Viele Patienten leiden lange nach einer Covid-19-Erkrankung noch immer unter den Folgen der Virusinfektion. Häufig prägen Müdigkeit und Atemnot ihren Alltag. Einige Betroffene suchen daher eine Reha-Klinik auf. Doch nicht allen kann geholfen werden.
Stuttgart - Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) geht davon aus, dass rund jeder zehnte an Covid-19 Erkrankte an Spätfolgen leidet oder leiden wird – das wären bundesweit rund 350 000 Menschen. Die Chancen für eine Verbesserung ihrer Situation beim Aufenthalt in einer Reha-Klinik und der nötige Bedarf an Reha-Plätzen sind jetzt in einem Presseseminar der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV) erörtert worden.
Das Fazit vorneweg: erste Erfahrungswerte zeigen, dass eine Reha „signifikante Verbesserungen“ der Situation der sogenannten Long-Covid-Patienten bringen kann – das betrifft Symptome wie Atemnot, allgemeine Müdigkeit (Fatigue) sowie Depressionen, Ängste und die körperliche Belastungsfähigkeit (Sechs-Minuten-Geh-Test).
Nach-Covid-Phase beginnt nach drei Monaten
Der Bedarf an Reha-Plätzen für Covid-Patienten werde steigen, prognostizierte Susanne Weinbrenner, Fachabteilungsleiterin für Rehabilitation bei der DRV. Unterschieden werde zwischen der akuten Infektion (erste bis vierte Woche), der mittleren Krankheitsphase (fünfte bis zwölfte Woche) und der Zeit „nach Covid“ – ab der zwölften Woche.
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Es mangele bisher aber immer noch an einer Definition, was denn Long-Covid überhaupt sei, sagte Weinbrenner. Auch die Datenlage sei dünn, die Fallzahlen für Covid-19-Patienten in der Reha seien bisher „sehr klein“. Mit Stand Dezember 2020 seien es laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts und der DRV 450 Personen in der medizinischen Reha gewesen – und 400 in der Anschluss-Reha nach einem Klinikaufenthalt.
Freier atmen – das Motto einer Reha-Klinik
Mit monatelangem Zeitverzug schlagen die Betroffenen in der Reha auf, derzeit werden dort wohl die Patienten der „zweiten Coronawelle“ behandelt. Dass extra Covid-Reha-Einrichtungen geschaffen werden, so wie früher Tuberkulose-Kliniken, hält Susanne Weinbrenner für den falschen Ansatz. Zum einen werben viele Reha-Kliniken längst mit einer speziellen Sorge um Covid-Patienten, zum anderen seien viele Einrichtungen dafür gut geeignet, wenn sie sich schon bisher um neurologische, psychologische und pneumologische Diagnosen gekümmert haben.
Die Klinik Bad Reichenhall etwa weist mit ihrem Slogan „Freier atmen, besser bewegen“ auf ihren Schwerpunkt hin. Konrad Schultz ist dort Chefarzt und hat 2020 eine Langzeitbeobachtung von 108 seiner Covid-Reha-Patienten gemacht, die im besten Lebensalter – im Durchschnitt 55 Jahre alt – standen.
Der Großteil, Gruppe A, kam laut Schultz direkt aus dem Krankenhaus und hatte schwere Krankheitsverläufe hinter sich: Viele waren lange auf der Intensivstation gewesen, etwa 50 Prozent waren beatmet worden. Patienten mit leichteren Verläufen kamen demnach erst einen Monat nach dem Klinikaufenthalt in die Reha (Gruppe B). Auch Covid-Erkrankte ohne Krankenhausaufenthalt (Gruppe C) kamen nach Bad Reichenhall – meist jüngere Frauen, die trotz milder Verläufe viele Monate nach der Infektion noch über starke Long-Covid-Symptome klagten.
Das Fatigue-Syndrom ist die härteste Nuss
Man habe nach drei bis vier Wochen Reha die Ergebnisse der Gesamtgruppe „erheblich“ verbessern können, sagte Schultz. Am deutlichsten seien die Fortschritte bei Menschen aus Gruppe A gewesen, die direkt aus der Klinik nach Bad Reichenhall gekommen seien. Auch bei den Leichterkrankten hätten sich die Werte verbessert, von Atemnot bis Depressivität – mit einer Ausnahme: Die allgemeine Müdigkeit sei hier am wenigsten zurück gegangen. „Das Fatigue-Syndrom ist die härteste Nuss, die wir knacken müssen“, so Schultz.
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Auch Monate nach der Reha sind die Patienten noch beobachtet worden, doch ihre Werte stagnierten: „Was nicht in der Reha stattfindet, das passiert nachher auch nicht mehr“, sagte Chefarzt Schultz. Rund 40 Prozent seiner Reha-Patienten könnten „direkt nach der Reha wieder arbeiten“. Die anderen müssten wohl noch einen oder zwei Monate pausieren und sich arbeitsunfähig melden. Oder sie würden es einfach nicht mehr schaffen, drei Stunden am Tag zu arbeiten, was einer vollen Erwerbsminderung entsprechen würde. „Viele meiner Patienten sind unter 50. Für die sind das existenzielle Fragen: Wie geht es mit mir weiter? Kann ich wieder arbeiten? Mein Haus abbezahlen?“, sagte Schultz.
Bei Atemnot legt sich der Patient sofort hin
Auf die psychische Belastung von Corona wies Volker Köllner vom Reha-Zentrum Seehof in Teltow hin. Am Anfang der Pandemie seien es „Ängste“ gewesen, mit dem Lockdown im Winter seien dann bei vielen Menschen Depressionen gefolgt. Körper und Seele aber seien eng verknüpft, durch Angst entstehe auch ein „eingeschränktes Atmungsmuster“, sagte Köllner, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung Psychosomatik. Mit Therapieformen wie der „Ent-Ängstigung“ versuche man dem in Teltow zu begegnen.
Laut Köllner leidet jeder vierte der auf einer Intensivstation beatmeten Covid-Patienten unter einer „posttraumatischen Belastungsstörung“, die sich in Albträumen äußern könnten. Es gebe auch andere Fälle. Etwa die Ex-Leistungssportlerin – eine Biologin – die extrem damit haderte, dass sie nach einer Covid-19-Infektion nicht mehr ihr altes Leistungsvermögen schaffe, berichtete Köllner. „Sie trainierte bis zur Erschöpfung. Aber sie muss lernen, sich zu bremsen und die Lage zu akzeptieren.“
Und dann gebe es das Beispiel des sehr ängstlichen Covid-Patienten, der sich bei Atemnot sofort ins Bett lege: „Den müssen wir ermutigen, eher etwas aktiv zu sein.“ Eine gute Nachricht hatte der Experte für Psychosomatische Medizin auch: Die Mehrheit der nur leicht betroffenen Covid-Patienten – vermutlich rund 90 Prozent – erhole sich innerhalb von drei Monaten „ohne gravierende Folgen“.