Der Helm von Cannae ist ein Prunkstück der Sammlung der Grafen von Erbach-Erbach. Foto: Schloss Erbach

Nur wenige Schlachten schaffen es ins Gedächtnis der Menschheit. Etwa die Schlacht von Cannae, die schon 2000 Jahre vor Waterloo zum geflügelten Wort für eine vernichtende Niederlage wurde. Ein letztes Überbleibsel von Hannibals Sieg über die Römer findet sich in einem Schloss im Odenwald.

Stuttgart/Erbach - Es ist ein Debakel, das zum geflügelten Wort wird: Bei Cannae marschieren 216 vor Christus 16 Legionen in den Untergang, 80 000 Mann. Es ist eine der ersten Umfassungsschlachten der Geschichte und die Taktik des karthagischen Feldherrn Hannibal ist so brillant, dass sie bis heute an Militärakademien gelehrt wird. Nie zuvor steht die Römische Republik näher am Abgrund. Und obwohl Rom den Krieg gewinnt, sitzt der Stachel der Niederlage von Cannae tief. So tief, dass Cato der Ältere noch Jahrzehnte später jede Rede mit dem Satz „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendet: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss. Im Dritten Punischen Krieg wird Catos Wunsch schließlich erfüllt. Die Römer schleifen die Stadt und verkaufen die Überlebenden als Sklaven. Nichts soll an den einstigen Rivalen erinnern.

 

„Das große Karthago führte drei Kriege“, schrieb Bertolt Brecht. „Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ Eines der wenigen Überbleibsel ist ein karthagischer Helm, der angeblich vom Schlachtfeld von Cannae stammt und wahlweise auch Hannibal zugeschrieben wird. Er liegt jedoch nicht in einem Museum Roms, sondern in einem kleinen Schloss im Odenwald, 90 Kilometer nördlich von Stuttgart.

Die Legende vom diebischen Grafen entsteht in Stuttgart

Wie der Helm ins Schloss Erbach gelangte, ist Stoff einer wunderbaren Legende, die vermutlich auf den Stuttgarter Schriftsteller Otto Müller zurückgeht. Demnach soll Franz I. Graf von Erbach-Erbach (1754–1823) – ein begeisterter Kunst- und Antikensammler – einem Bediensteten befohlen haben, den Helm aus den Vatikanischen Museen zu stehlen. Kein leichtes Unterfangen, hing der Helm doch am Arm einer Marmorstatue, etwa drei Meter vom Boden entfernt. Der Graf, so erzählt es Franz Prinz zu Sayn-Wittgenstein in dem Buch „Durchläuchtige Welt“, ließ den Jäger daraufhin tagelang üben, einen in drei Meter Höhe angebrachten Teller herabzuholen. 1791 in Rom angekommen, trennen sie sich, um nicht gemeinsam gesehen zu werden. Der Raub gelingt: Einem Schweizer Gardisten, der ihn kontrolliert, erzählt der Jäger, er sei der Diener des russischen Thronfolgers, der sich gerade im Nachbarraum befinde. Neugierig stürmt der Wächter davon, um den Thronfolger zu sehen – während der Jäger den Helm klaut.

Der anscheinend schon damals unter Verdacht geratene Graf reist überstürzt ab. Sechs Wochen später, als sich die Aufregung über den dreisten Raub gelegt hat und die Wahrscheinlichkeit gesunken ist, kontrolliert zu werden, folgt der Jäger seinem Herrn. Verkleidet als Bettelmönch oder Buckliger, den Helm als Buckel nutzend.

Ludwig Ganghofer hat Zweifel an der Geschichte

Einer der Nachfahren des Jägers, zu denen auch die erste First Lady der Bundesrepublik, Elly Heuss-Knapp, zählt, meldete jedoch Zweifel an. „Als junger Jägermeister half mein Urgroßvater seinem Grafen den sagenhaften Helm des Hannibal zu Rom aus dem Vatikan entführen“, schrieb der bayerische Schriftsteller Ludwig Ganghofer in seinen Memoiren. „Aus diesem kecken, zwischen Tod und groteskem Humor balancierenden Abenteuer hat Otto Müller, dem der greise Forstrat Louis die Geschichte im Odenwald erzählte, einen spannenden Roman gemacht. Aber in diesem Buche mag wohl ein gut Teil gefabelt sein.“

Und was sagt der Graf selbst? Schließlich kann er den Vorwurf, ein Dieb zu sein, nicht auf sich sitzen lassen. In dem Katalog, in dem er seine Antikensammlung auflistet, erzählt Franz I. denn auch eine ganz andere Geschichte, die ihn freilich nur teilweise entlastet. „Beynahe sollte ich es gar nicht gestehen, wie ich diesen Helm bekommen habe; doch was kann ich für die überwiegende Gewogenheit eines guten Bekannten in Rom zu mir, im Gleichgewichte mit der, die er dem Pabste zollt!!!“, erklärt der Graf, um dann doch ins Detail zu gehen. „In der Gallerie der Statuen im Clementinischen Museo zu Rom stehet eine Statue, die den Namen einer Minerva Pacifera hat. Auf der rechten Hand trug sie diesen Helm und in der andern einen Oliven Zweig, und während meines lezten Aufenthalts in Rom, anno 1791, entwandte obiger Gönner, der es sich angelegen seyn lies, meine Waffensammlung zu vermehren, diesen Helm der Statue von der Hand, an einem Tage, wo er bemerkte, daß der Aufseher des Musei, statt wachsam schläfrig war, und brachte mir denselben, zu meinem nicht geringen Schreken ins Haus.“

„Alle Erbachs stehlen“, sagt der Kaiser

Der Versuch, den Diebstahl einem anderen in die Schuhe zu schieben, misslingt jedoch. Die Geschichte des diebischen Grafen machte die Runde. Kaiser Wilhelm II. soll noch Jahrzehnte später bei einem Besuch des Grafen Adalbert von Erbach-Fürstenau seinen Dienern zugerufen haben: „Schließen Sie die Türen, sonst trägt uns der Graf Erbach die besten Stücke weg.“ Als der Graf beteuerte, nicht mit dem Grafen Franz direkt verwandt zu sein, entgegnete der Kaiser: „Das ist mir einerlei. Alle Erbachs stehlen!“ Auch dem Vatikan soll die Sache keine Ruhe gelassen haben. Angeblich versucht die Kurie mehrmals, den Helm wiederzubekommen, zuletzt 1919 während der Verhandlungen zum Versailler Vertrag. Allerdings ohne Erfolg.

So schmückt der Bronzehelm noch heute die Antikensammlung im Schloss Erbach. „Wobei er sich derzeit im römischen Kolosseum befindet. Als Leihgabe für die dortige Ausstellung ‚Karthago, der unsterbliche Mythos‘“, erklärt die wissenschaftliche Leiterin der Gräflichen Sammlung, Anja Kalinowski, der die Legenden um den Helm natürlich bekannt sind. Sie halte es für unwahrscheinlich, dass Hannibal den Helm getragen habe, sagt Kalinowski. „Dass er vom Schlachtfeld von Cannae stammt, könnte allerdings stimmen. Zeitlich passt das. Vielleicht finden die Kollegen in Rom ja was raus.“ Die Frage, ob der Graf den Helm stehlen ließ oder ihn geschenkt bekam, wird sich dagegen wohl nicht mehr klären lassen.

Info Schloss Erbach

Das Schloss Erbach ist definitiv einen Besuch wert, denn es beherbergt neben der Antikensammlung des Grafen auch ein Elfenbeinmuseum, zahlreiche Waffen und Rüstungen (etwa von Franz von Sickingen, Gustaf Adolf und Wallenstein) sowie zwei Gemälde des niederländischen Meisters Anthonis van Dyck.

Weitere Informationen unter www.schloss-erbach.de. Mehr zum Thema finden Sie in dem Buch „Urbs: Roms Weg zur Weltmetropole“ von Alexandre Grandazzi, erschienen 2019 im Theiss Verlag.