Marion Holz in der kleinen Werkstatt unter der Bühne im Theater der Altstadt Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Marion Holz arbeitet seit 20 Jahren als Requisiteurin im Theater der Altstadt. Dass sie Sachensucherin, Handwerkerin, Köchin und vieles mehr sein darf, fasziniert sie bis heute.

Eine enge Wendeltreppe führt im Theater der Altstadt im Westen neben der Bühne hinunter in den Lichtkeller. Dort befindet sich die Werkstatt der Requisiteurin Marion Holz. Wer diesen winzig kleinen Raum betreten will, muss in der Tür kräftig den Kopf einziehen. „Mir steht hier aber nur die Hälfte der Arbeitsfläche zur Verfügung“, erklärt Marion Holz und zeigt auf den vorderen Teil.

 

Eine seltsame Konstruktion ruht dort auf der Werkbank. Sie ist wild zusammengebastelt aus einer Weinkiste, einem Kompressor, Sektgläsern und diversen Fundstücken – und könnte doch Symbol sein für das, was Marion Holz an ihrem Beruf begeistert: Die 41-Jährige baut mit einem Maximum an Fantasie bei einem Minimum an Kosten aus unscheinbaren Dingen Requisiten, also Gebrauchsgegenstände für ein Theaterstück, die im Bühnenlicht ein neues Leben entfalten.

Requisiten müssen haltbar und lebensecht sein

„Das ist der Prototyp für ein Odorophon, also eine Maschine, die Gerüche speichern kann“, erläutert Marion Holz die Apparatur vor sich. Das Gerät, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt, hat sie sich für „Harold and Maude“ ausgedacht, ein Bühnenstück nach dem gleichnamigen Film, das am 23. Juni Premiere hat.

Liegt daneben auf der Werkbank gleich ihr Vesper? „Nein“, sagt die Requisiteurin und lacht. Was aus der Ferne wie ein sehr leckeres Canapé aussieht, besteht aus Spülschwämmen, Silikon und Farbe. „Das habe ich für die Festgesellschaft in unserer ,Jedermann‘-Produktion aus ganz banalen Materialien gemacht“, erzählt Marion Holz. Haltbar und lebensecht muss der Bühnenersatz sein. Solches Fooddesign könne man auch kaufen, sagt die Requisiteurin, „aber das ist teuer; und als sparsame Schwäbin überlege ich immer, wie es günstiger geht“.

Der Weg in ihre Werkstatt führte durch das Bühnenbild des Heinz-Erhardt-Abends, drei schlichte Stühle, mehr braucht es nicht für „Noch ’n Gedicht“. Keine ideale Ausstattung für eine leidenschaftliche Bastlerin und Sachensammlerin wie Marion Holz. „Mir sind natürlich Stücke lieber, bei denen es mehr für mich zu tun gibt“, sagt die Requisiteurin, die seit 20 Jahren für das Theater der Altstadt im Westen arbeitet und hier ihren Mann kennengelernt hat. „In einem kleinen Haus habe ich viel mehr Möglichkeiten, mich einzubringen“, so Marion Holz. Auch wenn ihr Mann, ein Veranstaltungstechniker, inzwischen für die Staatstheater tätig ist, sagt sie: „Das Theater der Altstadt ist für mich auch Familie.“

Bei einem Praktikum blieb sie hängen

Als junge Frau wollte sie eigentlich Bühnenbild studieren und kam für ein Praktikum 2003 ins Haus am Feuersee. „Dann bin ich hier hängen geblieben.“ Weil sie schnell spürte, dass das Ausstatten von Theaterstücken ihr Traumjob ist, hat sie an einer Berufsschule in Baden-Baden die Ausbildung zur staatlich geprüften Requisiteurin gemacht. „Ich kann meine handwerkliche Begabung einbringen, darf einfallsreich und kreativ sein und habe viel Freiheit, um eigene Ideen einzubringen“, erklärt Marion Holz, was sie bis heute an ihrem Beruf fasziniert. Seit 2012 arbeitet die Mutter von zwei Kindern in Teilzeit.

Die Requisiteurin ist auch Köchin

Als Requisiteurin richtet sie jeden Tag die Bühne ein und ist dafür verantwortlich, dass alles für eine Aufführung Notwendige am richtigen Platz ist. Dazu gehört auch, für ein Stück wie „Der Vorname“ Couscous zu kochen oder täuschend echten Whiskey-Ersatz aus Zuckerkulör anzurühren. „Früher habe ich dafür Schwarztee gekocht, aber der macht unschöne Ränder“, sagt die Frau, die ein besonderes Händchen für das geheime Leben der Dinge hat und die bei Flohmärkten, im Sperrmüll und am Wegrand immer wieder fündig wird.

Sich durchs Textbuch lesen, überlegen, was eine Inszenierung und was der Regisseur gebrauchen könnte, eine Requisitenliste mit Fotos erstellen: Marion Holz spricht auf dem Weg zum Fundus, der in einem Hinterhof an der Hasenbergstraße liegt, über ihre Arbeit im Vorfeld einer Premiere. Im vollen Lagerraum prüft sie die Dinge auf ihre Einsatzfähigkeit für das geplante Stück. Hier stapeln sich Stühle auf mehreren Ebenen, machen Möbel die Gänge eng, weiter hinten stehen Säbel, Krücken, Schirme, Stöcke in einem Ständer und lagern in Regalen allerlei Dinge von der Kloschüssel bis zum Hut. Digital erfasst ist der Fundus nicht, aber das vermisst Marion Holz auch nicht: „Ich muss hingehen, die Dinge anfassen und sehen, ob sie in der Größe passen.“

Eine Requisiteurin lernt immer dazu

Bei jeder Theaterproduktion lerne sie dazu, mal sei es die altdeutsche Schrift für Aktenrücken, dann Sütterlin für einen Brief, erklärt sie die ungebrochene Leidenschaft für ihren Beruf. Dass die kleinen Theater einander bei den Requisiten aushelfen? Ein guter Gedanke, findet Marion Holz, aber natürlich bleibt bei einer, die ihren Fundus liebt, immer auch die Sorge: „Kommt das auch heil zurück?“

Info

Termin
Bis zum 4. März spielt das Theater der Altstadt den Heinz-Erhardt-Abend „Noch ’n Gedicht“. Vom 17. März an steht „Das Maß der Dinge“ von Neil LaBute auf dem Spielplan. In dieser Spielzeit sind weiterhin die Premieren „Gretchen 89 ff.“ von Lutz Hübner (ab 5. Mai) sowie Collin Higgins Komödie „Harold und Maude“ (23. Juni) geplant.

Theater
Das 1958 gegründete Theater der Altstadt ist das älteste Privattheater in Baden-Württemberg. Die Brennerstraße und die Spielstätte unterm Charlottenplatz waren Stationen, bevor 1993 die bis heute bespielte Bühne am Feuersee im Stuttgarter Westen bezogen wurde. Die Intendantin Susanne Heydenreich leitet das von ihren Eltern Klaus und Elisabeth Heydenreich gegründete Haus seit 1996 und steht selbst in vielen Stücken auf der Bühne.