Schon in jungen Jahren fangen die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule an zu degenerieren. Ein Bandscheibenvorfall ist die mögliche Folge. Wir klären die wichtigsten Fragen zum Thema.
Stuttgart - Normale Alterungsprozesse und die genetische Veranlagung führen zum Verschleiß der Bandscheiben bis hin zu einem Bandscheibenvorfall. Mitunter bleibt dieser völlig beschwerdefrei. Reißt aber der Faserknorpelmantel ein und die austretende Gallertmasse drückt auf einen Nerv, wird es schmerzhaft. Die wichtigsten Fragen zum Thema:
Was tun beim akuten Bandscheibenvorfall?
Abwarten und Tee trinken, denn der Wassergehalt der geschädigten Bandscheibe verringert sich innerhalb von ein paar Wochen, sie schrumpft und der Druck auf den gequetschten Nerv wird kleiner. Damit nehmen die Schmerzen ab. „Maßnahmen wie Schmerzmittel, Physiotherapie, manuelle Therapie und Krankengymnastik über eine Dauer von 6 bis 12 Wochen machen die Schmerzen und damit die Wartezeit erträglicher“, sagt der Orthopäde Farzam Vazifehdan, Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums der Diakonie-Klinik Stuttgart. Versagen diese konservativen Maßnahmen, kann ein Neuroradiologe entzündungshemmendes Kortison in Verbindung mit einem Schmerzmittel direkt an den Ort der Schmerzentstehung injizieren. „Das Kortison führt zur Abschwellung am eingequetschten Nerv und beseitigt so die lokale Reizung“, erklärt Oberarzt Gottlieb Maier, Leiter Spinale Neurochirurgie am Spine Center des Klinikums Stuttgart.
In welchen Fällen ist ein operativer Eingriff nötig?
„Ein operativer Eingriff sollte erfolgen, wenn deutliche Lähmungserscheinungen auftreten oder Blase oder Darm nicht mehr kontrolliert werden können. Ebenso wenn Schmerzen in den Beinen und Gefühlsstörungen nach konservativer Therapie nicht besser werden“, fasst Maier zusammen. Trotzdem sei es letztendlich eine Entscheidung, die speziell für und mit jedem einzelnen Patienten zu treffen ist. „Wir müssen eben auch berücksichtigen was die Patienten wollen“, erzählt Vazifehdan. „Aber“, so der Stuttgarter Orthopäde, „es ist auch wichtig, dass die Patienten realisieren, dass man sich zwar ein neues Auto kaufen kann, bei einer Operation aber keine neue Wirbelsäule bekommt. Eine Operation ist ein Kompromiss“, gibt Vazifehdan zu Bedenken. „Wir versuchen als Team aus Orthopäden und Neurochirurgen für den Patienten immer das Optimum zu erreichen.“ Aber es sei wichtig, dass die Menschen bewusster mit ihrem Körper umgehen. Gesundheit könne man sich nicht kaufen, man müsse selbst daran arbeiten.
Welche Vor- und Nachteile haben die unterschiedlichen OP-Verfahren?
Die mikrochirurgische Entfernung des geschädigten Gewebes erfolgt mit Spezialmikroskop in Vollnarkose. Im betroffenen Segment der Wirbelsäule schneidet der Chirurg die Haut auf zwei bis drei Zentimeter Länge auf und holt das vorgefallene Bandscheibenmaterial mit einer winzigen Zange heraus. Die Schlüssellochchirurgie benötigt dagegen nur einen Hautschnitt von etwa einem Zentimeter Länge und ist oft unter lokaler Betäubung möglich. „Das Verfahren ist viel gewebeschonender, weil Muskeln nicht abgelöst werden müssen, und damit auch die Narbenbildung im Zugangsbereich geringer ist“, so Vazifehdan. Die Zeit bis der Operierte wieder fit ist sei kürzer. „Bislang gibt es nur wenige randomisierte Studien, die aber zeigen, dass langfristig die Erfolgsrate bei der mikrochirurgischen Diskektomie und der endoskopischen Diskektomie etwa gleich ist“, sagt der Wirbelsäulenchirurg. Das endoskopische Verfahren ist jedoch nicht für alle Bandscheibenvorfälle optimal geeignet. „Es bietet vor allem Vorteile bei Patienten mit frischem, also noch nicht verkalktem Bandscheibenvorfall, und wenig knöchernen Veränderung im Spinalkanal“, sagt Maier. Bei fünf bis zehn Prozent der Operierten kann erneut ein Bandscheibenvorfall auftreten. In diesen Fällen ist der Defekt am Faserknorpel nicht mehr richtig zugeheilt.
Wie entsteht eine Engstelle des Spinalkanals?
Manche Menschen haben anlagebedingt einen zu engen Spinalkanal. In anderen Fällen liegt es am Bewegungsmangel, Übergewicht und Fehlhaltungen. Etwa 20 Prozent der über 60-Jährigen haben eine Spinalkanalverengung. „Aufgrund der Abnutzung der Bandscheibe im mittleren bis fortgeschrittenen Lebensalter wird sie flacher, wölbt sich unter der Belastung auf beiden Seiten des Segmentes vor. Ganz wie ein Reifen, der Luft verliert“, sagt Christian Knop, Ärztlicher Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie und Sprecher des Stuttgart Spine Centers. Beim Versuch des Körpers, das Segment zu stabilisieren, wird alles noch schlimmer: „Wie ein Baum am Abhang mehr Wurzeln bildet, um sich zu stabilisieren, verdickt sich das gelbe Band, und es bilden sich knöcherne Anbauten an den Wirbeln“, beschreibt Maier den Prozess. Die Folge: Durch diese stabilisierenden Maßnahmen und das zwischen zwei Wirbeln hervorquellende Gewebe kommt es lokal an der Nervenwurzel oder am Rückenmark zu einer Enge.
Wann muss behandelt werden?
„Die Stenose muss nur dann behandelt werden, wenn die Beine bei längerem Gehen und Stehen kraftlos werden oder Ischias-artige Schmerzen in den Beinen auftreten“, so Knop. Liegen und Fahrradfahren in geneigter Haltung verringern den Druck auf den Nerv, gehen also relativ gut.
Wie wird die Spinalkanalstenose behandelt?
„Bei Patienten im Alter 60 plus ist zunächst eine konservative Therapie ratsam, wobei man sich darüber klar sein sollte, dass mit der Langzeiteinnahme von Schmerzmitteln gesundheitliche Risiken verbunden sein können“, sagt Knop. „Damit gewinnen wir Zeit, erzielen aber keine Erweiterung des Kanals.“ Nehme die Enge nicht weiter zu, sei es später nicht nötig, die verengte Stelle operativ zu weiten, um Druck von den Nervenwurzeln zu nehmen. Normalerweise nimmt die Einengung aber zu. Bei jüngeren Patienten kann es zu großen Einschränkungen im täglichen Leben kommen, so dass eine OP nötig ist. „Letztendlich ist es eine Einzelfallentscheidung“, so Knop.
Was wird bei einer OP gemacht?
Im Rahmen einer mikrochirurgischen Dekompressions-Operation unter einem Spezialmikroskop wird das am Spinalkanal verlaufende gelbe Band entfernt, eine kleine Öffnung in den Spinalkanal gefräst und etwas vom Knochen, der auf den Nerv drückt, entfernt. Die Wirbelsäule bleibt dabei stabil. Bei vier von fünf Patienten bessern sich die Schmerzen in den Beinen deutlich. Bei etwa jedem zehnten Operierten ist später eine Versteifungs-OP mit Verschraubungen nötig.
Wann ist eine Versteifung nötig? Welche Risiken bestehen dabei?
Eine Versteifung mit einem System aus Schrauben und Metallstäben muss erfolgen, wenn zusätzlich zur Enge auch noch die Wirbel des Segmentes um drei bis vier Millimeter verschiebbar sind, also eine deutliche Instabilität vorliegt. „Nach der Operation werden benachbarte Wirbelsegmente stärker belastet. Es besteht das Risiko, dass sie ebenfalls degenerieren. Deshalb sollte nicht zu früh und möglichst selten operiert werden“, warnt Maier. Aber auch das Metallimplantat selbst wird belastet. „Hält die Biegebelastung über Monate an, brechen die Stäbe irgendwann“, warnt Knop. Deshalb sei es nötig, eine knöcherne Verbindung der Nachbarwirbel herzustellen. Dann würde das Implantat weniger belastet. Versteifung klingt nach Unbeweglichkeit. Knop sieht das anders: „Diese Menschen haben Schmerzen, sind deshalb unbeweglicher. Werden die Schmerzen durch die Versteifungsoperation beseitigt, macht sie das beweglicher.“