Robert Schwentke (Mitte) mit seinen Hauptdarstellern Shailene Woodley und Theo James. Foto: dpa

Wer Blockbuster-Regisseur werden will, sollte in Tübingen Philosophie studiert haben und Stammgast im Kommunalen Kino Stuttgart gewesen sein. Im Fall Robert Schwentkes hat das geklappt. Wir haben ihn bei der „Insurgent“-Premiere in Berlin getroffen.

Herr Schwentke, wir kennen uns aus Tübingen. Wir haben dort Ende der 1980er zusammen studiert.
Ja, das stimmt.
Heute werden Ihnen Zig-Millionen-Budgets anvertraut, und Sie durften schon Bruce Willis oder Jodie Foster sagen, wo es langgeht. Was habe ich falsch gemacht?
Sie sind nicht rechtzeitig abgehauen.
Das heißt, die vier Semester, die Sie Literaturwissenschaften und Philosophie studiert haben, waren vertane Zeit.
Nein, überhaupt nicht. Ich liebe nach wie vor Philosophie und Literatur. Ich habe aber auch immer schon Filme geliebt, schon als Kind Super-8-Filme gedreht. Was ich lange nicht kapierte, war, dass man daraus einen Beruf machen kann. Im dritten Semester ist dann der Groschen gefallen. Ich habe damals in Stuttgart bereits 16-Millimeter-Filme mit der Filmgalerie 451 und Frieder an der Kamera gemacht. Ich habe dann endlich gemerkt, dass ich das, was ich bis dahin als Hobby verstanden habe, als Beruf betreiben muss und dass das, was ich studiere, eigentlich mein Hobby sein sollte.
Und dann sind Sie nach Los Angeles gegangen, um Film zu studieren?
Ich komme aus einer akademisch geprägten Familie, und meine Eltern waren erst etwas betrübt. Die haben dann aber gesagt: Wenn du wirklich Filme machen möchtest, dann geh nach Amerika. Das war mir sehr recht. Die 1980er Jahre waren ja eine ziemlich dunkle Zeit für den deutschen Film. Die amerikanischen Filme habe ich zwar nicht immer gemocht, aber ich fand gut, dass sie immer noch Geschichten erzählen wollten.
Sie arbeiten jetzt seit zehn Jahren in Hollywood, wie fällt Ihre Bilanz aus?
Ich hatte sehr, sehr viel Glück. Ich darf Filme machen, etwas Größeres hätte ich mir nie wünschen können.
Ist es für einen kreativen Menschen nicht eine undankbare Aufgabe, in eine vorgegebene Science-Fiction-Welt wie die von „Die Bestimmung“ einzusteigen?
Nein. Es gibt da allerdings Unterschiede. Bei „Star Wars“ zum Beispiel gibt es extrem vorgeformte Ideen dafür, wie das werden soll. Ich glaube nicht, dass ich das erfüllen könnte. Zu „ Insurgent“ muss ich sagen, dass ich die „Die Bestimmung“-Bücher sehr gemocht habe. Ich bin ein großer Fan von Bildungsromanen. Und als der zweite Film an mich herangetragen wurde, habe ich überhaupt nicht gezögert. Und ich hatte enorme Freiheit. Es gibt große Unterschiede zwischen dem Roman, dem ersten Drehbuch und dem fertigen Film. Und da bin ich nicht unschuldig dran. Ich hatte nicht das Gefühl, ein Erfüllungsgehilfe zu sein.
Es gibt gerade viele solche Coming-of-Age-Geschichten im Kino, die in düstere Science-Fiction-Szenarien verpackt werden. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich erinnere mich noch sehr gut an meine eigene Jugend. Wenn man da nicht auf die richtige Party eingeladen wird oder wenn ein bestimmtes Mädchen nicht Ja sagt, dann ist das der Weltuntergang. Die Amerikaner haben dafür, alles als eine Katastrophe zu erleben, sogar ein eigenes Verb erfunden, „to catastrophize“. Ich glaube, dass dystopische Fantasien diese riesengroßen Gefühle, die man nicht versteht, in eine Welt projizieren, in der diese auf einmal Sinn ergeben.
Ich habe vorhin auch mit Shailene Woodley und Theo James, den beiden Hauptdarstellern in „Insurgent“, gesprochen. Während Woodley findet, dass Sie ein sehr deutscher Regisseur sind, fand James das überhaupt nicht. Was denken Sie selbst?
Man sagt ja immer, Deutsche sind fleißig und pünktlich. Fleißig bin ich und pünktlich meistens auch. Vielleicht stimmt es also. Auf der anderen Seite frage ich mich, woher Shailene eigentlich wissen will, was typisch deutsch ist. Die war bisher nur mal kurz in München. Und das ist ja was ganz anderes.
Behandelt Hollywood Ausländer wie Sie eigentlich gleichberechtigt?
Klar. Wenn dein Film funktioniert, ist es völlig egal, wo du herkommst.
Haben Sie manchmal Heimweh?
Großes, großes Heimweh. Ich bin oft hier. Und ich erziehe meine Kinder zweisprachig.
Stimmt es, dass Sie nach den zwei noch ausstehenden „Divergent“-Filmen nach Deutschland zurückkehren, um die Komödie „Der Hauptmann“ zu drehen?
Richtig ist, dass ich dann in Deutschland und in Polen drehe. Eine Rückkehr würde ich das jetzt nicht gleich nennen.
Mal andersherum: Was kann das deutsche Kino, was das US-Kino nicht kann?
Ich bin ein großer Fan der Kulturförderung. Dass es das hier gibt, ist ein großer Unterschied. Ich finde es gut, wenn das Kino wie das Theater oder die Oper subventioniert wird. Dass man einen Freiraum schafft für Filme, die nicht nur aus kommerziellen Gründen gemacht werden. Man braucht aber auch Orte, in denen diese Filme gezeigt werden können. So ein Ort war ja das ­Kommunale Kino in Stuttgart.
Das es nicht mehr gibt.
Ja, leider. Dort habe ich viele meiner schönsten Kinoerlebnisse erfahren. Weil die so tolle Retrospektiven gemacht haben. Tarkowskis „Andrej Rublijow“ habe ich da zum Beispiel zum ersten Mal gesehen. Das war atemberaubend. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich habe dort viel Experimentelles gesehen. Oder Filme des Cinema Novo aus Brasilien. Es ist unheimlich schade, dass das Kommunale Kino in Stuttgart nicht mehr existiert.
Bevor Sie Starregisseur in Hollywood wurden, haben Sie auch „Tatort“-Drehbücher geschrieben. Würden Sie Ja sagen, wenn man Ihnen die Regie einer „Tatort“-Folge anbieten würde?
Die würden mich zwar nicht ernst nehmen, wenn ich sage: Bitte lasst mich einen „Tatort“ drehen. Aber es stimmt, ich würde das sehr gerne machen. Ich habe ja auch schon Serienpiloten fürs US-Fernsehen gedreht. Zum Beispiel den für „Lie To Me“ mit Tim Roth. Das Tolle am Fernsehen ist, dass man da in zwölf Tagen 50 Minuten dreht. Das ist so richtig Punkrock. Da muss man täglich wach und ganz da sein. Toll!
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