Manfred Oechsle und seine Kollegen erwecken ein Fahrzeug zu neuem Leben, das 1924 beim Langstreckenrennen Targa Florio auf Sizilien Furore gemacht hat. Getriebe, Lack, Speichen – alles soll so sein wie damals. Das Jubiläum naht, und der Zeitdruck wächst.
Als zehnjähriger Bub hat Manfred Oechsle nach der Schule nur ein Ziel gekannt: ab mit dem Papa in die Werkstatt. Dutzende von Motorrädern standen dort, wollten repariert und aufgemöbelt werden. „Ich bin mit alten Motoren aufgewachsen. Wie die Technik funktioniert und wie sie weiterentwickelt wird, das hat mich immer fasziniert“, sagt Oechsle. Heute ist er 58, und sein jüngstes Projekt ist sein bisher schwierigstes. Auch wegen des Zeitdrucks: bis zum Jubiläum am 27. April muss es fertig sein.
Seit gut einem Jahr arbeitet Oechsle gemeinsam mit Kollegen vom Mercedes Benz Classic Center in Fellbach daran, einen legendären Rennwagen wiederzubeleben. Es ist eines der drei Autos, mit denen die damalige Daimler Motoren Gesellschaft 1924 beim Berg- und Langstreckenrennen Targa Florio auf Sizilien triumphierte. Christian Werner kam als erster nicht-italienischer Gesamtsieger ins Ziel. Sein Wagen ist nicht erhalten, aber derjenige des Zehntplatzierten Christian Lautenschlager. Jahrelang stand er unbewegt im Museum, seit 1937 wurde er nicht mehr gefahren. Jetzt soll der Dornröschenschlaf enden. Zum Jubiläum sind zahlreiche Fahrten bei Oldtimer-Events geplant.
Selbst der Lack soll so authentisch sein wie möglich
Oechsle ist zuversichtlich. Kürzlich ist der generalsanierte Motor ohne Probleme fünf, sechs Stunden auf dem Prüfstand gelaufen. Jetzt geht es darum, ihn mit dem ebenfalls von Grund auf restaurierten Fahrgestell zu vereinen. „Unser Anspruch ist es, so weit wie möglich den ursprünglichen Zustand herzustellen“, sagt Oechsle . „Zu 90 Prozent mit Originalteilen“, schätzt er. Bei Gummiteilen oder beim Lack stößt man dabei an Grenzen, aber auch dort strebt das Team nach Authentizität. Die Karosserie wurde komplett vom Lack befreit und der neue Anstrich nach chemischer Analyse des Urlacks gemischt. „Auf Ölbasis, mit dem Pinsel aufgetragen – ewige Trocknungszeiten!“, stöhnt Manfred Oechsle.
„Brutal interessant“ sei auch das Getriebe, meint er. Eigentlich wie beim Serienmodell, aber doch leicht modifiziert. Am Ende hätten sie jedes einzelne Zahnrad mit den Konstruktionszeichnungen abgeglichen. Und dann die Speichen. „Sie glauben nicht, wie oft ich die gezählt habe.“ Normalerweise seien es 64 gewesen, und der Auftrag bei einem englischen Spezialhersteller war schon platziert. Dann die Überraschung: bei diesem Fahrzeug sind es 70 pro Rad.
Oechsle interessiert sich auch für den historischen Kontext
Die Polster, die leichtgängige Lenkung, die Lederkupplung – Oechsle, der seit 24 Jahren im Classic Center angestellt ist, könnte stundenlang referieren über die Dinge, die ein Mechanikerherz höher schlagen lassen. Aber es ist nicht die Technik allein, die ihn beschäftigt. Er sucht auch ihre Bedeutung im historischen Kontext. Er hat nachgelesen, in welchen Turbulenzen das Unternehmen Anfang der Zwanzigerjahre steckte. Die Pkw-Produktion war im ersten Weltkrieg zum Erliegen gekommen, hohe Inflation und harte Arbeitskämpfe prägten die Stimmung. „Und unbeeindruckt von den politischen Debatten konzentrierte sich eine kleine Gruppe von Technikern ganz auf die Konstruktion eines Rennwagens.“ Unter ihnen übrigens: Ferdinand Porsche, der den vom Gründersohn Paul Daimler entworfenen Motor modifizierte.
„Die Langstreckenrennen hatten eine wichtige Funktion: Man konnte dort demonstrieren, dass Autos zuverlässig und sicher sind“, sagt Oechsle. Die Siege begründeten den Ruf der Marke mit und das Vertrauen bei künftigen Kunden. Und manche Innovation aus dem Rennsport fand bald Eingang in die Serie – wie etwa die Bremsen an allen vier Rädern, die sich bei der Targa Florio bewährt hatten.
Sein eigenes Auto könnte er nicht mehr reparieren, gibt Manfred Oechsle zu. Zu viel Elektronik, zu viel Spezialwerkzeug nötig. Trotzdem sieht er in der Zeitreise in die Technik von 1924 eine Lehre für die Gegenwart: Die ständige Suche nach neuen, besseren Lösungen ist für ihn der zentrale Reiz des Autobaus. Sein Chef Marcus Breitschwerdt würde noch weiter gehen. „Technische Durchbrüche sind unser Erbe“, sagt der Leiter der Mercedes Benz Heritage GmbH, „und zwar gerade in Zeiten großer Herausforderungen.“
Vor solchen steht Mercedes auch aktuell, wobei Elektroautos für den Mechaniker Oechsle technisch ein alter Hut sind. „Die gibt’s seit mehr als hundert Jahren“, sagt er. Die Herausforderungen lägen bei den Batterien und damit bei der Reichweite, meint er. In seiner Freizeit widmet er sich lieber anderen Antrieben: „Mich faszinieren Dampfloks.“
Die Targa Florio von 1924
Langstrecke
Vier Runden à 108 Kilometer gab es beim Langstreckenrennen Targa Florio in den Bergen um Palermo zu bewältigen. Christian Werner brauchte bei seinem Gesamtsieg im Mercedes mit Zweilitermotor dafür 6:32:37 Stunden. Die Wertung „Bestes Fabrikteam“ gewann er gemeinsam mit Christian Lautenschlager (Platz 10) und Alfred Neubauer (15).
Tarnfarbe
Mercedes trat in Sizilien nicht in der üblichen weißen Rennfarbe deutscher Hersteller an, sondern lackierte die Autos rot – wie die Italiener. Damit hoffte man auf weniger Störaktionen der Zuschauer an der Strecke.