Superschwergewichtler Jello Krahmer vom ASV Schorndorf fehlt es an Geld, um sich optimal auf Paris 2024 vorbereiten zu können – dabei will er bei den Sommerspielen den Sprung aufs Treppchen schaffen.
Im Hochleistungssport geht es um Siege, Titel, Medaillen. Und manchmal noch um ein bisschen mehr. Wie es sich anfühlt, genau im richtig Moment den Gipfel der eigenen Leistungsfähigkeit zu erreichen, weiß Jello Krahmer seit ein paar Wochen: In Baku schaffte der Ringer vom ASV Schorndorf die Qualifikation für die Olympischen Spiele – weil er stärker war als je zuvor. Nun geht es darum, bis Paris noch einmal zuzulegen. Dieser Kraftakt wird jedoch alles andere als einfach.
Frank Stäbler (34), der dreimalige Weltmeister aus Musberg, ist das beste Beispiel dafür, wie sehr es im Ringen auf Eigeninitiative ankommt. Er baute den heimischen Hühnerstall zur Trainingshalle um, lud sich Sparringspartner ein und arbeitete wie ein Besessener auf die Sommerspiele 2021 hin. In Tokio beendete er seine Karriere mit der Bronzemedaille. Jello Krahmer (28) hat noch ein paar Jahre vor sich. Sein Weg aber könnte ähnlich aussehen.
Für die optimale Vorbereitung fehlt das Geld
Im Gegensatz zu vielen anderen olympischen Verbänden ist der Deutsche Ringer-Bund nicht in der Lage, seinen Sportlern eine optimale Vorbereitung auf Paris 2024 zu garantieren – zumindest nach Meinung von Sedat Sevsay. „Unserem Verband fehlt das Geld, um den Kaderathleten durchweg eine professionelle Betreuung und Trainingsbedingungen bieten zu können“, sagt der Stiefvater, Mentor und Heimtrainer von Jello Krahmer, der zugleich auch Coach des Bundesligisten ASV Schorndorf ist. Weshalb nun selbst Hand angelegt wird.
Schon vor dem Olympia-Qualifikationsturnier hat sich Jello Krahmer einen starken Sparringspartner nach Schorndorf eingeladen, um auf Top-Niveau trainieren zu können. Dies würde der Superschwergewichtler (bis 130 Kilogramm, griechisch-römisch) vor dem Höhepunkt in Paris gerne wieder tun. Doch es gibt zwei Probleme: Ort und Geld.
Spendenaktion in Schorndorf
Athleten, die Krahmer eine optimale Vorbereitung ermöglichen können, müssen aus dem Ausland eingeflogen und bezahlt werden, zudem entstehen Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Dazu kommt, dass die Burg-Turnhalle, in der die Schorndorfer Ringer normalerweise trainieren, auch von Schulen und anderen Vereinen genutzt wird. Es müsste also eine alte Lagerhalle oder ein ähnlich geeignetes Gebäude angemietet und zur Trainingsstätte umfunktioniert werden. „Zwischen 15 000 und 20 000 Euro werden nötig sein, damit Jello Krahmer sich in Bestform bringen kann“, sagt Sedat Sevsay. Weil weder der Athlet noch sein Verband so viel Geld aufbringen können, hat der ASV Schorndorf nun eine Spendenaktion zugunsten von Krahmer initiiert, in der Stadt wird intensiv für dessen Projekt Olympia-Medaille geworben – auch mit dem Versprechen, dass die komplette Summe für die Vorbereitung des Ringers verwendet wird.
Wenn alles klappt? Hätte Krahmer das große Plus, sich keine Gedanken mehr über das teilweise skurrile und nicht immer logische Sportfördersystem in Deutschland machen zu müssen. Er könnte das tun, was er am liebsten macht: sich auf seine eigene Leistung konzentrieren. Wie vor sechs Wochen in Aserbaidschan.
Wettkampfarena im Herzen von Paris
In Baku nutzte der Muskelmann aus Schorndorf seine vorletzte Qualifikationschance auf eindrucksvolle Art und Weise. Nach 3:1-Siegen gegen Darius Attila Vitek (Ungarn) und Romas Fridrikas (Litauen) stand er im Halbfinale. Dort traf er auf den dreimaligen Olympiateilnehmer Alin Alexuc Ciurariu (Rumänien) – und sicherte sich durch ein nicht erwartetes 6:1 das Olympia-Ticket. „Ich habe mich total verausgabt, mit enormer Aggressivität und Intensität gekämpft“, sagt Krahmer, „im übertragenen Sinn war ich bereit, auf der Matte zu sterben.“ Belohnt wurde der Athlet für seine Hingabe mit dem schönsten Moment seiner Karriere und der Erkenntnis, dass er zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist, wenn alles zusammenpasst. Das erhofft er sich nun auch für die Spiele in Paris.
Am 1. August wird Jello Krahmer ins Olympische Dorf einziehen, sein Wettkampf findet am 5. und 6. August in der Arena Champ-de-Mars im Herzen der Stadt unweit des Eiffelturms statt. „Noch tue ich mich schwer damit, mir vorzustellen, wie die Spiele werden“, sagt der Ringer, „fest steht nur, dass es gigantisch wird. Für mich geht ein Lebenstraum in Erfüllung.“ Dafür reicht allein schon die Teilnahme – zufrieden geben wird sich Jello Krahmer damit aber nicht.
Der Favorit kommt aus Kuba
Der Kapitän des ASV Schorndorf will auf der ganz großen Bühne eine Medaille gewinnen. Es gibt zwar vier, fünf Konkurrenten, die stärker einzuschätzen sind, aber auch zehn andere auf Augenhöhe. Ein bisschen Glück bei der Auslosung ist nötig, um dem kubanischen Superstar Mijaín López Núñez (Olympiasieger 2008, 2012, 2016, 2021 sowie Weltmeister 2005, 2007, 2009, 2010k, 2014) aus dem Weg zu gehen, ansonsten vertraut Krahmer aber voller Zuversicht auf seine Stärke. „Wenn ich noch einmal an das Maximum meines Leistungsvermögens herankomme“, sagt er, „dann ist ein Platz auf dem Podium möglich.“ Womit sich jeglicher Kraftakt in der Vorbereitung absolut gelohnt hätte.