Rolf H. Krauss „Ich war wie Alice im Wunderland“

Von Andrea Jenewein 

Rolf H. Krauss mit den Fotos aus der Wohnung an der Hölderlinstraße. Foto: Max Kovalenko
Rolf H. Krauss mit den Fotos aus der Wohnung an der Hölderlinstraße. Foto: Max Kovalenko

Rolf H. Krauss fielen alte Fotos in die Hand, die in der Hölderlinstraße 3 aufgenommen wurden. Krauss hatte dort die ersten 13 Jahre verbracht. Bilder und Erinnerungen prallen aufeinander.

Stuttgart - Rolf H. Krauss fielen alte Fotos in die Hand, die in der Hölderlinstraße 3 aufgenommen wurden. Krauss hatte dort die ersten 13 Jahre verbracht. Bilder und Erinnerungen prallen aufeinander.

Herr Krauss, was ist Ihre erste Erinnerung?
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe festgestellt, dass meine Erinnerung verhältnismäßig spät einsetzt. Man sagt, dass man sich an die ersten vier Lebensjahre nicht erinnern kann – bei mir sind es die ersten fünf oder sechs Lebensjahre, von denen ich kaum eine Vorstellung habe. Zudem habe ich gemerkt, dass ich nur sehr punktuelle Erinnerungen habe, an prägende Ereignisse.

Was ist ein Beispiel für eine Erinnerungslücke?
Ich kann mich nicht mehr an mein Kinderbett erinnern, obwohl ich darin jahrelang geschlafen habe. Vielleicht haben sich, wenn man über so lange Zeit im gleichen Bett war, viele Schichten von Einzelerinnerungen überlagert. So dass am Schluss alles so zugeschüttet ist, dass das Hirn nicht mehr in der Lage ist, das Bett zu reproduzieren.

An was können Sie sich hingegen erinnern?
Hm, da gibt es eine merkwürdige Geschichte: Ich sitze auf dem Sofa im damaligen Herrenzimmer. Ich lese das Gedicht „In Straßburg auf der Schanz“. Neben mir läuft das Radio. Und da singt jemand exakt dieses Lied, Strophe für Strophe. Das hat mich als junger Mensch, ich war vielleicht sieben Jahre alt, ungeheuer getroffen. Ich fragte mich: Was will mir das sagen, dieses Zusammengehen der beiden Dinge? Es gibt zu diesem Erinnerungsbild in meinem Kopf auch das entsprechende Foto – aber das Bild im Kopf war zuerst da.

Dieses Foto tauchte erst vor kurzem auf: Ihnen ist ein Album mit Bildern Ihrer damaligen Wohnung in der Hölderlinstraße 3 in Stuttgart in die Hände gefallen. Was hat das ausgelöst?
Ich habe mich schon länger mit dem Thema Fotografie und Erinnerung befasst. Dieses Album mit den Fotos war für mich vor allem insofern interessant, als dass ich die Möglichkeit hatte, praktisch zu prüfen, was Fotos als Erinnerungsauslöser oder auch als Erinnerungsbestätigung bewirken können.

Es war also kein persönliches Interesse an Ihrer Vergangenheit? Sie schreiben, dass man bei fortschreitendem Alter beginnt, sich intensiv mit der eigenen Kindheit zu beschäftigen . . .
Nein, mich interessierte tatsächlich der akademische Ansatz. Im Buch zitiere ich aus einem Brief ans Baurechtsamt, in dem ich um den Grundriss bitte. Was ich dort geschrieben habe, war eine taktische Floskel, damit die Leute sagen: Wenn der alte Herr sich mit seiner Vergangenheit beschäftigen will, dann genehmigen wir ihm das.

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