Die RKH – hier das Krankenhaus Ludwigsburg – können weiter mit finanzieller Unterstützung durch den Landkreis rechnen. Foto: Simon Granville

Ohne einen kräftigen Zuschuss kämen die RKH Kliniken in gewaltige finanzielle Schieflage. Mehr als 21 Millionen wird das Defizit in diesem Jahr voraussichtlich betragen – und bis die Krankenhausreform greift, wird es auch nicht besser.

Es ist ein bisschen die Tragik des Arztes, der vielen geholfen hat, sich selbst aber nicht helfen kann: Die RKH Kliniken erwarten für das laufende Jahr ein Defizit von knapp 21,4 Millionen Euro. Und aus dieser finanziellen Misere kommen sie nicht aus eigener Kraft raus. Sie brauchen dazu die Hilfe des Landkreises. In den kommenden drei Jahren werde sich die Lage ebenfalls nicht bessern, sagte der Kliniken-Geschäftsführer Jörg Martin am Freitag. Bis die Krankenhausreform greife, brauche man Unterstützung. Und: Der Zuschussbedarf werde eher größer, auf keinen Fall geringer.

 

Gründe für die schlechte Finanzlage gibt es viele, sagte die Regionaldirektorin Anne Matros: Die Kosten für Leiharbeit seien hoch – so verdient etwa eine Pflegekraft, die über eine Leiharbeitsfirma im Krankenhaus arbeitet, mehr als eine regulär dort angestellte –, während man von den Kosten aber nur 60 Prozent finanziert bekomme. Auch die Tariferhöhung, wiewohl diese gerechtfertigt sei, werde im kommenden Jahr beim Klinikenverbund mit etwa 35 Millionen Euro zu Buche schlagen. Hinzu kommt, so Martin: „Wir können immer weniger selbst erwirtschaften.“ Wegen des Fachkräftemangels können zurzeit 177 Betten nicht belegt werden, die man eigentlich brauche. Betroffen davon seien die Normalstationen, aber auch die Funktionsbereiche wie OP und Kreißsäle gleichermaßen. Ein weiterer Punkt: Das ambulante Operieren bringt weniger ein als eine OP mit nachfolgender stationärer Behandlung. Und schließlich reißen auch die gestiegenen Sachkosten ein Loch in die Kasse.

Kreistag erwartet Stärkung durch die Krankenhausreform

Ein wenig gestopft wird dieses Loch durch den Energie-und Inflationsausgleich. 12,5 Millionen erhalten die RKH Kliniken, auf die Krankenhäuser Ludwigsburg und Bietigheim entfallen dabei 7,5 Millionen Euro. Aber: „Das Jahr ist noch nicht vorüber, wir sind noch nicht auf Plan. Es ist unsicher, wann das Geld tatsächlich kommt“, sagte der kaufmännische Direktor Axel Hechenberger.

Im Kreistag herrschte trotz des Defizits Zuversicht, dass die RKH gestärkt aus der Krankenhausreform herausgehen wird. Darüber hinaus gab das Gremium der RKH-Leitung Rückendeckung für finanzielle Unterstützung. Man werde, betonte FW-Rat Dirk Schaible, die Kliniken nicht im Stich lassen. Es gab jedoch auch Kritik. Im Gesundheitscampus Marbach liege eine große Chance, doch es müsse schneller gehen. „Die ersten Schritte sind gemacht, aber wir müssen deutlich mehr machen“, appellierte Schaible. „Die Zeit läuft“, mahnte Peter Schimke (Linke). Ralf Trettner (CDU) sieht es genauso. Der Prozess in Marbach sei „zäh wie Leder“. Seine Fraktion könnte sich vorstellen, mit externer Hilfe schneller voranzukommen. Der Landrat Dietmar Allgaier machte allerdings darauf aufmerksam, dass man sich im Aufsichtsrat darauf verständigt habe, Investitionsentscheidungen erst zu treffen, wenn es Klarheit über die künftige Krankenhausfinanzierung gebe.

Einige Kliniken werden nicht überleben

Insgesamt machten 70 Prozent der Kliniken in Baden-Württemberg ein Defizit, so Martin. Einige würden das nicht überleben. Das Krankenhaus in Bietigheim gehöre entgegen anders lautender Gerüchte aber nicht dazu. Denn nun sei klar, dass man nach der Reform unabhängig vom Level verschiedene sogenannter Leistungsgruppen anbieten könne, also beispielsweise Fachgebiete wie Urologie oder Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Darüber, wer was anbieten darf, haben die Länder die Hoheit.

Die Reform sieht vor, dass das Pflegebudget ab dem Jahr 2025 20 Prozent des Krankenhauseinkommens ausmacht, das sogenannte Vorhaltebudget – also die Tatsache, dass man die Leistungen und die entsprechenden Geräte überhaupt anbieten kann – 40 Prozent und die bislang dominierenden Fallpauschalen ebenfalls 40 Prozent. Klingt gut, hat aber laut Martin einen Haken: Die Fallpauschalen sind niedriger als bislang. Und das bedeute: „Das Land muss alle Investitionskosten tragen, weil man die nicht mehr selbst verdienen kann. Es ist dasselbe Hamsterrad, nur schneller. Und wir können immer weniger selbst erwirtschaften.“ Ein Wunsch von Martin wäre, dass der Anteil des Vorhaltebudgets steigt.

Ein weiterer Wunsch Martins ist eine Reduzierung der Bürokratie. Der Aufwand dafür liege sowohl bei den Pflegekräften als auch bei den Ärzten bei etwa 30 Prozent. Und das sorge auch für Frust.

Künftig telefonische Vorauswahl für die Notaufnahme

Für die Zukunft setzt man bei den Kliniken unter anderem auf künstliche Intelligenz und Telemedizin. Neues gibt es auch von der Notaufnahme: Um zu verhindern, dass dort Patienten hingehen, die von einem normalen Arzt behandelt werden können, soll ab dem ersten Quartal 2024 eine Vorauswahl per Telefon oder per PC erfolgen. Medizinische Fachangestellte stellen bei einem Anruf vorgegebene Fragen und sortieren anhand der Antworten aus, ob die Beschwerden ein Fall fürs Klinikum, für einen Facharzt oder den Hausarzt sind. Eine Überlastung der Telefonleitung mit langen Wartezeiten, wie man sie oft unter der 116 117 erlebe, sei ausgeschlossen, versicherte Jörg Martin.

Was wird mit der Pflegeschule?

Provisorium
  Das Gebäude in der Meiereistraße in Ludwigsburg wird Ende dieses Jahres geräumt, die Schule zieht dann ins Kornwestheimer Salamander-Areal um, wo man einen Vertrag bis Ende 2027 hat – mit der Option auf Verlängerung, falls sich der Bau der neuen Pflegeschule in Marbach verzögert.

Neubau
 Die bisherige Pflegeschule wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Dort soll dann das ambulante Tumorzentrum zu finden sein, außerdem die psychiatrische Institutsambulanz und das sozialpädiatrische Zentrum.

Kritik Im Kreistag mahnte Ralf Trettner (CDU), die Zwischenlösung mit der Pflegeschule in Kornwestheim sei gut, koste aber auch Geld. Umso wichtiger sei es, beim Tempo zuzulegen.