Mädchen in Tracht beim Festival von Valls. Foto: Carsten heinke/Carsten heinke

Calçots sind das Lieblingsgemüse der Katalanen. Beim Fest Calçotada zelebrieren sie die zarten Sprösslinge der weißen Schalenknollen auf dem Grill und mit viel Soße.

Carmes Küche ist ein Tempel der Aromen. Vor allem das Olivenöl, das ihr Mann Antonio und der Sohn Àngel selbst herstellen, scheint seinen Duft von Sonne, Gras und reifen Zitrusfrüchten längst auf das Inventar des Raums vererbt zu haben.

 

Heute riecht es in dem Haus, das an einem Hang der Serra de Marina nicht weit von Barcelona steht, auch nach frischen Frühlingszwiebeln. Und zwar nach ganz speziellen – Calçots genannt. Ihren milden, lieblichen Geschmack erhalten die Sprösslinge der weißen Schalenknollen durch Veredelung.

Dazu steckt man fertig ausgebildete, schon geerntete Zwiebeln nochmals in den Boden. Sobald der Keimling seine Nase aus der Erde streckt, wird er erneut und wiederholt bedeckt und wächst so weiter, ohne grün zu werden. So entwickelt sich ein strammer, langer Körper ähnlich wie beim Porree, nur kleiner und viel zarter.

Calçotada – Nationalgericht in Katalonien

„Die werden uns gut schmecken“, sagt die Katalanin mit der bunten Schürze schwärmerisch und nimmt die dicken Stängel liebevoll aus dem Papier. Doch weder für Salat noch für Suppe sollen die knubbeligen Schlotten dienen.

Als Hauptzutat der Calçotada, Nationalgericht in Katalonien, sind sie zugleich die Hauptakteure bei dem Fest, das man eigens dafür inszeniert – völlig gleich, ob für eine Stadt, im Restaurant oder so wie heute hier im Dorf Tiana: mit Familie und Freunden.

Während die Hausfrau nun ein paar der Zwiebelstangen putzt, kümmert sich ihr Gatte draußen um den Rest. Als Erstes holt er Feuerholz. Neben den Weinstöcken, an deren knorrig-krummen Ästen schon junges Laub und Minitrauben sprießen, liegt ein Haufen trockener Rebenzweige aus dem Winter. Der weißhaarige Mann trägt sie zum Gartenhaus, das im Wesentlichen aus einem rußgeschwärzten Ofen, Dach und Tisch besteht, zündet sie an und lässt sie knisternd lodern.

Königin der katalanischen Küche

„Die Zwiebel ist die Königin der katalanischen Küche“, erklärt der 83-Jährige feierlich, klemmt das Kultgemüse zwischen zwei Gitter und legt es in das offene Feuer. Nach fünf bis zehn Minuten nimmt Antonio die nunmehr eher schwarzen Leckerbissen mit Handschuhen vom Grill.

Je ein Dutzend – eine durchschnittliche Portion – rollt er in Zeitungspapier ein. „Innen garen sie jetzt noch weiter“, weiß der Profi und legt die heißen Päckchen stilgerecht auf Lehmdachziegel. So bleiben sie noch lange warm.

Mutter Carme deckt den Tisch auf der Terrasse. Wie ein großer Schirm schützt sie die Krone eines alten Maulbeerbaums. Über der geblümten Wachstuchdecke erscheint als dunkelblauer Streifen, umrahmt von Palmen, das Mittelmeer am nahen Horizont.

Die Calçots, die sie inzwischen mit Ei und Mehl paniert und in der Pfanne mit Olivenöl gebraten hat, liegen duftend, knusprig-goldgelb auf dem Teller. In den Schüsselchen daneben steht Romesco, die leicht pikante Soßenpaste von kräftig oranger Farbe. „Jede Familie hat ihr eigenes Rezept dafür“, sagt Carme.

Salvitxada – Rotwein aus Schnabelkrügen

Eine ebenfalls sehr populäre Tunke ist Salvitxada. Die passt auch wunderbar zum Fleisch, das man gewöhnlich nach den Zwiebeln isst und das deshalb jetzt schon überm Feuer röstet. Zu trinken gibt es reichlich Rotwein, und zwar aus Porrós – Schnabelkrügen.

Diese sehr speziellen, wie gläserne Gießkannen aussehenden Gefäße stammen ebenso wie die Calçots aus Valls. Die kleine Stadt, 20 Kilometer nördlich von Tarragona, ist normalerweise jährlich Ende Januar Austragungsort des Calçotada-Festivals. Die Straßen sind dann voller Menschen. Alle essen, trinken, feiern das geliebte Lauchgewächs mit Gelagen, Musik und Tänzen.

Zu den Höhepunkten zählen Wettbewerbe: Beim Schnellessen siegt, wer sich in 45 Minuten die größte Menge Grill-Schalotten einverleibt. Der Rekord liegt bei unglaublichen 275 Stück, sprich 3,83 Kilogramm.

Besonders angesichts von solchen Zahlen erklärt es sich von selbst, dass Calçotadas stets an der frischen Luft stattfinden. Denn die blähpotenten Schmankerln verfügen wahrlich über explosive Kräfte. Wegen der Pandemie fand in den letzten beiden Jahren das große Festival nicht statt, dafür im kleinen Rahmen umso häufiger.

„Zahlreiche Restaurants in Katalonien haben die traditionelle Schlemmerei über Monate auf ihren Speisekarten“, sagt Carmes Gemüsehändler Boris in Tiana, der noch jetzt im Juni Calçots verkauft.

Riesen-Matscherei und Heidenspaß

Bei Carme und Antonio in Tiana landen endlich die gefüllten Ziegel auf dem Tisch. Wer sich gefragt hat, warum zu einer Calçotada kein feiner Zwirn getragen wird, der weiß es jetzt. Denn dieses urig-deftige Spektakel ist eine Riesen-Matscherei und ein Heidenspaß.

Denn während man die angebrannte Außenhaut in einer Hand hält, zieht man mit der anderen das warme, saftig-weiche Innenteil heraus, tunkt es in die Soße, um es dann im Ganzen – mit ausgestrecktem Arm von oben – wie eine lange Nudel in den Mund zu führen. Besteck ist bei der rustikalen Schlemmerei tabu, Sabberlätzchen ebenfalls. Die gibt es nur im Restaurant. Deshalb sehen Tisch und Leute am Ende wie nach einer Vorschulkinderparty aus.

Info: Anreise

Flug ab Stuttgart nach Barcelona z. B. mit Vueling (www.vueling.com) oder Eurowings (www.eurowings.com). Innerhalb des Ballungsraumes Barcelona gibt es einen guten ÖPNV (www.barcelona.de/de/barcelona-oepnv.html, Zehnerkarte Regionalzüge, Metro/Bus Zone 1: 11,35 Euro).

Unterkunft

Ein gemütliches Bed & Breakfast ist das Can Ballús bei Tiana in der Region Maresme, ca. 20 km vom Zentrum Barcelonas, in einem sanierten Bauernhaus mit Meerblick, umgeben von Weinbergen, Pinienhainen und Büschen. DZ/F ab 111 Euro, www.canballus.net.Ein elegantes Stadthotel ist das Hostal Badaloni im Herzen von Badalona, nur wenige Hundert Meter vom Strand entfernt. DZ/F ab 76 Euro, www.hostalbadaloni.com.

Essen und Trinken

Das familiengeführte Restaurant Mas Blanc in Tiana bietet außer Calçots auch viele andere Gerichte der katalanischen Küche sowie regionale Weine. Genießen kann man das alles in den urigen Räumen des historischen Landgasthofes oder auf der großen Terrasse, www.masblanctiana.com.

Aktivitäten

Überreste der römischen Stadt Baetulo zeigt zusammen mit interessanten Fundstücken das Stadtmuseum von Badalona, www.museudebadalona.cat. In der landschaftlich reizvollen Umgebung gibt es viele Wanderrouten. Stationen sind z. B. das Kloster Sant Jeroni de la Murtra oder Burgruinen wie Castell De Sant Miquel oder Castell de Burriac.

Weitere Infos

https://katalonien-tourismus.de/, www.catalunya.com, www.spain.info/en/region/catalonia

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