Maschinen übernehmen immer öfter das Denken für Menschen. Das kann zu Abhängigkeiten führen Foto: Mauritius

Künstliche Intelligenz bestimmt immer mehr den Alltag der Menschen. Werden wir irgendwann von Maschinen beherrscht?

Isaac Asimov wagte 1964 in der „New York Times“ einen Blick die Zukunft: „Es werden immense Anstrengungen zur Entwicklung von Fahrzeugen mit ‚Robotergehirnen‘ unternommen werden“, so der Science- Fiction-Autor­, „die man auf einen bestimmten Zielort einstellen kann und die ihre Passagiere dorthin bringen, ohne dass sie durch die langsamen Reflexe eines menschlichen Fahrers gestört werden.“ Und weiter: Die Menschheit werde dadurch weitgehend zu einer „Spezies von Maschinenbeaufsichtigern“. Freilich lag der Autor nicht überall richtig, doch seine Prognosen sind verblüffend. Google hat in diesem Jahr seine selbstfahrenden Autos auf die Straße geschickt. Daimler hat selbstfahrende Lastwagen getestet. Und in Städten wie Dubai und Paris verkehren schon fahrerlose Züge.

Die Automatisierung schreitet immer schneller voran. In Amazons Logistikzentren sortieren kleine, flinke Roboter Pakete, die bald von Drohnen ausgeliefert werden. In Japan wurde in einem Hotel kürzlich ein Roboter-Concierge vorgestellt, der automatisch den Check-in abwickelt und die Frühstücksbestellung aufnimmt. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart entwickelt einen Roboter namens Care-O-bot (was in etwa Betreuungsroboter heißt), der Menschen im häuslichen Umfeld hilft – zum Beispiel beim Getränkeholen oder in Notfall­situationen.

Um dem Care-O-bot einen Auftrag zu erteilen, wählt der Benutzer das gewünschte Objekt mit Hilfe eines mobilen Geräts wie eines Smartphones oder des Touchscreens aus, der in dem Roboter integriert ist. Der Roboter ist so programmiert, dass er weiß, wo sich ein bestimmtes Objekt in der Wohnung befindet. Speziell für ältere oder pflegebedürftige Menschen sind solche Roboter von Vorteil. Laut der Umfrage „Zukunftsmonitor­“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegeben wurde, kann sich ein Viertel der Deutschen vorstellen, von einem Roboter ­gepflegt zu werden.

Roboter ersetzen Arbeitsplätze

Roboter sind schneller, zuverlässiger, werden nie müde, murren nicht, gehören keiner Gewerkschaft an, und – viel wichtiger – sie sind billig. Ein Roboter kostet je nach Anschaffungskosten und Betriebszeit zwischen zwei und acht Euro pro Stunde. Zum Vergleich: In der deutschen Automobilindustrie liegen die Arbeitskosten bei mehr als 40 Euro pro Stunde. Selbst im Niedriglohnland China sind es noch knapp zehn Euro. Kein Wunder, dass die Automobilindustrie immer stärker auf Roboter setzt. Maschinen steigern die Effizienz. Die geringen Produktionskosten sind einer der Hauptgründe für den Einsatz von Robotern.

Und sie werden selbst in der Anschaffung immer günstiger. Laut einer Untersuchung der Boston Consulting Group sind die Kosten für einen Greifroboter in der Automobilindustrie von etwa 170 000 Euro im Jahr 2005 auf knapp 124 000 Euro im Jahr 2014 gesunken. Und Roboter werden auch in den nächsten Jahren günstiger werden. Das hat seinen Preis. Der Druck auf die Niedriglohnbereiche wird weiter wachsen – und Jobs in Call-Centern, Fast-Food-Ketten oder Speditionen vernichten.

In seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „The Rise of the Robots“ (Der Aufstieg der Roboter) warnt der Computeringenieur Martin Ford, dass mit dem zunehmenden Einsatz von Maschinen die globale Ungleichheit und Arbeitslosigkeit steigen. Nun gab es ja schon immer technologische Fortschritte. Alte Arbeitsplätze wurden vernichtet, neue entstanden. Dass es keine Küfer oder Büttner mehr gibt, macht uns nicht ärmer­. Heute gibt es neue Berufe. Gerade durch die Ausdifferenzierung der Wirtschaft braucht man immer neue Spezialisten. Die Frage ist, wie der Saldo aussieht.

Ford zitiert in seinem Buch ein paar Zahlen, die nachdenklich stimmen. Im Jahr 2000 arbeiteten am Finanzplatz New York 150 000 Menschen. 2013 waren es nur noch 100 000. Und das, obwohl die Gewinne stiegen. Sicher, dazwischen lagen zwei Krisen – das Platzen der Dotcom-Blase 2000 und die Wirtschafts- und Finanzkrise nach dem Lehman-Krach. Doch der Grund für den Rückgang ist technischer Natur: Das Gros der Aktiengeschäfte wird von Algorithmen ausgeführt.

Binnen 20 Jahren könnte jeder zweite Job verloren gehen

Wie wenig Personal man zu einer beträchtlichen Wertschöpfung braucht, zeigen auch die Übernahmen in der Tech-Industrie. Google kaufte 2006 für umgerechnet 1,3 Milliarden Euro You Tube. Der Videokanal hatte damals 65 Mitarbeiter. 2014 übernahm Facebook den Kurznachrichtendienst Whats-App mit 55 Angestellten für umgerechnet 17,7 Milliarden Euro. Facebooks Rechenzentren werden heute von einem Softwareprogramm namens Cyborg gemanagt. Für die Wartung von 20 000 Computern braucht man gerade mal einen Menschen. Der Ökonom Jeremy Bowles von der London School of Economics hat 2014 eine Untersuchung vorgelegt, wonach durch Automatisierungsschübe binnen zwei Jahrzehnten in Deutschland 51 Prozent aller heutigen Jobs verloren gehen könnten. Maschinen als Jobkiller?

In unserer Kultur gibt es eine tief verwurzelte Angst vor Maschinen, die von Science-Fiction-Filmen genährt wird. Hollywood malt in düsteren Bildern, was der Menschheit droht, wenn Computer oder „Die Matrix“ die Weltherrschaft übernehmen.

Roboter im Krieg

Die Frage, die die Welt in Bann hält, lautet: Wozu ist künstliche Intelligenz imstande – und werden Maschinen irgendwann klüger sein als der Mensch. Im Schach ist der Computer dem Menschen bereits überlegen. In Googles geheimen Laboren tüfteln Forscher an selbst lernenden Computern, also an Maschinen, die sich selbst Dinge beibringen.

Der Taxidienstleister Uber arbeitet an selbst fahrenden Autos, in denen es keinen Taxifahrer mehr braucht. Bei der Nachrichtenagentur Associated Press werden Algorithmen eingesetzt, die zum Beispiel Börsen- oder Sportberichte schreiben. Der Roboter als Journalist.

Doch können Maschinen wirklich so denken wie Menschen? „Tatsächlich sind Maschinen nur so ‚schlau‘, wie wir sie programmieren“, sagt Martin Hägele, der beim Fraunhofer-Institut die Abteilung Roboter- und Assistenzsysteme leitet. „Der Intelligenzgrad der heutigen Roboter ist verglichen mit den bekannten Kinovorlagen ernüchternd.“ Kognitive oder kreative Fähigkeiten des Menschen werden für die Maschinen bis auf lange Zeit uneinholbar sein, so Hägele.

Ortwin Renn, Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart, schlägt in dieselbe Kerbe. Im Gespräch mit unserer Zeitung sagte er: „Bei jeder­ Entscheidung stellen sich zwei Fragen: Erstens, was folgt daraus? Und zweitens: Wie wünschenswert sind diese Konsequenzen?“ Die künstliche Intelligenz, so Renn, könne zwar die Folgen abschätzen, aber nicht, wie wünschbar diese sind.

Der Computer kann noch nicht nachdenken

Renn macht dies am Beispiel des Klimawandels deutlich: Hochleistungsrechner können zwar berechnen, um wie viel Grad Celsius die globale Temperatur bis ins Jahr 2100 steigen wird. Der Rechner könne aber nicht sagen, welche Kraftwerke man abschalten muss, um Emissionen zu begrenzen. Klimakatastrophe oder Wirtschaftskatastrophe? „Der Computer kann nicht den Diskurs simulieren“, sagt Renn.

Andererseits stellen uns Roboter vor ganz neue ethische Herausforderungen. In Zukunft könnten Kampfroboter in den Krieg ziehen. Schon jetzt werfen ferngesteuerte Drohnen Bomben über Kriegsgebiete an. „Anlass zur Besorgnis besteht dann, wenn Roboter anfangen, selbstständig zu agieren“, sagt der Techniksoziologe Gerd-Günter Voß von der TU Chemnitz. „Wir müssen aufpassen, dass Kampfroboter nicht hinter unserem Rücken Entscheidungen treffen.“

Der Mensch fälle intuitive Entscheidungen, die nicht logisch sind und sich aus menschlicher Erfahrung speisen. Die Maschine könne das nicht. Zwar treffen auch Soldaten „fürchterlich unethische Entscheidungen“, so Voß. Doch bei einem Kampfroboter ist die moralische Verantwortbarkeit komplexer. Angenommen, Militärstrategen programmieren einen Algorithmus zur Taliban-Erfassung. Wenn zehn von zwölf Kriterien zutreffen, schlägt der Roboter zu. Was aber, wenn er irrt?

Rund 2000 Forscher haben sich kürzlich gegen den Einsatz von autonomen Waffensystemen ausgesprochen. In einem Brief warnen sie vor einem Wettrennen bei der Einführung von Kampfrobotern, die anhand von definierten Kriterien über das Leben eines Menschen entscheiden. „Autonome Waffen könnten zur Kalaschnikow von morgen werden“, schreiben die Experten. Wer haftet dafür, wenn ein verselbstständigter Kampfroboter ein Krankenhaus bombardiert? Der Staat? Der Entwickler? Oder die Maschine selbst?

Kampfroboter sind wie Kampfhunde

Techniksoziologe Renn vergleicht Kampfroboter mit Kampfhunden: „Derjenige, der den Roboter hält, ist verantwortlich.“ Die Verantwortung dürfe nicht auf die Maschinen abgewälzt werden. Und wie aggressive Tiere müssten Kampfroboter an die Kandare genommen werden. Ein Maulkorb für Roboter sozusagen.

1942 schrieb Isaac Asimov eine Kurzgeschichte namens „Runaround“, in der er Gesetze für das Verhalten von Robotern aufstellte. Das erste Gesetz lautet: „Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen (wissentlich) Schaden zugefügt wird.“ Das klingt sperrig und ist auslegbar. Die zentrale Aussage aber lautet: Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen. Es würde nicht verwundern, wenn Asimov auch hier seherische Fähigkeiten gehabt hätte.