Apotheken müssen häufig recherchieren, woher sie verschriebene Medikamente bekommen. Lieferengpässe beeinträchtigen die Versorgung. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Mensch verliert den Vorsprung gegen gefährliche Keime. Das wirtschaftliche Interesse der Pharmabranche an der Entwicklung immer neuer Wirkstoffe ist begrenzt. AOK-Medizinexperte Jan Michael Barth sieht den Staat in der Pflicht.

In der Medikamentenversorgung kommt es immer wieder zu Problemen – sei es, dass Wirkstoffe nicht verfügbar sind oder Antibiotika wirkungslos werden.

 

Herr Barth, immer wieder kommt es bei Medikamenten zu Lieferengpässen. Drängen Sie durch die Rabattverträge die Pharmaindustrie in Billigstandorte und beeinträchtigen damit die Liefersicherheit?

Die AOK Baden-Württemberg schreibt für die AOK-Gemeinschaft bundesweit die Rabattverträge für zahlreiche Wirkstoffe aus. Legt ein AOK-Versicherter in der Apotheke ein Rezept vor, bekommt er dort das entsprechende Präparat eines günstigen Herstellers, der bei unserer Ausschreibung den Zuschlag erhalten hat. Pharmahersteller behaupten gern, sie könnten angesichts des Kostendrucks durch die Rabattverträge gar nicht anders, als Produktion in Billiglohnländer zu verlagern. Das trifft aber schon deshalb nicht zu, weil es den Trend zur Verlagerung schon seit Jahrzehnten gibt, die Rabattverträge aber erst seit gut zehn Jahren. Unsere Analysen zeigen zudem, dass diese Verträge die Liefersicherheit sogar erhöhen.

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Wie das?

Hersteller, die sich an Ausschreibungen für bestimmte Wirkstoffe beteiligen, müssen bei uns nicht nur günstige Preise bieten, sondern sich auch zu einer zuverlässigen Belieferung verpflichten. Sie müssen zum Beispiel einen Vorrat halten, der den Bedarf für mindestens drei Monate deckt. Das wissenschaftliche Institut der AOK hat die Angaben der Apotheken über nicht lieferbare Medikamente ausgewertet und festgestellt, dass die Liefersicherheit bei Wirkstoffen, die unter die Rabattverträge fallen, höher ist als bei denen, die nicht von diesen Verträgen erfasst sind.

Warum kommt es aber überhaupt so häufig zu Lieferengpässen bei Medikamenten?

Die hohe Abhängigkeit von wenigen Produzenten in Indien und China spielt dafür eine wichtige Rolle. Selbst wichtige Stoffe werden weltweit oft nur von drei oder vier Produzenten hergestellt. Fällt einer davon aus, kann dies die Versorgung in der ganzen Welt beeinträchtigen. Hier wäre es sicher sinnvoll, auch in Europa Kapazitäten aufzubauen, um solche Abhängigkeiten zu verringern.

Besonders schwierig ist die Lage bei Antibiotika. Hier ist nicht nur die Produktion vieler Substanzen weltweit auf wenige Hersteller beschränkt. Es werden ja auch immer mehr Substanzen wirkungslos. Wie groß schätzen Sie dieses Problem ein?

Die Lebenserwartung der Menschen ist heute um mehrere Jahrzehnte höher als noch vor 100 Jahren. Ein guter Teil davon ist den Antibiotika zu verdanken. Mit ihnen lassen sich viele Infektionen bekämpfen, die früher tödlich waren. Schätzungen zufolge werden spätestens 2050 weltweit pro Jahr zehn Millionen Menschen an multiresistenten Keimen sterben – so viele wie heute an Krebs.

Wie lässt sich das ändern?

Im Lauf der Zeit bilden sich Resistenzen gegen Wirkstoffe – vor allem, wenn sie so häufig eingesetzt werden, wie es bisher der Fall ist. Auch hierzulande kommt es immer noch vor, dass sie gegen Viruserkrankungen verschrieben werden, obwohl sie dagegen nutzlos sind. Eine regelmäßigere Aufklärung der Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten wäre hier sinnvoll. Um den Vorsprung gegenüber Resistenzen zu erhalten, ist auch die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika wichtig. Leider ist das wirtschaftliche Interesse der Pharmahersteller an der Entwicklung neuer Substanzen nicht so groß, wie es sein müsste, um die Wirksamkeit beizubehalten. Hier wäre staatliche Unterstützung bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe sehr sinnvoll. Es ist zu hoffen, dass die G-7-Staaten, die derzeit unter der deutschen Präsidentschaft stehen, entsprechende Impulse setzen.

Welche Rolle spielen die Produktionsbedingungen der Pharmahersteller bei den Resistenzen?

Eine sehr große. Es gibt Messungen, wonach in den Abwässern von Pharmaherstellern in Indien verheerend hohe Konzentrationen von Antibiotika vorhanden sind. Die Folgen machen auch vor uns nicht halt. Bakterien, die in diesem Abwasser überleben, sind gegen Behandlungen mit diesen Medikamenten immun. Sie gelangen in die Nahrungskette und besiedeln auch Menschen. Untersuchungen zufolge bringen 80 Prozent der Indien-Reisenden multiresistente Keime mit nach Hause.

Was können wir an den Produktionsbedingungen in Asien ändern?

Seit zwei Jahren haben wir bei den Ausschreibungen für Antibiotika neben dem Preis ein zusätzliches Kriterium, bei dem es um die Abwasserbelastung durch die Produktion geht. Bleibt diese unterhalb eines Grenzwerts, den wir in Abstimmung mit dem Umweltbundesamt festgelegt haben, bekommt das Unternehmen einen Bonus von sechs Prozent und verbessert damit seine Zuschlagschancen. Die AOK erhält dementsprechend einen geringeren Rabatt auf das Arzneimittel. Zusätzlich bis zu zwei Prozent gibt es für Hersteller, die viele unterschiedliche Packungsgrößen anbieten. Dadurch wollen wir vermeiden, dass der Arzt zu große Verpackungen verordnen muss. Es ist verheerend, wenn zu große Mengen Antibiotika abgegeben werden und diese am Ende in der Toilette landen.

Steht es den Pharmafirmen frei, ob sie Ihre Bedingungen zum Schutz der Gewässer erfüllen oder nicht?

Leider ja. Wir können lediglich durch den Bonus einen Anreiz setzen, sich vertraglich zur Sauberhaltung der Gewässer zu verpflichten. Rund die Hälfte der Zuschläge in den letzten Ausschreibungen gingen an Firmen, die diese Verpflichtung eingehen. Aber viele Unternehmen lassen sich auf den Anreiz leider noch nicht ein. Uns wäre es lieber, wir könnten alle Firmen verpflichten, die Einleitung von Antibiotika in Gewässer zu vermeiden.