Die Verbraucherpreise werden immer höher, auch bei Lebensmitteln. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Inflation, Ukraine-Krieg, Energieknappheit: Welche Auswirkungen haben sie auf Altersvorsorge und Geldanlagen?

Der Blick in den eigenen Geldbeutel zeigt vielen Menschen in diesen Wochen, dass die Krisen der Welt auch in Deutschland längst Wirkung zeitigen. Die Nachwirkungen der Coronapandemie überlagern sich mit einer Energiekrise und den wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine. Deshalb stellt sich zunehmend auch die Frage: Wie sehr gefährden die aktuellen Krisen die finanzielle Absicherung der Menschen für die Zukunft und das Alter?

 

Bedroht die Inflation die Renten?

Da bei einer Inflation von mehr als sieben Prozent in den vergangenen Monaten die Preise von Lebensmitteln und anderen täglichen Gütern deutlich gestiegen sind, betrifft das zunächst einmal die derzeitigen Rentnerinnen und Rentner. Sie können sich von ihren gesetzlichen Rentenzahlungen immer weniger leisten. Doch auch bei der zukünftigen Entwicklung der Renten besteht ein Zusammenhang, wie Rentenexperte Peter Haan vom Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erläutert: „Die Renten von morgen hängen von den Löhnen von heute ab.“ Wenn die Löhne also steigen und damit zumindest teilweise die Inflation ausgleichen, steigen auch die derzeitigen Rentenzahlungen. So erklärt sich zum Beispiel die diesjährige Rentenerhöhung von rund fünf Prozent im Westen und sechs Prozent im Osten. Sollten die Löhne und damit die Rentenerhöhungen allerdings nicht mit der Inflation Schritt halten, könnte das künftig zu Renten führen, von denen man sich real immer weniger kaufen kann. „Ich gehe davon aus, dass sich Lohnentwicklung und Inflation langfristig ausgleichen werden“, ist sich Haan sicher. „Solange der Arbeitsmarkt weiterhin so funktioniert wie jetzt, sehe ich kein fundamentales Problem.“

Was ist mit privater Altersvorsorge und Geldanlagen?

Dies hängt von zwei Faktoren ab: einerseits davon, wie sich die Inflationsrate künftig entwickelt, und andererseits von der Rendite, die das angelegte Geld einbringen kann. Tagesgeldkonten oder private kapitalbildende Lebensversicherungen werfen derzeit häufig nur niedrige Zinsen ab. Sie liegen unter der Inflationsrate, so dass das Geld effektiv an Wert verliert. Das könnte sich nur ändern, wenn die Inflation in Zukunft wieder stark zurückgeht oder die Zinsen deutlich angehoben werden. Das tun Zentralbanken bereits, um gegen die Inflation zu steuern. „Wenn die Bevölkerung effektiv Vermögensverluste erleidet, spiegelt sich das später auch im Alter wider“, erklärt Rentenexperte Haan. „Die Frage ist: Ist das durch einen späteren Aufschwung wieder zu glätten?“ Auf kurze Sicht sorgen sich Experten jedoch weniger um die, die bereits langfristig vorsorgen. Das bestätigt auch Finanzexperte Andreas Oehler, Professor an der Universität Bamberg: „Wenn Haushalte mit hohen Sparquoten nun ein bis zwei Jahre lang weniger zur Seite legen, ist das kaum ein Problem. Das Problem liegt bei denjenigen, die nur wenig zum Sparen hatten und denen jetzt selbst 500 oder 1000 Euro im Jahr zum Sparen fehlen, die allein durch steigende Energiekosten aufgefressen werden.“ Wenn diese Menschen länger kein Geld beiseitelegen könnten, drohe eine Rentenlücke.

Ist Sorge vor Altersarmut gerechtfertigt?

Die Sorge, im Alter auf eine wachsende Rentenlücke zuzulaufen, ist gerade unter jungen Menschen weit verbreitet. In einzelnen Umfragen haben sogar drei von vier jungen Menschen Angst vor Altersarmut. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die diesjährige Metall-Rente-Jugendstudie. Oehler hält es für kontraproduktiv, diese Angst mit Appellen zu beantworten, die Jungen müssten eben mehr selbst vorsorgen. „Viele junge Leute kennen sich beim Thema Finanzen aus, das stelle ich bei meinen eigenen Untersuchungen immer wieder fest, aber viele haben schlicht nicht die Mittel“, betont Oehler.

Auch Rentenexperte Haan bestätigt, dass bereits ohne Inflation die private Altersvorsorge in Deutschland ungleich verteilt ist, zum Beispiel bei der staatlich geförderten Riester-Rente: „Je geringer das Einkommen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Riester-Vertrag hat.“ Dabei seien gerade diese Menschen eher von Altersarmut bedroht. Haan sieht für den Durchschnittshaushalt weniger ein Risiko, im Alter akut armutsgefährdet zu sein – aber den gewohnten Konsumstandard aus dem Arbeitsleben zu halten dürfte mehr Menschen schwerfallen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass in einer alternden Gesellschaft immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen.

Haan hält es deshalb für notwendig, dass Nachfolgeprogramme der Riester-Rente viel einfacher gestaltet sein müssten, um gerade Menschen mit geringem Einkommen beim Aufbau einer privaten Altersversorgung staatlich zu fördern – womöglich sogar verpflichtend. Der Angst der Jugend müsse begegnet werden, denn: „Wenn keiner mehr vorsorgt, weil man sowieso mit Altersarmut rechnet, bricht das System zusammen.“

Bedroht eine Rezession auch Geldanlagen in Aktien?

Aktien gelten als wesentlich renditestärker als viele andere Geldanlagen und damit zunehmend als Mittel der Wahl auch für die Altersvorsorge – bis hin zu Plänen der Bundesregierung für eine gesetzliche Aktienrente. Doch der Krieg in der Ukraine belastet direkt und indirekt auch die wirtschaftlichen Aussichten, sei es durch Lieferengpässe oder explodierende Energiepreise. Viele Ökonomen erwarten eine Rezession in Deutschland – und eine Wirtschaftskrise würde sich auch auf die Aktienkurse auswirken. Oehler rät jedoch, beim Thema Aktien ruhig zu bleiben: „Eine tiefe Krise kann kommen. Aber es gab auch schon in den letzten 50 Jahren Einbrüche, zum Beispiel das Platzen der Dotcom-Blase, die Finanzkrise oder die Covid-19-Pandemie.“ Weltweit breit gestreute Aktienindizes zeigten in solchen Phasen immer wieder Einbrüche. „Aber nach zwei bis sechs Jahren sind die Kurse meist auf das Vorkrisenniveau und dann weiter gestiegen.“ Insgesamt empfiehlt Oehler, nur einen Teil der eigenen Ersparnisse als schnell greifbares Tagesgeld anzulegen und ansonsten auf sogenannte ETFs (Exchange Trade Funds) zu setzen. Das sind Anlagefonds, die große Aktienindizes spiegeln. „An Krisen und sinkenden Aktienkursen kommt man sowieso nicht vorbei, langfristig sollte eine weltweit breit gestreute Anlage mit ETFs aber trotzdem funktionieren.“