RSV-Erreger, Corona und Grippe – die aktuelle Infektwelle bringt die Stuttgarter Kinderarztpraxen an ihre Kapazitätsgrenzen. Was die Probleme in Stuttgart sind – und wie es weitergehen soll.
Das hatte Tilo Sauter noch nicht erlebt. Am Montag voriger Woche waren alle Akuttermine, die in der nicht kleinen Praxis für sechs Stunden an diesem Tag vergeben wurden, „schon morgens am 9 Uhr komplett ausgebucht“, sagt der Obmann der Stuttgarter Kinderärzte. „Das kommt so schnell nicht vor.“ Schon im vergangenen Jahr hatte eine starke Infektwelle die Kinder und mit ihnen die niedergelassenen Pädiater getroffen. In diesem Jahr sei dies sogar „noch ausgeprägter“, erklärt Sauter. Es sind wieder die tückischen RSV-Erreger, die vor allem sehr kleinen Kindern zusetzen, aber auch eine ganze Reihe anderer Viren, inklusive Corona. Und die Grippewelle, die sonst erst im Januar richtig zuschlägt, setzt schon ein. „Wir haben viel mehr Notfälle als für diese Jahreszeit erwartet“, sagt der Kinderarzt.
Für die Familien bedeutet dies oft lange Wartezeiten, schon am Telefon, um überhaupt einen Arzttermin zu bekommen, in den Praxen ist Hochbetrieb, viele Eltern sind verunsichert und verärgert. Und wenn ein Pädiater ein Kind wegen eines kritischen Zustands in eine Klinik überweisen muss, ist das eine zeitraubende Prozedur, bis ein Bett in einer der ebenfalls überlasteten Kinderkliniken in der Region gefunden ist. Das sei eine „zusätzliche Belastung“ für die Beschäftigten, sagt Tilo Sauter.
Zwei Winter werden nachgeholt
Ähnlich sind die Erfahrungen von Rainer Gutbrod, der seit zwei Jahrzehnten eine Kinderarztpraxis in Zuffenhausen-Rot und eine Nebenpraxis in Freiberg betreibt. „Das ist eine Intensität, die ich so noch nie erlebt habe“, sagt der Pädiater über die aktuelle Infektwelle. Bei den kleinen Akutpatienten liege man derzeit „mit 30 bis 40 Prozent deutlich über dem Vor-Corona-Niveau“.
Die Erklärung dafür ist nicht neu: „Wir holen die letzten zwei Winter nach“, sagt der Kinderarzt. Die Viren träfen auf Kinder mit einem Immunsystem, das sich lange Zeit etwa wegen des Maskentragens mit diesen nicht habe auseinandersetzen müssen. Das alles habe man zwar erwartet, aber nicht in diesem Ausmaß. Gutbrod: „Jetzt stehen wir ziemlich blank da und würden manchmal gerne die weiße Fahne hissen.“
Funktioniert das System überhaupt noch?
So hat man etwa am Montag in seiner Praxis schon am Morgen rund 90 kleine Patienten behandelt, bis am Nachmittag waren es dann etwa 150. Die Praxis ist recht groß, acht Ärztinnen und Ärzte auf vier Vollzeitstellen sind hier tätig. Der Akutbereich ist abgetrennt und derzeit mit drei statt nur mit einem Kinderarzt besetzt. „Selbst mit dieser Infrastruktur kommt man nicht mehr hinterher“, sagt Rainer Gutbrod.
Er widerspricht der Einschätzung, dass man mit dem Patientenaufkommen einfach wieder in der Vor-Corona-Zeit angelangt, aber dies nur nicht mehr gewohnt sei. Gutbrod sieht die Sache wesentlich grundsätzlicher. Es bestehe inzwischen ein „immenses Missverhältnis“ von Kapazität und Bedarf. Kinderärztin Beena Pichler, die in seiner Praxis als angestellte Ärztin arbeitet, sagt zur gegenwärtigen Misere: „Das System funktioniert nicht mehr.“ Auch Tilo Sauter sagt: „Wir sind an der Grenze unserer Kapazität. Es wird immer schwieriger, die Kinder noch gut zu versorgen.“ In seiner Praxis gingen inzwischen „Bewerbungsschreiben“ ein von Eltern, die lange Listen von Kinderärzten dazulegen, bei denen sie mit ihren Kindern nicht angekommen seien.
Veraltete Bedarfsplanung
Dabei ist nach der noch aus den frühen 1990er Jahren stammenden Bedarfsplanung Stuttgart ausreichend mit Kinderärzten versorgt. Aber die Verhältnisse haben sich seither stark verändert, bei den Familien mit Kindern wie bei den Ärzten. Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Land erkennt den Kinderärztemangel in Stuttgart inzwischen an. In verschiedenen Arbeitsgruppen arbeitet die KV zusammen mit dem städtischen Gesundheitsamt und den Niedergelassenen an Verbesserungen.
Zur Entlastung der Hausärzte, aber auch der überlasteten Kinderärzte in der aktuellen Infektwelle hat die Stadt am Montag in der Jugendherberge Neckarpark wieder eine Fieberambulanz eingerichtet. Diese ist ausdrücklich nicht primär für Coronafälle gedacht, sondern für alle Infektpatienten, große wie kleine. „Das ist sinnvoll und wichtig“, begrüßt Obmann Tilo Sauter den Schritt.
Änderung nach dem Vorbild der Schweiz?
Rainer Gutbrod schwebt eine weitergehende Lösung vor, orientiert am System der Schweiz. Dort seien in der ambulanten Pädiatrie Regelversorgung und Akutversorgung getrennt. Schon jetzt organisieren die niedergelassenen Pädiater im städtischen Kinderhospital Olgäle unter der Woche am Abend und am Wochenende ihre kinderärztliche Notfallambulanz. Rainer Gutbrod plädiert für weitere solcher Einrichtungen. Dafür, ist er überzeugt, würden sich auch Kinderärzte finden, nicht nur unter Pensionären. Nach den Zahlen der KV gibt es in Stuttgart 51 Kinderarztsitze (nur ein halber ist noch frei), insgesamt 66 Kinderärztinnen und Kinderärzte sind dort tätig. Man zähle in der Stadt aber insgesamt 80 bis 90 Kolleginnen und Kollegen, sagt Gutbrod. Es gebe also 30 bis 40 „Poolärzte“, die sich aus seiner Sicht für die Arbeit in einer pädiatrischen Akutambulanz gewinnen ließen. Manche von diesen arbeiteten wegen der guten Bedingungen jetzt schon regelmäßig in solchen Einrichtungen in der Schweiz.