Vor Jahren noch unbedenkbar: Heute bestimmt die Lederhose das Bild auf dem Cannstatter Wasen. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Werden Kerle anders, wenn sie in die Lederhose steigen? Bisher verweigerte sich unser Kolumnist der Krachledernen. Jetzt ließ er sich überreden, die Volksfesthaut anzulegen. Bei Grandls Männerwasen sprach er über Bier, Baggern und Patina.

Stuttgart - Das Erdige, das Kernige ist vor Jahren schon am Neckarufer gestrandet. „Früher kam man sich komisch vor, wenn man eine Lederhose auf dem Volksfest trug“, sagt Festwirt Hans-Peter Grandl, „heute hat man ein komisches Gefühl ohne Tracht.“

Schöne Grüße vom Fasching. Alle verkleiden sich, was den Verlauf eines Festes in eine ganz bestimmte Richtung treibt. Mit Kostümen traut man sich mehr,. Und der einheitliche Look fördert das Gemeinschaftsgefühl. Man könnte es auch so formulieren: Die Lederhose trägt man, wie man eine Krawatte trägt, also um dazuzugehören.

In die enge Hose muss man sich reinatmen

„Eine Lederhose ist total sexy“, meinte ein Freund. Eine große Sammlung des zutiefst männlichen Kleidungsstücks besitzt er und ließ nicht locker, bis er mich überreden konnte, es doch mal zu versuchen.

Rent a Lederhos! Der Freund lieh mir eine knielange Württemberger, weil er genau wusste, mit einem bayerischen Exemplar bei mir nicht landen zu können.

Das Landeswappen ist an der Seite auf eine kleine Hosentasche gestickt. Der Volksfestveranstalter in.Stuttgart hat eine Württemberg-Kollektion bei Spieth & Wensky herstellen lassen. An altwürttembergischen Trachten orientiert sie sich, verhilft dem Vorbild aber zum „zeitgemäßen Look“, wie Marcus Christen von in.Stuttgart sagt. „Unsere Lederhosen und Dirndl verkaufen sich super“, freut er sich, „wir haben bereits die fünfte Serie aufgelegt.“

Um die Köpfe meiner geliehenen Hose zu schließen, muss ich tief, sehr tief einatmen. Knackig eng soll sie sitzen, hat der Freund gesagt, Leder weitet sich dann.

„Männer unter sich werden zu Lausbuben“

Als ich Grandls Zelt betrete, wo sich die rein männliche Württemberger Tafelrunde trifft, zwickt nix mehr. Die Hose liegt angenehm weich auf der Haut. Kann also losgehen mit Krugstemmen, Nageln und Baggern – mit lauter Dingen, die ein ganzer Lederhosenkerl wohl beherrschen muss.

2009 haben Eberhard Herzog von Württemberg – seine Vorfahren belieferten den König – und Hofbräu den Männerwasen für Entscheidungs- und Lederhosenträger gestartet. Rustikales Netzwerken könnte man dazu sagen. Wie bereitet sich Hofbräu-Chef Martin Alber auf den Wasenmarathon vor? „Drei Wochen davor trink ich keinen Alkohol“, sagt er, „und geh joggen.“

Dies ist jetzt nicht mehr drin. Bei der Tafelrunde treten die Gäste zu Männerspielen an, üben sich minutenlang im Maßhalten mit ausgestreckten Armen, bedienen einen ferngesteuerten Bagger. Keiner vermisst Frauen? „Wenn Männer unter sich sind, werden sie zu Lausbuben“, sagt Kunst- und Antiquitätenhändler Frank Zimmermann. Ein anderer erklärt den Unterschied: „Frauen sagen dir, du sollst nicht so viel trinken. Männer sagen wenig, sie trinken.“ Ist auch schwer zu reden. Die laute Partymucke kommt maulfaulen Männern entgegen.

Was macht die Krachlederne aus einem Mann? Macht sie ihn maskuliner, steigert sie das Imponiergehabe? Mein Eindruck: Ich steh’ breitbreiniger da als mit Jeans. Selten werde ich so oft auf Kleidung angesprochen wie jetzt. Wer starrt da auf meine Wade? Es liegt eher am Bier als an der Lederhose, dass beim Lästern nun die Post abgeht.

Die Lederhose sollte eine schöne Patina haben

Lästern verbindet und stärkt den Selbstwert. Wer lästert, signalisiert dem anderen, dass er ihm vertraut. Ganz wichtig: Wenn sich der, über den du gerade gelästert hast, zu dir an den Tisch hockt, strahlst du ihn an und lästert mit ihm über andere.

Erfunden wurde die Lederhose als bäuerliche Arbeitskleidung. Sie war günstig, weil die Bauern sie aus den Häuten ihrer Tiere selbst schneiderten. Kirche und Obrigkeit waren dagegen, weil sie eine Aufwertung der unteren Klassen darstellte und weil nackte Waden als „sittenwidrig“ galten.

Die Lederhose sollte eine schöne Patina mit speckigem Glanz haben, was häufiges Tragen begünstigt. Sie ist nachhaltig, weil sie Jahrzehnte hält. In die Waschmaschine gehört sie keinesfalls, sondern an die frische Luft. Früher, erfahre ich, hat man nichts drunter getragen, weil sie so eng sitzt. Einer erzählt, er habe die Lederhose bei 90 Grad gewaschen, Da ist sie auf ein winziges Quadrat geschrumpft und war bocksteif.

Im Mittelschiff hüpfen Kerle in Lederhose auf Bänken – mit Turnschuhen! Ein modischer Fauxpas? Auf dem Wasen sollte sich jeder so wohlfühlen, wie er will. Vielleicht kauf’ ich mir mal eine eigene Lederhose. Es ist nie zu spät für ein erstes Mal.

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