Hans Herrmann auf seiner alten Hausstrecke – bei einem der Solitude-Revivals. Schneller als er war hier früher keiner. Foto: Deniz Calagan

Die Maichinger Rennfahrerlegende Hans Herrmann feiert am Mittwoch Geburtstag und ist fit wie ein Mercedes-Rennmotor. Auto fährt er noch immer – so souverän, dass Gattin Magdalena daneben ein Nickerchen hält.

Maichingen - Kann das sein? Neun Jahre ist es her, dass wir Hans Herrmann zuletzt besucht haben. Damals, kurz vor seinem 85. Geburtstag. Und jetzt? Wirkt das alles wie ein Déjà-vu. Die Maichinger Rennfahrerlegende ist wie damals, 2013, hellwach, fit. Er habe ja auch schon seine morgendlichen Runden im hauseigenen Pool absolviert, lacht der Hausherr über das Lebenselixier Bewegung. Und studiert Fanpost, Autogrammanfragen.

 

Die kommen immer noch täglich in die Landhaussiedlung. Zusammen mit Nicole Schmid, einer jungen Frau, geht Herrmann terminliche Verpflichtungen der nächsten Tage durch. Schmid ist Herrmanns rechte Hand und kümmert sich vor allem um jene Firma, die das Geburtstagskind nun fast 50 Jahre besitzt: Hans Herrmann, Autotechnik. Den Schriftzug kennt jeder, der an der Otto-Hahn-Straße vorbeifährt.

Am Mittwoch wird der 94. Geburtstag gefeiert

„Ich fühle mich gut“, strahlt der Mann, der am Mittwoch 94 wird, ein beinahe biblisches Alter: „Ich höre gut. Ich sehe gut“, sagt Herrmann. Und seine Reflexe seien es immer noch, meint der Senior schmunzelnd und macht ein paar Boxschläge in die Luft. Boxtrainings mit Profis haben ihm einst geholfen, eine Bombenkondition aufzubauen.

Und Autofahren? Ups. Blöde Frage. Hans Herrmann zieht die Augenbrauen hoch, hält kurz die Luft an. „Ja klar hogg i no ens Auto“, kontert der Mann, der als einer der erfolgreichsten der ganzen Motorsportgeschichte gelten darf. Italien, Schweiz oder kurz mal nach Bremen, kein Problem: „Ich fahr durch, mach höchstens ’ne Pinkelpause.“ Hans Herrmann ist auf Touren, geistig agil, sprüht vor Energie. Nur das Laufen mache ihm Probleme, gibt er zu. Weshalb er im Haus gerne mal einen kleinen elektrischen Rollstuhl benutzt. Und damit um die Kurven heizt, als wäre er auf dem Nürburgring.

Monaco 1955 hätte ihn Kopf und Kragen kosten können

Vor zehn Jahren hat Hans Herrmann eine neue Hüfte bekommen. Möglicherweise hätte er sie nicht mal gebraucht, wenn nicht ein schwerer Rennunfall in Monaco anno 1955 damals auf die Hüfte gegangen wär. „Jedenfalls war die so gut, dass ich gar nimmer wusste, ist die links oder rechts“, schwärmt Herrmann.

Vor zwei Jahren jedoch, anlässlich einer Gallen-OP im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, „musste ich mal auf den Lokus“, erzählt der 94-Jährige. „Ich Blödmann hätte ja auch die Pinkelflasche nehmen können.“ Nahm er aber nicht, sondern federte von dem hohen Krankenhausbett – und fiel hin. „Genau auf die Hüfte.“ Die war nun kaputt – und der Oberschenkelknochen obendrein. „Auf den Röntgenbildern sah das aus wie ein Gerüstbau“, beschreibt Herrmann die komplizierte Knochenfraktur. Er kam fünfeinhalb Stunden unters Messer.

Sein Spitzname ist Programm: Hans im Glück

Von diesem Missgeschick erzählt Herrmann ebenso anschaulich wie von seinen – mindestens – drei spektakulären Rennunfällen, die er wie durch ein Wunder ohne dramatische Blessuren überlebt hat. Mindestens zwei davon hätten seinen Tod bedeuten können. Doch Herrmann hatte Dusel, weshalb man diesem Hansdampf auf vier Rennreifen einst den Spitznamen „Hans im Glück“ gegeben hat.

1955 ist er mit einem Silberpfeil im Abschlusstraining die Steigung zum „Hotel de Paris“ hochgeheizt. Und hat Bekanntschaft mit einer Steinwand gemacht. Das hätte ihn Kopf und Kragen kosten können. Das Cockpit kam kurz vor der steinernen Balustrade zum Stillstand, Herrmann für ein paar Wochen ins Spital.

In Berlin versagen die Bremsen

In Hockenheim ist er – ein technisches Problem – 1954 über die Piste hinaus, lag neben dem Fahrzeug. Angeschnallt war man seinerzeit ja nicht. Am spektakulärsten war der Horror-Crash von Berlin auf der Avus, 1959. Jenes Autorennen, bei dem am Vortag sein Freund Jean Behra tödlich verunglückt war. Am 2. August 1959 tritt Herrmann in seinem „British Racing Motors“ an - und tritt vor der Südkurve ins Leere. Die Bremsen versagen bei Tempo 280. Weil die Vibrationen des mit dem Chassis verbundenen Motors auf das Metall wirkten, waren die Bremsleitungen gebrochen. Um nicht Zuschauer, die zu Abertausenden die Strecke säumen, ins Verderben zu schicken, wählt der Formel-1-Pilot den Weg in die von viel Regen vollgesaugten, „bockelharten“ Strohballen. Seinen Renner schanzt es in die Luft, ihn hinaus.

70 Meter weit fliegt das Geschoss in mehreren Überschlägen über die Piste. Jedem, der das sieht, stockt der Atem. Herrmann überschlägt es noch weitere 60 Meter auf dem rauen Asphalt. Brandwunden zieht er sich von den Abschürfungen zu, aber: überlebt. Hans im Glück. Während er zwischen Leben und Tod durch die Luft fliegt, denkt er noch: „Mist! Jetzt stirbst du hier in Berlin, wo es da doch so schöne Mädle gibt.“

Der Maichinger ist ein begnadeter Erzähler

Erzählen kann der Maichinger die jahrzehntealten Dramen, als wären sie gestern gewesen. Aber nun gut, er hat sie Presse, Funk und Fernsehen immer wieder erzählen müssen. An seinen Schilderungen können sich Motorsportfans (und andere) nicht satt hören, so authentisch, druck-, sendereif kommen sie rüber. Gerne mit schwäbischem Kolorit. Mit Herrmann zu plaudern, ist stets ein Vergnügen. Dann klappt er einen dicken Leitz-Ordner auf mit Erinnerungen. Fotos, auf denen viele zu sehen sind mit ihm: Lewis Hamilton, Norbert Haug, Dieter Zetsche, der verstorbene Mister Mercedes Jürgen Hubbert, SWR-Moderator Matthias Holtmann.

Dass er in diesen Erinnerungen noch blättern, schwelgen kann, ist Schutzengeln zu verdanken. In den 19 Jahren seiner Karriere, die er 1970 beendet, haben 65-Formel-1-Fahrer das Leben gelassen. Nach ihm weitere, zuletzt Ayrton Senna im Mai 1994. „Früher war das Risiko hoch und das Siegergeld knapp. Heute ist es umgekehrt“, sagt Herrmann.

Die Karriere 1970 in Le Mans beendet – wie der Gattin versprochen

Der hatte, damals junger Vater, seiner Gattin Magdalena versprochen, aufzuhören, wenn er die 24 Stunden von Le Mans gewinnt. Das tat er 1970 – und löste sein Versprechen ein. Die vor Sorgen schlecht schlafende Gattin atmete auf. Und war froh, dass die Söhne Dino (56) und Kai (52) nicht dem Rennfahrer-Impuls ihres Vaters nachgeeifert sind. Der fährt immer noch „sakrisch gern“, auf Kurzstrecken einen Smart erster Generation, ansonsten einen Boliden mit Stern und ein paar hundert PS.

60 Jahre lang ein Ehepaar: Diese Liebe hält jung

Ist die Strecke frei und kein limitierendes Schild dem Gasfuß im Weg, lässt es Herrmann laufen. „Aber er fährt umsichtig“, lacht die Gattin und gesteht, dass sie nach wenigen Minuten auf dem Beifahrersitz getrost ein Nickerchen machen könne. Nun gut, sie ist ihren Champion am Steuer gewohnt. „Andere halten sich da schon mal am Türgriff und am Sitz fest“, lacht Hans Herrmann vergnügt. Beste Gene muss er haben, der Hans im Glück. Beim Abschied verrät die Gattin an der Haustür flüsternd, was ihr Beitrag dazu sei: „Er kriegt ganz viel Liebe – schon 60 Ehejahre lang.“

Von der Konditorenjacke in den Rennanzug

Mit 24 ins Rennen
Hans Herrmann wollte nicht sein, was andere Buben in seinem Alter werden wollten: Kapitän, Lokomotivführer, Pilot. Er wollte Rennfahrer werden – und wurde es. Die Mutter, die das Café Schlauder in Stuttgart betrieb, ließ es zu. Zuvor musste der Sohn eine anständige Konditorenlehre absolvieren. Im Café Talmon-Gros machte der Kerle seine Gesellenprüfung. Danach luchste er seine Mutter deren einzige Goldkette ab, um seinen Traum zu verwirklichen. 1952, also vor 70 Jahren, begann er seine Karriere in einem Porsche 356 mit Bergrennen, Rallyes und Zuverlässigkeitsfahrten.

Letzter Zeitzeuge
Herrmanns Talent sprach sich herum. Keiner war je so schnell auf der legendären Solitude-Rennstrecke. Für die 11,4 Kilometer benötige der junge Mann weniger als fünf Minuten. Der legendäre Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer holte ihn ins Silberpfeil-Team neben Karl Kling und Juan Manuel Fangio. Herrmann holte Siege und Pokale. Der Maichinger gilt als einer der zuverlässigsten und beständigsten Rennfahrer aller Zeiten und letzter überlebender Zeitzeuge jener 50er-Nachkriegsjahre, in denen Mercedes wieder in den Rennsport einstieg.

Karriere-Ende 1970
Bei gut 300 Rennen hat Hans Herrmann mehr als 80 Gesamt- und Klassensiege erzielt, davon die meisten für Porsche. 1970 hat er seine fast 20-jährige Karriere mit einem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans auf einem nur 800 Kilo leichten, aber fast 600 PS starken Porsche 917 gekrönt – und sie zugleich beendet.

Entführungs-Dusel
Im Dezember 1991 wird in Herrmanns Wohnhaus eingebrochen, das Ehepaar mit Pistolen bedroht, gefesselt. Herrmann wird im Kofferraum seines Mercedes Richtung Warmbronn entführt. Gegen Lösegeld kommt er frei. Sechs Millionen Mark will das Gangster-Trio. 300 000 bekommt es. „Mehr hatten wir nicht“, sagt „HH“ furztrocken. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt, aber klar: Einmal mehr hat Hans Herrmann „Saudusel“ gehabt.