Seit 20 Jahren bietet Susanne Behrendt Reittherapie für Kinder und Jugendliche an, die ein Handicap haben. Vor drei Jahren zog sie mit ihren Therapiepferden nach Aidlingen. Doch nun muss sie schon wieder die Koffer packen.
Die Nachricht hat Susanne Behrendt kalt erwischt. Es war im vergangenen Jahr kurz vor Neujahr, erinnert sich die 62-Jährige, die auf einem Hof in Aidlingen mit großem Erfolg therapeutisches Reiten anbietet. Sie war gerade mit ihrer Familie im Urlaub, als sie von der Kündigung an ihrem jetzigen Standort erfuhr. „Ich musste mich erst einmal wieder sammeln, das hat eine Weile gedauert“, erzählt die Inhaberin der Hestura Reittherapie, die es bereits seit 20 Jahren gibt. Vor drei Jahren zog sie mit ihren Pferden von Simmozheim nach Aidlingen und mietete dort auf einem Hof das Grundstück an.
Ein Stall, Koppeln, ein Reitplatz und Raum für Gespräche – all das hat sich Susanne Behrendt, die in Calw wohnt, dort aufgebaut. Den Stall hat ihr Mann selbst gebaut. Inmitten der Offenställe ist eine Ruheinsel mit Sitzbank und Tischchen, das zum Verweilen inmitten der Pferde einlädt. Liebevoll eingerichtet ist auch der ehemalige Zirkuswagen, in dem die Erstgespräche geführt werden oder sich Angestellte ausruhen können. Man merkt, es steckt viel Herzblut drin.
Auch die Eltern erhalten Beratung und Hilfe
Rund 60 Kunden besuchen die Hestura Reittherapie pro Woche. Meist sind es Kinder und Jugendliche, die verhaltensauffällig sind oder unter psychischen Problemen leiden. Durch den Kontakt mit Pferden kommen sie zur Ruhe, können entspannen und lernen, rücksichtsvoll und einfühlsam zu sein. „ Für die Therapie benötigen wir eine reizarme, ruhige Umgebung“, erklärt die Sonderschullehrerin und Reittherapeutin.
Nicht einfach war die Zeit seit der Kündigung für Behrendt, denn nach all den Jahren einfach aufzugeben, das war für sie keine Option. Mut und Kraft geben ihr ihre drei erwachsenen Kinder. Sie sind mit Pferden groß geworden und helfen ihrer Mutter bei der Arbeit. Ihr Sohn Nicolai entschloss sich sogar, wieder im Familienbetrieb einzusteigen. Der 21-jährige gelernte Social-Media-Manager war sowieso auf der Suche nach einer für ihn sinnvollen Arbeit. Nun unterstützt er seine Mutter, damit sie kürzer treten kann. Denn Susanne Behrendt arbeitet an sieben Tagen die Woche fast rund um die Uhr. Ihre Schützlinge, die sie meist über Jahre begleitet, sind ihr ans Herz gewachsen. Si will die Kinder und ihre Familien mit ihren Problemen, Sorgen und Fragen ernst nehmen, und auch bürokratische Herausforderungen, wie die Beantragung von Pflegegeld, werden gemeinsam gelöst.
Die Fortschritte, die die Kinder machen, sind riesig
Reittherapie ist personal- und zeitaufwendig. Susanne Behrendt hat daher fünf festangestellte Mitarbeiterinnen und 15 geringfügig Beschäftigte. Manchmal benötigt sie vier Personen, die ein Kind während einer Reittherapiestunde begleiten. Behrendts Klienten, junge Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen, bauen zu den Therapiepferden besondere Bindungen auf. „Es ist so schön zu sehen, wie die Kinder Fortschritte machen“, erzählt Behrendt. Man könne damit bei Kindern so viel erreichen.
Nicolai Köhler und Susanne Behrendt suchen nun händeringend nach einem geeigneten Grundstück oder einem Stall. Am liebsten wollen sie in der Gegend bleiben und sich gern auch vergrößern. „Ein Grundstück mit einer Halle und Räumlichkeiten wären perfekt, um im Winter besser arbeiten zu können“, sagt Köhler. „Das wichtigste ist, dass es den Pferden gut geht. Denn sie sind die eigentlichen Therapeuten.“
Weitere Infos unter www.hestura.de