Es war ein Heimspiel für den Bietigheim-Bissinger Rin in der Schleyerhalle. Foto: Pressefoto Horst Rudel/Horst Rudel

Oh Junge! Rins Tourauftakt in der Stuttgarter Schleyer-Halle entführt in ein Nimmerland, in dem sich sentimentale Teenie-Träume, Dada und Autotune gefühlvoll die Hand reichen. Ein neues Festival wurde auch verkündet.

Stuttgart - Von Bietigheim-Bissingen auf den Rap-Olymp. Die „Zeit“ nannte ihn unlängst den „Rio Reiser der Generation Autotune“: Rin, der Bietigheim-Bissinger Deutschrapper, feierte am Freitag mit dem Auftakt seiner Tour in der Stuttgarter Schleyer-Halle sein neues Album „Nimmerland“ – ein Heimspiel für den rothaarigen Renato Simunovic, wie Rin bürgerlich heißt. „Es war mein größter Lebenstraum, hier einmal auf der Bühne zu stehen“, erzählte Rin, der sich auch an seinen ersten Besuch in der Stuttgarter Schleyer-Halle erinnerte. Es war ein Wrestling-Abend.

„Glitzer, Glitzer“

Sein stilecht in einer Premiumbox im roten Nike-Schuhkarton mit „Ljubav“-Swoosh (kroatisch für Liebe) inklusive T-Shirt, Poster und Armbändchen geliefertes Album ist längst kein Punk mehr. Hochwertig und fast nerdhaft produzierte Melodien, nachahmungswürdige Adlibs á la „Glitzer, Glitzer“, „Oh Junge“ und „Space“ – und natürlich eine Kollabo mit dem Rap-Rentner der Republik (Sido, für alle, die nicht Vox gucken) machen die Platte zu einem Gesamtkunstwerk, das Lines wie „Ich will Immobilien und kein Tom Ford“ in Stein meißelt.

So schön, so kindlich, so künstlich. Schon bevor das Konzert losging, formierten sich Moshpit-Kunstwerke im Publikum, T-Shirts flogen durch die Luft, Oberkörper lagen frei. Rins Publikum kann man an diesem Abend in zwei Gruppen einteilen: Jugend und Jugendwahn-Sinnige, natürlich exquisit gestylt und edel ausgestattet. Während erstere ihre Liebe zur Hormon-Teeanager-Nike-Welt als noch nie dagewesenen Frühling feiert, kann sich Gruppe zwei das neue Hoodie von Supreme auch ohne Zuschuss von Mama und Papa leisten.

Bietigheimication und Weltschmerz

Die Halle ist voll und erwartungsfroh – ein Heimspiel eben. Während Ex-Straßenrapper aus Berlin längst zum Altersheim-Sound gehören oder durch peinliches Polizei-Twitter-Gezwitscher auffallen, geht das Gefühlvolle aus Bietigheim-Bissingen direkt durch das Balenciaga-Shirt ins Herz. Sanfte Melancholie mischt sich mit 808-Beats und Referenzen an die 90er: Bausa schmachtet Retro-Refrains von Echt, Rin rappt Nirvana, Bietigheimication liegt irgendwo zwischen dem Strohgäu und Santa Monica – und der Weltschmerz scheint regelrecht durch dicke Posterschichten aus dem Kinderzimmer zu hämmern. Perfekt für Gruppe zwei, die in den 90ern wohl auch das erste Mal unglücklich verliebt war und nun heilfroh sein kann, dass es damals recht egal war, wie viel dem Baby Instagram-Likes bedeuten.

Der Abend wirkt wie das Album – nämlich aus einem Guss. Nachdem Rin seinen Bietigheimer Kollegen und Freund Bausa umarmt hatte, verkünden die beiden ein neues Festival: „Wir wollen die Welt in die Heimat holen – nach Bietigheim-Bissingen!“ Am 26. Juni 2020 planen die beiden ein eigenes HipHop-Festival.

Der Moshpit tobt und Stuttgart feiert seinen Peter Pan mit Doppelkennzeichen, der an diesem Abend groß ausholt, über ein Heranwachsen und ein über sich hinauswachsen zwischen Drogen, Designerklamotten und Kippen rappt. Bitte nicht so schnell erwachsen werden, wenn du’s schaffst.

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