerikaner in Begleitung englischer Bobbys in die Kabine. Auf der Rückfahrt ins Hotel kam Kreitlein und dem englischen Schiedsrichter-Betreuer Ken Aston in der Kensington High Street in London die historische Idee. Inspiriert von den vielen Verkehrsampeln, entwickelten sie gelbe und rote Karten als weltweit verständliche und eindeutige Symbole. „Gelb: Vorsicht. Rot: Stopp, du bist weg!“ Die Fifa nahm den Vorschlag auf und führte die Karten bei der WM 1970 ein. Praktisch, dass zu dieser Zeit das Farbfernsehen populär wurde.

Der kinderlose Kreitlein, dessen Ehefrau vor vier Jahre verstarb, war mächtig stolz auf seine Erfindung. Zuletzt lebte er im ­Lothar-Christmann-Haus in Hoffeld. Vergangene Woche kam er nach einem Herzinfarkt in die Klinik. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch schlief Rudolf Kreitlein im Stuttgarter Bethesda-Krankenhaus friedlich ein. Mit der Gewissheit, dass ihn sein Geistesblitz schon zu Lebzeiten unsterblich gemacht hat.

Hier können Sie Rudolf Kreitlein gedenken

Lesen Sie jetzt