Rettungswagen und Notärzte müssen in Stuttgart so oft ausrücken, dass die Stadt die gesetzlichen Vorgaben nicht einhalten kann. Die Werkambulanz von Daimler muss im Neckartal die Lücken schließen. Die FDP im Landtag übt scharfe Kritik.
Die Coronadelle ist Geschichte. So simpel kann man die Entwicklung in der Stuttgarter Notfallrettung im vergangenen Jahr zusammenfassen. Während 2020 die Pandemie – verbunden mit Homeoffice, weniger Veranstaltungen und weniger Verkehr – die Einsatzzahlen hat sinken lassen, ist die Normalität inzwischen mit voller Wucht zurück. Und die heißt: stetig steigende Einsatzzahlen. Das Vor-Corona-Niveau ist dabei sogar überschritten. Noch nie zuvor mussten in der Landeshauptstadt Notärzte und Rettungswagen so oft ausrücken wie im vergangenen Jahr.
In Zahlen heißt das: Die Rettungswagen mussten zu 38 398 Einsätzen fahren, das waren fast 3000 mehr als im Jahr zuvor. Notärzte waren in 13 476 Fällen dabei, ein Plus von rund 600. Zu den Gründen gehört beispielsweise, dass immer mehr Menschen auch wegen vergleichsweise harmloser Erkrankungen oder Verletzungen den Notruf 112 wählen. Gleichzeitig gelten nach wie vor strenge Hygieneregeln wegen der Pandemie. Das bedeutet, dass die Fahrzeuge bei jedem Einsatz viel länger gebunden sind als in normalen Zeiten, beispielsweise für die Desinfektion.
Gesetzliche Vorgaben gerissen
In der Folge konnte Stuttgart nach Verbesserungen in den Vorjahren die gesetzlichen Vorgaben nicht einhalten. Demnach müssen die Helfer in mindestens 95 Prozent der Fälle in zehn, höchstens 15 Minuten am Einsatzort sein. Diese sogenannte Hilfsfrist ist mit 94,8 Prozent bei den Rettungswagen und 94,1 Prozent bei den Notärzten gleich doppelt gerissen worden.
All diese Zahlen finden sich in der Antwort auf eine Anfrage der FDP-Landtagsabgeordneten Friedrich Haag und Nico Weinmann ans Innenministerium, die unserer Zeitung vorliegt. Die beiden wollten wissen, wie es um den Rettungsdienst in Stuttgart bestellt ist. Und in den Ausführungen des Ministeriums finden sich so manche interessante Fakten. Einiges davon kommt auch ziemlich überraschend.
Zum Beispiel, dass der Autobauer Mercedes, hier noch als Daimler tituliert, mittlerweile eine erhebliche Rolle im Stuttgarter Rettungsdienst spielt. In den vergangenen Jahren ist dessen Hedelfinger Werkambulanz immer häufiger zu Rettungseinsätzen außerhalb des Firmengeländes ausgerückt – zuletzt waren es 1041 Einsätze im Jahr 2021. Auch Bosch in Feuerbach ist mehrfach eingesprungen. Zudem haben im vergangenen Jahr jeweils mehr als 1000-mal Notärzte und Rettungswagen aus anderen Kreisen Einsätze in Stuttgart übernommen. Auch massive Personalausfälle von bis zu 15 Prozent hat es immer wieder gegeben. Dabei hat sich die Lage nach einem Höhepunkt im Herbst 2019 aber stabilisiert.
Scharfe Kritik von der FDP
Angesichts der Zahlen kommt von den FDP-Abgeordneten scharfe Kritik. „Es kann nicht sein, dass in der Landeshauptstadt 7,5 Prozent aller Notarzteinsätze mit Notärzten aus den Nachbarkreisen übernommen werden müssen. Bei den Rettungswagen sind es 5,7 Prozent, die von den beiden Werkambulanzen Bosch und Daimler sowie vom Rettungsdienst umliegender Kreise übernommen werden müssen“, sagt Friedrich Haag. Die Landeshauptstadt brauche „mehr Rettungsmittel und mehr Personal“. Das gelte besonders für die Bezirke Hedelfingen und Wangen. „Dies zeigt sich auch darin, dass die vom Innenministerium mehr als großzügig interpretierte Hilfsfrist in Stuttgart nach wie vor regelmäßig nicht eingehalten wird und das trotz der Einbindung der Werkambulanzen“, so Haag. Das müsse zum Wohle der Patienten schnellstens abgestellt werden.
Zuvorderst zuständig dafür sind der Bereichsausschuss, in dem sich Hilfsorganisationen und Krankenkassen beraten, sowie die Stadt als Rechtsaufsicht. Die Stadt verweist auf Nachfrage an die Beteiligten im Bereichsausschuss. Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) nimmt man Stellung. „Daimler ist inzwischen Leistungsträger im Rettungsdienst. Das ist für die Patienten gerade entlang des Neckars positiv“, sagt DRK-Rettungsdienstleiter Ralph Schuster. Dazu gibt es seit Mitte 2018 einen Kooperationsvertrag mit dem Autobauer. Seither kann die Leitstelle offiziell auf dessen Fahrzeuge zugreifen, wenn sie nicht innerhalb des Werkgeländes gebraucht werden. Das erklärt auch die massiv gestiegenen Einsatzzahlen.
Neuer Rettungswagen im Einsatz
Was die Einsätze von Rettern aus anderen Kreisen betrifft, sagt Schuster: „Wir schicken auch eine ähnliche Zahl von Fahrten aus Stuttgart hinaus.“ Die Leitstelle müsse im Sinne der Patienten immer das nächstgelegene Rettungsmittel anfordern – egal, aus welchem Kreis es komme.
Richtig sei allerdings, so Schuster, dass die Einsatzzahlen Rekordwerte erreicht hätten. Was nun passieren muss, wird noch diskutiert. „Das hängt auch ein Stück weit davon ab, wie sich die Coronalage entwickelt und ob Fahrzeuge bei vielen Einsätzen lange gebunden sind“, so der DRK-Mann. Ein zusätzlicher Rettungswagen stehe seit September zur Verfügung, seit Dezember gebe es nun auch eine Kooperation mit der Werkambulanz von Porsche. Über zusätzliche Notärzte werde derzeit gesprochen. Das wiederum hängt aber auch davon ab, welche Änderungen das Land künftig bei den Vorgaben plant. Nur eines ist derzeit klar: Die Einsatzzahlen werden wohl weiter steigen – und damit der Druck auf die Stuttgarter Retter.